Geschichte des Komiker-Handwerks (21)

Fortsetzung vom 18. Mai 2020

Der Borscht Belt

Die Catskill Mountains, etwa 90 Autominuten von Manhattan entfernt, werden auch die „Jüdischen Alpen“ genannt.
Jüdische Urlauber dominieren die Gegend etwa so wie der deutsche Touri den Ballermann – wenn es dort auch weitaus gepflegter zuging. Eine Reihe von Urlaubsorten – Borscht Belt genannt – schlängelt sich durch ein Gebiet, das  New Yorks Adirondack Mountains umfasst, die Pocono Mountains in Pennsylvania und die neuenglischen Berkshires. Besonders in den 30er bis 50er Jahren florierten dort unzählige Urlaubshotels, Sommercamps und Bungalow-Kolonien.
Wie es dort aussah und zuging, ist in „Dirty Dancing“ für die Nachwelt festgehalten.* Doch der Film legt seinen Schwerpunkt auf die Musik und die sportlichen Freizeitvergnügungen der Urlauber. Außerdem wurde hier in den traditionellen „Summer Stocks“ sehr engagiertes Laientheater gepflegt, und auch die Comedy spielte eine wichtige Rolle. (Davon erzählt wiederum eine hochdramatische Passage aus „The Front“, einer Satire, die in der McCarthy-Ära spielt.)

Im Borscht Belt Circuit begannen die Karrieren mehrerer Generationen überwiegend jüdischer Comedians. Neben ihren Solo-Auftritten fungierten sie auf Wunsch der Hotelbesitzer auf allen Gebieten und in sämtlichen Gewerken des Entertainment: als Produzenten, Regisseure und Autoren, als Sänger, Conférenciers und Schauspieler, als Kostümschneider, Bühnenbildner und Elektriker – außerdem freilich als Kellner.
Nach dem Showprogramm hatten die fast ausschließlich männlichen Kollegen noch als Gigolos, Hundeausführer, Witwentröster und schlicht als nette Gesellschaft der Gäste bereitzustehen.

Das Publikum – der jüdische Anteil lag dort noch höher als unter den Künstlern – galt als besonders zäh und schwer zu bespielen. Die zuverlässig anwesenden besoffenen Zwischenrufer („Hecklers“) gliederten sich in zwei Störer-Typen: den sinnlos Lallenden und die verkappte Naturbegabung. Der Komiker Fred Greenlee beklagte sich im „Rolling Stone“** besonders über die zweite Gruppe: diese Leute verfügten über ein perfektes Timing und redeten den größten Blödsinn, ehe sie eine perfekte Punchline ablieferten.
Es war ungemein frustrierend. Und es war außerordentlich lehrreich.
_________________
* Dieser Film hat seinerseits ein wichtiges Vorbild, das diesen Schauplatz würdigt, siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/04/24/die-wahre-geschichte-von-dirty-dancing/
* Nr. 538, 3.11.1988

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit

Dieser Beitrag wurde unter Buchauszug, Film, Kabarett und Comedy abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.