Wie man anzündet

betr.: „Feuer der Freiheit“ von Wolfram Eilenberger

Es wird eng im Bücherregal!
Erst vor wenigen Jahren geschah die Aufnahme von H. P. Lovecraft in den Kanon der Klassiker der phantastischen Literatur, und seither kann man ihn ganz normal im Buchladen kaufen – sogar in guter Übersetzung! Die benachbarte Popkultur plündert ihn so fröhlich wie nie. (Es gibt sogar einen exzellenten Lovecraft-Comic!*) Das war überfällig! Auf Lovecraft hingewiesen haben mich Ende der 70er die Marvel-Comics. Da galt er noch als Schund. Heute stellt ihn die Fachwelt mit E. A. Poe in eine Reihe.

Ähnlich verhält es sich mit einer russisch-jüdisch-amerikanischen Autorin (auch sie ein alter Marvel-Lesetipp), die  langsam aber sicher bei uns entdeckt und gedruckt wird.
In den USA gilt Ayn Rand als relevanteste Denkerin der Jahrhundertmitte, hierzulande ist sie bisher bedeutungslos. Im Internet wird sie zumeist als sektiererische raubtierkapitalistische Schwätzerin abgetan.
Endlich kann man sie auch auf deutsch lesen (was ich immer hilfreich finde). Das werden ihre Gegner weiterhin unterlassen, denn unter 1000 Seiten macht sie’s nicht. Ihren Roman „Atlas wirft die Welt ab“ (1600 Seiten, neuer deutscher Titel: „Der Streik“) habe ich erst zur Hälfte durch, trotzdem freue ich mich, dass auch „Der ewige Quell“ (neuer deutscher Titel: „Der Ursprung“) wieder aufgelegt wurde. Zuletzt war er nur als abgegrabbeltes Taschenbuch antiquarisch für einen Mondpreis zu haben. Voriges Jahr brachte das Thalia Theater eine leider völlig überladene Adaption dieses Romans auf die Bühne. In der Einführung entschuldigte sich die Dramaturgin dafür, dass hier einer solchen Fanatikerin ein Forum gegeben werde, aber es handele sich ja immerhin um ein gemäßigtes Frühwerk.
Nun wird Rand zusammen mit drei anderen Philosophinnen in einem Buch näher beleuchtet: „Feuer der Freiheit“. Es geht vorwärts.

Es stimmt schon: Ayn Rand befürwortet den Kapitalismus. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass die 1982 verstorbene Erzählerin und Philosophin die Auswüchse nicht vorhergesehen hat, die dieser annehmen würde, wenn er jahrzehntelang keinerlei Zügelung durch den Gesetzgeber erfährt. Stellt man dies in Rechnung, hat Rand mit vielem recht, z.B. damit, dass die real existierenden bzw. demokratisch durchführbaren Alternativen Faschismus und Kommunismus heißen. Dass Rand nicht hellsehen konnte, ist schade aber nicht unehrenhaft. (Okay – Marshall McLuhan, ihr kanadischer Kollege und Zeitgenosse, konnte hellsehen. Aber deswegen wird er hierzulande auch nicht viel häufiger gelesen.) Ayn Rand, diese streitbare lesbische Dame, war offensichtlich eine Romantikerin (was ihr vermutlich selbst nicht bewusst gewesen ist.)
Außerdem jedoch und zuallererst ist sie eine tolle Erzählerin! Sie ist keine Meisterin der Verknappung, und das steht ihrer Rezeption etwas im Wege. Die Story, die „Atlas wirft die Welt ab“ antreibt, ist ein wirklicher Thriller, dessen Figuren sich allerdings immer viel Zeit nehmen, miteinander – und mit uns – zu debattieren.
Dieser Streit kann jetzt auch im wirklichen Leben losgehen. Und es wäre zur Abwechslung mal einer, der sich lohnen würde.

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* Es gibt inzwischen mehrere Lovecraft-Comics, aber wirklich exzellent ist dieser: https://blog.montyarnold.de/2015/08/20/o-schrecken-schrecken/

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