James Bond trifft die Blaue Elise

betr.: Jens Wawrczecks neues Hitchcock-Hörbuch

Wichtiger Hinweis für die Zeit nach der Corona-Theatersperre: von jedem seiner Hörbücher fertigt der Künstler auch eine Live-Bearbeitung in abendfüllender Länge an, bei der ihm ein/e Musiker/in zur Seite steht. Ich wünsche mir diese Version in der zweiten Auflage als Bonus-Track!

Wie der drei Jahre zuvor entstandene Klassiker „Casablanca“ wurde auch „Notorious“ weltkriegsbedingt erst mit Verspätung deutsch synchronisiert – und doch etwas zu früh für gewisse Bedenkenträger. Beide Filme wurden im Dialog „entschärft“ und Ende der 60er Jahre in einer zweiten Synchronfassung richtiggestellt.
In der jungen Bundesrepublik meinte man nämlich, dem Publikum die Nazis ersparen zu müssen, die als zeitgeschichtliche Bösewichte in der Handlung vorkommen. Bei „Notorious“ musste das Uranerz aus dem Film herausgeschrieben werden, das diese Nazis brauchten, um Atomwaffen für einen neuen Krieg herzustellen. Hitchcock hat später Truffaut gegenüber damit kokettiert, er habe das mit dem Uran einfach erfunden und damit gewisse Regierungskreise nervös gemacht; die Idee sei viel näher an der Realität gewesen, als er geahnt habe.

„Notorious“ hieß in der ersten Version „Weißes Gift“. Aus den in Südamerika untergetauchten Deutschen, machte man eine Bande von „Drogenschmugglern“. Ganz stimmig ist der Titel nicht. Wir erinnern uns an die Szene, in der das Agentenpaar den Weinkeller des Oberschurken untersucht und eine Flasche zerbricht, in der sich verdächtiges schwarzes Granulat befindet. Daraus werden die „Kristalle eines Grundstoffs, aus dem die Bande ihre gefährlichen Rauschgifte herstellt“ („Illustrierte Filmbühne“ Nr. 1103). Die „Film und Mode Revue“ Nr. 19 vom September 1951 wusste es ganz genau: Hitchcock habe „vor Beginn der Dreharbeiten Einblick in die interessantesten Prozeßakte des Washingtoner ‚Bureau of Narcotics‘, des Generalstabs der amerikanischen Rauschgiftabwehr“ genommen, um seinen Drehbuchautor Ben Hecht entsprechend instruieren zu können.
Damit wollte die zweite Synchronfassung von 1969 nun aufräumen, doch sie produzierte ein anderes Problem. Sie entstand genau zu dem Zeitpunkt, als sich im deutschen Synchronbetrieb eine Billig-Methode für die TV-Premieren alter Filme etablierte, bei der auf Atmosphäre keinerlei Wert gelegt und sehr sorglos mit  Archivmusik gearbeitet wurde, um den alten Soundtrack zu ersetzen.
Auch die Besetzung der Stimmen war für meine jugendlichen Ohren nicht unproblematisch, als ich den Film im Fernsehen sah – gerade weil ich sie so gernhatte. Cary Grant spricht nun mit der Stimme von Niels Clausnitzer, also der des amtierenden Agenten 007 Roger Moore, und Ingrid Bergman mit der von Marianne Wischmann, die mir von „Miss Piggy“ und einem wunderbaren blauen Ameisenbär aus dem Kinderprogramm vertraut war. Ich musste „Notorious“ / „Berüchtigt“ mehrmals sehen, um mich von diesem Reflex halbwegs freizumachen.

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