Welche Maske?

betr.: 64. Geburtstag von „Johnny Zuweger“

Zu den kostbarsten weil aufschlussreichsten Dokumenten in meinem Musical-Geschichtsunterricht zählte eine Backstage-Reportage aus den 90er Jahren. Das Fernsehen hatte parallel zur Übertragung einer deutschen Musical-Produktion die wichtigsten Mitwirkenden mit der Kamera begleitet. So auch den Bösewicht.
Es handelte sich hier (logischerweise!) um einen Amerikaner, der diesem Projekt nicht nur seine Soulstimme zur Verfügung stellte, sondern sich ganz und gar verausgabte und in seinen Part hineingab. Flüchtige Betrachter im Saal finden dieses Phänomen zumeist ganz amüsant, auf der Bühne ist es ein klein wenig anders. Die näheren Umstehenden ziehen in einem solchen Fall eher den Hut und gehen schnell weiter.
Da ich diesen Aspekt des Darstellerberufs für ein sehr wichtiges Thema halte – das Tragen einer Maske und die Gefahr, mit der Zeit in Verwirrung zu geraten, welches Gesicht denn nun das eigene ist –, freute ich mich bei jedem neuen Jahrgang auf die Stunde, da wir uns diesen Videoclip zusammen anschauen und darüber diskutieren würden.

Darin sehen wir den Schurken der Show privat. Er hat gerade seinen Auftritt beendet und entkommt einem Inferno aus finsteren Rock-Akkorden und Trockeneis. Das Kamerateam fängt ihn im Abgehen hinter dem Vorhang ab, als er schreiend in den Backstage-Bereich zurückkehrt. Die laufende Kamera bemerkend bleibt er in seiner Rolle und verlängert seinen Schrei, als er durch die kahlen Flure rennt. Die Kamera nimmt die Verfolgung auf, er rast weiter. Und er schreit weiter – eine endlos wirkende, durchgehende Einstellung lang.
Immer wieder sehen wir vereinzelte Mitarbeiter der Produktion: einige erschrecken sich vor dem schwitzenden Schamanen und springen zur Seite, einige machen eher kopfschüttelnd Platz, um nicht über den Haufen gerannt zu werden.
Wir erreichen gemeinsam die Garderobe.
Noch immer brüllt der Künstler wie am Spieß und ruft nach seinem Dresser, einem schüchternen jungen Mann, den die Anwesenheit des Fernsehteams verlegen macht. Der Künstler spielt seinen Part als Ausgeburt der Hölle weiter – schließlich handelt die Sendung ja auch von den Figuren des Stücks. Er spricht deutsch mit amerikanischem Akzent (was man nicht häufig erlebt). Der Dresser versucht, sich außerhalb des Bildes zu schummeln, doch er wird vom Bösewicht zurückgerufen. Mit masochistischer Freude lässt sich dieser – noch immer ohne Schnitt – stöhnend aus seinem Kostüm herausschälen, so als würde ihm die Haut abgezogen. Er bezieht seinen Helfer in dieses improvisierte Sadomaso-Spielchen mit ein, dessen Unbehagen wächst.

Ehe zuviel Haut zum Vorschein kommt, formuliert der Darsteller – völlig erschöpft und heiser von seiner Brüll-Attacke – eine launige Überleitung à la „Sehen Sie sich diese Show an!“ und schiebt die Kamera zur Seite.
Wir schalten um in das Heim des Künstlers. Er empfängt uns mit leiser Stimme in der typischen, etwas spartanisch eingerichteten Unterkunft eines Schauspielers, der für ein Jahr oder länger in einem 8-Shows-pro-Woche-Engagement arbeitet. Durchs Fenster sehen wir eine friedliche Vorstadt.
Unser Gastgeber erzählt von seinem Aufwachsen im Gospel-Chor seiner Mutter und spricht mit Dankbarkeit von der Mitwirkung in dieser Produktion. Er zeigt uns seinen kleinen Hausaltar und verabschiedet sich mit einem kurzen Meditations-Ritual.
Die beiden Gesichter in diesem Kurzportrait mögen widersprüchlich wirken, doch gemeinsam ergeben sie ein sehr einleuchtendes, schlüssiges Bild.

Nach der Vorführung bat ich die Klasse jedesmal, mir zu sagen, was sie bei der Nachricht empfinden würden, mit diesem Mann demnächst gemeinsam engagiert zu sein (Neugier, Vorfreude, Sorge, Wachsamkeit, Gleichgültigkeit …?). Ich wollte herausfinden, ob sie ihm eher den spirituellen Privatmann glaubten oder den wahnhaften Wüterich.
Es waren stets sehr fesselnde Gespräche, die dann folgten.

Die Studentinnen und Studenten ließen sich auf die Idee ein, dies könnte ein künftiger Garderoben-Nachbar sein, den sie gerade gegoogelt haben.
Einige glaubten ihm, dass der zweite vermittelte Eindruck seiner wahren Natur entspreche. Viele wollten das gerne glauben, hatten aber erkennbare Mühe. Sie versuchten es mit kollegialem Optimismus. Einige wenige sagten, er wäre ihnen eher unheimlich, und sie würden sich lieber erst einmal von ihm fernhalten.
Ein kluger Vorsatz, wie ich später erfuhr.

Ich entdeckte diesen Darsteller noch in einem weiteren Interview, das zwei, drei Jahre später entstanden war, und erschrak mich etwas, weil von seiner Sprechstimme kaum mehr als ein Krächzen übrig war.
Dann stand ich mit einem Schauspieler gemeinsam auf der Bühne, der den betreffenden Kollegen tatsächlich kennengelernt hatte. Der hatte einer Mitspielerin im Rausch der künstlerischen Gestaltung einen Zahn ausgeschlagen. Er selbst war inzwischen gestorben. Am hellichten Tag war er in einer Fußgängerzone zusammengebrochen. Mit Mitte 40.

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