Die Filmmusik und ich (5): Fetter Sound für alle!

betr.: F.A.Z.-Feuilleton und „Klassik-Pop-et cetera“ (DLF) vom heutigen Tage

Der kürzliche Tod von Ennio Morricone brachte eine Information zutage, die viele Fans überrascht haben dürfte: der Regisseur Sergio Leone erlaubte ihm, die Musik vor Beginn der Dreharbeiten zu komponieren und spielte sie dann am Set. Morricones gewaltige Klanggebäude waren nicht nur Stimmungsmacher für das Ensemble, sondern gaben ihm sogar das Timing vor. (Angesichts solcher Freiheiten mutete das Gejammer des allseits verehrten Maestros etwas kleinkrümelig an, er fühle sich beim Film generell bevormundet und genieße es sehr, wenn er einmal keine Programmmusik schreiben müsse.)

Die heutige Ausgabe der Sendung „Klassik-Pop-et cetera“ mit dem Gastmoderator Benedict Wells brachte mir dieses Detail wieder in Erinnerung. Benedict Wells pflegt vor jedem neuen Roman Soundtracks zusammenzustellen, sie bei der Arbeit immer wieder zu hören und sie später als Playlist auch den Lesern mitzugeben.
Es war eine besonders vergnügliche Sendung, die mich auch dann ansprach, wenn sich gewisse Mentalitätsunterschiede offenbarten. Dass Musik für Wells bis zum Alter von 19 Jahren eigentlich keine Rolle gespielt habe, ist für mich ganz unvorstellbar (ich wäre in meiner Kindheit verrückt geworden, wenn es darin nicht von Anfang an Musik gegeben hätte …). Doch wie er sich doch noch zum Musikfreund mauserte, ist bemerkenswert. Angefixt durch ein Werbeplakat für das neue Album einer Band, besorgte er sich das Album trotz knapper Kasse – und mochte es nicht. Das schob er aber auf seinen Mangel an Erfahrung und Musik-Kompetenz. Wells beschloss, sich diese CD so oft anzuhören, bis sich ihm die Qualität der Musiker vermittelte, die doch auf dem Plakat so einen coolen Eindruck machten. Und tatsächlich: auf einmal habe es „Klick!“ gemacht. Von da an sei sein Musikgeschmack auf null geeicht gewesen. Von nun an habe ihn Musik interessiert.

Auch für mich hat es eine solche Ur-Schallplatte gegeben, deren oftmaliges frühzeitiges Anhören mich bis heute prägt. Ich liebte sie aber vom ersten Tremolo an und habe sie mir nicht erst erarbeiten müssen (das habe ich später mit anderen Titeln getan*). Diese Platte war in meinem Fall eine EP aus der Reihe „Ein musikalisches Portrait“ und dem Komponisten George Gershwin gewidmet. Die hier meisterlich vorgeführte und für Gershwin typische Verbindung aus sprungbereitem Jazz und europäischer Spätromantik ist mir seither ebenso wichtig wie die beglückende Wirkung großer Melodien, die einen Text transportieren können, ihn jedoch nicht brauchen. Diese Platte war die früheste Grundlage meiner Lebensfreude und die wichtigste Ursache dafür, dass mir die 80er Jahre später so unerträglich waren.

Dazu passt auch die Überlegung, die der Jungwagnerianer Thomas A. Herrig heute in der F.A.Z. anstellt. Er beschreibt, wie ihm mit 17 Jahren ein Live-Erlebnis der „Walküre“ Gänsehaut und gesträubte Haare bescherte. Eine musikalische Vorprägung dürfte er zu diesem Zeitpunkt schon gehabt haben. Die Begegnung mit der Klassik hat also vermutlich frühere Vorlieben beiseitegeräumt. Herrig beklagt den Reflex eines übertriebenen Respekts, der die meisten bei einem solchen Klassik-Erlebnis befällt und den unheilvollen Hang der kulturellen Entscheidungsträger, diesem Reflex mit elitärem Gehabe Vorschub zu leisten. Viele potentielle Liebhaber ließen sich davon abschrecken, wie „sozial distanzierend“ ihnen diese Musik verkauft wird, deren „fetten Sound“ sie doch andererseits in Computerspielen und bei „Star Wars“ ganz ansprechend finden.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/01/16/der-tapfere-kleine-schallplattenfreund/

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