Seitenblick auf Reich-Ranicki

betr.: 7. Todestag von Marcel Reich-Ranicki

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war die spannendste öffentliche Figur in der Geschichte der Bundesrepublik. Und wer – richtigerweise! – darauf hinweist, eine Karriere wie die seine könne heute wohl niemand mehr machen, fügt am besten gleich hinzu, das sei schon damals, als sie tatsächlich gemacht wurde, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen: ein beinharter Feuilletonist, der selten über etwas anderes als sein orchideenhaftes Thema reden wollte und der es zum Popstar gebracht und sein Thema gleich mitgenommen hat. Und in der Flut der Zeugnisse, die er in verschiedenen Medien hinterlassen hat, habe ich nicht eine sentimentale Zeile gefunden.

Als Reich-Ranicki starb, wurde im Fernsehen natürlich viel über ihn geredet. In einer regulär stattfindenden Talkshow wurde ein kleiner Einspielfilm gezeigt, der ihn in den allseits bekannten explosiven Momenten zeigte – drollig-knallig formulierend, Verrisse austeilend und „diesen Preis nicht an“nehmend. In der Gesprächsrunde saß auch Til Schweiger, der nun ebenfalls gebeten wurde, etwas zum Thema zu sagen. Schweiger gab zu, er fand die Collage zwar sehr lustig, habe von diesem Mann aber noch nie gehört. Schade, er werde das vielleicht einmal nachholen.
Da war er der einzige. Alle anderen sprudelten vor Kommentaren. Ein Gast, von dem wiederum ich noch nie gehört hatte, war besonders eifrig. Er warf dem Großkritiker einen längeren Monolog hinterher, der in der kumpelhaften Aussage gipfelte, jaja, so sei er halt gewesen: entweder in den Himmel hebend oder gnadenlos verreißend, dazwischen hätte es halt nichts gegeben. Damit outete sich der Mann als völlig ahnungslos. Hätte er mehr gekannt als sekundenlange Clips, dann hätte er gewusst, dass Reich-Ranicki in seiner Kritik durchaus sehr ausgewogen und sogar leise sein konnte.
Mir war die ehrliche Reaktion Til Schweigers viel sympathischer als dieses Getue.

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