Geschichte des Komiker-Handwerks (53)

Fortsetzung vom 12.10.2020

1986 erfand Marc Kelly Smith in Chicago den Poetry Slam, ein Wettbewerbs-Gruppenlesen, das jungen Dichtern ein öffentliches Forum abseits der Gunst des Literaturbetriebs bieten sollte. In abendfüllender Länge präsentierten bis zu zehn Autoren ihre in der Regel unveröffentlichten Texte (keine Songs oder sonst etwas Musikalisches!) und wurden dann von Länge und Lautstärke des Beifalls oder einer aus den im Saal Anwesenden zusammengestellten Jury bewertet. Heute ist schwer zu sagen, ob Smith die heutige Begeisterung für Ranking-Shows angeschoben hat oder ob er einfach nur einen guten Riecher hatte. In jedem Falle passte die sportliche Komponente bestens zum Publikumsgeschmack der Jahrtausendwende.

Die Rituale und Gepflogenheiten eines Poetry Slam sind denen der Comedy nicht unähnlich: die von Rock-Konzerten übernommene laut-fetzige Auftrittsmusik, die Länge eines Acts (planmäßig 6 bis 10 Minuten), das Fehlen von Requisiten, die Illusion von Authentizität (auch bei Kunstfiguren wie lustigen Automechanikern, Jungpoeten, Mitbewohnern etc.) sowie die Wichtigkeit des Moderators, der seinen Teil zu Dauer und Gelingen des Abends beiträgt. Auch die Zielgruppen ähnelten sich. Hier wie dort handelte es sich um den Typus „lachbereite Partygäste“.

Ab 1994 fand das Konzept auch bei uns Verbreitung. Die deutschen Slams waren von vorneherein weniger politisch als in den USA – schließlich galt es weiterhin, sich vom Kabarett der alten Schule abzusetzen. Zunächst wurde dem Begriff „Poetry“ noch einige Beachtung geschenkt. Reimen mussten sich die Texte zwar nie, auch ein intellektueller Anspruch war nicht festgelegt, doch eine poetische Struktur gehörte zum guten Ton. Außerdem begünstigte sie die Möglichkeit, mit Kunststückchen (Parodie der Deklamation, rhythmisches Schnellsprechen, Zungenbrecher, Stimm-Effekte) zu punkten. Dieser Gestus ging gleichwohl etwas zu Lasten der Individualität. Selbstverständlich durften alle ihr Material ablesen, doch je spitzfindiger und komplizierter der Text, desto imposanter wirkte der freie Vortrag. Gefahr drohte der Kultur (wenn auch nicht der Beliebtheit) des Poetry Slam von der erwähnten Nähe zur Comedy. Traten zwei gleichermaßen gewiefte Sprachvirtuosen gegeneinander an, gewann nicht der poetischere, sondern der witzigere – und eine betrübliche Spirale setzte sich Gang.

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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