Geschichte des Komiker-Handwerks (43)

Fortsetzung vom 4.9.2020

Die Damen lassen bitten

Cadwiller Olden
s provokante Feststellung, dass Frauen von sich aus überhaupt nicht komisch seien*, ist auch ein Hinweis darauf, dass verbale Comedy lange Zeit eine rein männliche Angelegenheit war. William Keough hat festgehalten, dass Frauen im Anfang nur als Zielscheibe männlichen Humors eine Rolle spielten, also innerhalb der traditionell aggressiven amerikanischen Materialtradition. (Das mag uns Heutige verblüffen. In der Comedy unserer Tage brauchen Frauen zwar länger im Bad, können nicht einparken etc., doch meistens sind sie vom männlichen Comedian begehrte Wesen, über die in einer Art und Weise geredet wird, als wolle dieser potenzielle Groupies nicht verschrecken.)
Allgemein gilt in der westlichen Kultur – ich gebe dies hier der guten Ordnung halber wieder – Aggression als eine typisch männliche Charaktereigenschaft, die dem Stereotyp der Frau als „passives, unterwürfiges und friedfertiges Wesen“ gegenübersteht.

Während sich im komischen Film (naturgemäß ein Ensemble-Medium) frühzeitig eine Handvoll attraktiver weiblicher Witzbolde in einer männlichen Domäne behauptete – Thelma Todd, Carole Lombard, oder die Marilyn-Monroe-Vorläuferin Jean Harlow sind nur ein paar Beispiele – genügte es in der solistischen Stand-Up Comedy zunächst, dass Männer über Frauen redeten.   
Doch die Quote ging aufwärts: Mitte der 80er Jahre stellte Julia Klein in einem US-Frauenmagazin fest, dass sich innerhalb von zwanzig Jahren das Verhältnis der weiblichen zu den männlichen New Yorker Komikern von 1:25 auf 1:5 emporgearbeitet habe.

Die ersten weiblichen Comedians hatten mit dem Klischee zu kämpfen, dass ein Kopieren des männlichen Modus der Derb- oder Frechheit ihre Femininität mindern könnte. Ein attraktives Erscheinungsbild wiederum galt als „einschüchternd für die weibliche Begleitung“ des als männlich vorausgesetzten Zusehers. (Dass Frauen von sich aus Comedy goutieren könnten, fiel den Exegeten dieser Kunst nicht ein.) In einem Artikel im „New York Times Magazine“ vom 29.7.1984 folgerte Phil Berger, aus diesem Grund habe sich etwa Phyllis Diller, eine Pionierin der weiblichen Comedy, in den selfdeprecating Humor geflüchtet, „mit bizarren Outfits und viel Gerede darüber, wie hässlich sie sei“. Das tat nicht nur sie.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2020/02/11/15420/

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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