Geschichte des Komiker-Handwerks (45)

Fortsetzung vom 13.9.2020

Schwarze Stand-Up Comedians

Viele der Jokes, die auf der Comedy-Bühne und ihren Vorläuferinnen gemacht wurden, waren – auch das soll hier nicht verschwiegen werden –rassistisch. So wie die Menschen anderer Hautfarbe wollten nicht mal die Underdogs unter den Komikern sein; von den Minstrel-Shows war ja hier schon die Rede.* Bis sich die ersten nicht-weißen Comedians in eigener Sache Gehör verschaffen konnten, hatten sie einen weiten Weg zurückzulegen.
Solange im Film Schwarze nur in Handlanger- und Dienerrollen oder bestenfalls also komische Nebenrolle auftreten durften (also bis in die 50er Jahre hinein), waren sie als Solisten, die ein eigenes Publikum direkt ansprachen, erst recht undenkbar. Das berühmteste „schwarze“ Comedy-Duo Amos’n’Andy (von 1943 an erst im Radio, später im Fernsehen erfolgreich) wurde bezeichnenderweise von Weißen gespielt.
Die ersten schwarzen Comedians traten nur innerhalb ihrer eigenen Community auf (– anders als es ein halbes Jahrhundert zuvor im Jazz gehalten worden war. Hier  spielten in den Anfängen außerdem ausschließlich schwarze Musiker für ein ausschließlich weißes Publikum**).
Nach einer Phase der ironischen Selbstverhöhnung begannen in den 50er Jahren Komiker wie Nipsey Russell, Redd Foxx, Moms Mabley, Flip Wilson oder Godfrey Cambridge, ihre gesellschaftliche Situation kritisch aufzuarbeiten. Das war ein Spannungslöser, ein Ventil, um Dampf gegen die Schikanen einer WASP-dominierten Gesellschaft abzulassen (WASP = White Angelo Saxon Protestant). Der gleichen Problematik stellten sich bekanntlich auch die jüdischen Komiker***, doch die taten das mit Selbstironie statt mit Agitation und von Anfang an vor einem WASP-Publikum.

Erst im Zuge der Bürgerrechtsbewegung gelang dieser Sprung aus der eigenen Gesellschaftsschicht heraus auch den schwarzen Comedians. John Boskin hat festgehalten, dass damit ihre Situation und ihr Lebensgefühl erstmals einem weißen Publikum offenbart wurden. Und bei der gleichen Gelegenheit wurden ihm „neue“ Themen wie Sklaverei und Unterdrückung, gesellschaftliche Ungleichheit und Rassismus zugemutet. Das bald darauf erwachende Kino der Blaxploitation (von black = schwarz, exploitation = Ausbeutung) hatte noch größeren Erfolg beim Mainstream-Publikum und beförderte die Entwicklung hin zu mehr Sichtbarkeit.
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* Siehe dazu das Kapitel „Dirty Hands, Dirty Face“: https://blog.montyarnold.de/2020/03/17/geschichte-des-komiker-handwerks-3/
** Näheres dazu in der Reihe „Broadway’s Like That“ oder im Artikel https://blog.montyarnold.de/2016/08/04/now-you-has-jazz/
*** Siehe dazu das Kapitel „Jüdischer Humor in der Stand-Up Comedy“: https://blog.montyarnold.de/2020/08/31/16584/

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“
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