Geschichte des Komiker-Handwerks (35)

betr.: „Saturday Night Live“ (iv)

Fortsetzung vom 2.8.2020

Sex And Drugs And Comedy*

Was (oberflächlich betrachtet) von Anfang an reichlich anti-established anmutete, war der enorme Konsum an Rauschmitteln, der „SNL“ begleitete. Kaum hatte John Belushi 1977 mit seinem Partner Dan Aykroyd die „Blues Brothers“ kreiert, eröffnete er im West Village die „Blues Bar“, in der die Kollegen nach dem Ende der TV-Übertragung all das wegkiffen, -spritzen und –saufen konnten, was bei der Produktion der Sendung übrig geblieben war. Der Laden war öffentlich, aber nicht für jeden zugänglich. Es war laut, voll und stickig und die ideale Umgebung für all jene, die nicht bei Sendeschluss auf eine normale Betriebstemperatur herunterschalten konnten oder wollten.
Eine Beschreibung dieses Zufluchtsortes und seiner Bedeutung für die Crew liest sich wie die ultimative Ausrede aller Menschen mit Drogenproblemen – und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Bill Murray sie formuliert hat, der ein Image als fast im Stehen schlafender Stoiker pflegte: „Du musstest nach der Show Dampf ablassen. Man hatte diese komplett andere, seltsame Energie. Man war nicht bereit für normale Menschen. Wir brauchten einen sicheren Ort, um runterkommen und wieder schlafen zu können.“
Und manchmal war es eben ein besonders tiefer Schlaf. Der prominenteste Drogentote dieser erlesenen Runde war 1982 Barbesitzer Belushi selbst.
Der Einwand, der Drogenkonsum der Künstler sei doch schließlich deren Privatsache und gehöre nicht in eine solche Erörterung, greift zu kurz. Schließlich ist Comedy eine Variation des Rockstar-Themas, in dem das uralte Klischee vom rauschhaften Künstlerleben bis in unsere Tage fortgeschrieben wird: der Künstler hat kein geregeltes Einkommen, zu gewissen Kreisen keinen Zutritt und in manchen Gegenden tief unten im Süden keinen Anspruch auf ein christliches Begräbnis, dafür aber mehr Spaß und besseren Sex.
Ebenso legt es die Comedy (im Gegensatz zum Kabarett!) auf den Jubel der (jungen) Massen an und verzichtet notfalls gern auf den Segen der älteren Generation. 

Der Konsum von Kokain wurde lange Zeit als unverzichtbarer Treibstoff bei der wöchentlichen Herstellung von „Saturday Night Live“ ausgegeben. Nach John Belushis Tod begann man, sich nach außen hin zurückhaltender zu geben, und auch intern muss es etwas ruhiger geworden sein. Wenn man Tina Fey glaubt, hat sich diese Wandlung in knapp 40 Jahren bis zum Nullpunkt vollzogen. In den 2010er Jahren beklagte sie sich in der „Vanity Fair“: „Es gibt keine Drogen und keinen Sex mehr in der Show“.
Ob das nun stimmt oder nicht, als öffentliches Statement ist es hochinteressant.

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