Raymond Carver – Die Helden aus der Mittelschicht

betr.: 82. Geburtstag von Raymond Carver (†)

Raymond Carvers ganz großer Ruhm kam mit „Short Cuts“, einem dreistündigen Werk des Filmemachers Robert Altman, das dem Begriff „Episodenfilm“ eine neue Bedeutung gab und einen entsprechenden Trend auslöste. In den 60er Jahren bedeutete dieser Ausdruck ein Pottpurri aus mehreren kurzen Geschichten, die hintereinander erzählt wurden. In der neuen und bis heute üblichen Variante laufen die Geschichten – in diesem Falle die Short Stories von Raymond Carver – parallel nebeneinander her und kreuzen sich immer wieder.

Der Autor war wenige Jahre zuvor mit nur 49 Jahren verstorben und hatte es in Fachkreisen bereits zu gewissen Ehren gebracht: ihm wurde nachgesagt, er habe das Genre der amerikanischen Kurzgeschichte für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso nachhaltig verändert wie Hemingway es für die erste getan hatte.
Inzwischen kam ans Licht, Carvers prägnanter, knapper Stil sei gar nicht sein Werk, sondern das Verdienst seiner Frau gewesen, die in seinen eher weitschweifigen Texten ordentlich herumgestrichen habe.

So oder so handeln Carvers Geschichten vom Alltag der Alltagsmenschen (es sind durchweg Männer) und spielen auf der Verliererseite des Lebens. Er schrieb von einer Welt, die wir gut kennen (und sei es aus der Erinnerung): ununterbrochen läuft der Fernseher, Milchtüten und Ketchupflaschen stehen auf dem Kühlschrank, Asche fällt von der Zigarette, und die Leute tragen ihre dreckigen Strümpfe in den Waschsalon. Hier kommt es auf die Misslichkeiten an, die sich im Subtext abspielen. Carver beklagt sich nicht, die Schmerzen seiner orientierungslosen Figuren sind zu banal. Um zu ironisieren, ist er seinem Personal zu nah, und der Mut, den er ihm zuspricht, ist verhalten und reicht immer nur bis zum nächsten Missgeschick.

Raymond Carver stammte aus kleinen Verhältnissen, und nichts in seiner frühen Biographie weist auf eine literarische Laufbahn hin. Doch dann belegte er an seiner Universität in Iowa einen Kurs in Creative writing. Sein Lehrer war John Gardner, über den Carver später sagte: „Er wurde nicht müde, mir zu erklären, worauf es beim Schreiben einer Kurzgeschichte ankommt, nämlich auf alles! Er half mir, zu verstehen, wie wichtig es ist, auf der Genauigkeit des Ausdrucks zu bestehen. Und er hat mir gezeigt, wie man mit einem Minimum an Worten ein Maximum an Aussage erzielen kann.“ Die letzte Äußerung dürfte seine Leser nach der Enthüllung des Lektorats durch seine Gattin verblüfft haben.

Es sind stets Kleinstädte, triste Nester in der amerikanischen Provinz, wo seine Geschichten spielen, Alkoholismus, Gewalt und Depression plagen die Seelen ihrer Bewohner. Eine falsche Geste, ein entgleisender Blick, und ihre ganze Tragik wird spürbar.
Der heitere Unterton von „Short Cuts“ dürfte dem Autor ebensowenig behagt haben wie Altmans Entscheidung, Los Angeles zum Schauplatz seiner Collage zu machen.

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