Unbegrenzte Möglichkeiten

Wie der Journalist Bob Woodward in seinem Buch „Wut“ berichtet, redete der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump in einem Brief mit „Exzellenz“ an und verglich ihre Beziehung mit einem „Fantasyfilm“. Damit hat er diesen Begriff treffender umschrieben als alle, die man üblicherweise darum bittet. Denn die sind entweder Fans oder beruflich betroffen und daher befangen.

Bittet man solche Menschen um die Nennung des größten Vorzugs, der die Fantasy auszeichne, hört man fast immer den Hinweis, in diesem Genre – und nur in diesem – könne wirklich alles passieren. Als erstes Beispiel wird dann jedesmal das Auftauchen eines Drachen genannt.
In einem Punkt haben sie recht: ein Drache taucht in fast allen anderen Genres nicht auf. Doch dass abgesehen davon alles möglich wäre, ist ein Irrtum. Ganz vieles, was sich anderswo ohne Weiteres einrichten ließe, ist in einem Fantasy-Roman oder -Film schlechterdings unmöglich.
Zum Beispiel ein vernünftiges Gespräch auf Augenhöhe – also nicht zwischen zwei Klischeefiguren unterschiedlichen Geschlechts (denn dann ist er ein Held und sie eine komplett lebensuntüchtige Prinzessin … oder eine ekelige Hexe), unterschiedlichen Alters (denn dann ist der eine ein attraktiver, etwas trotteliger Jungspund bzw. verwegener Recke, dem noch der letzte Schliff fehlt, und der andere ein Lehrmeister oder ein schröcklicher Schurke bzw. ein Hasardeur, der gar nicht so schlimm ist wie er aussieht) oder unterschiedlicher Gattung (Elf trifft Gnom, Einhorn trifft gefleckten Tatzelmüff, Gronk trifft Schnork etc.).
Ebenso undenkbar: eine Gefühlsregung, die nicht sogleich wieder relativiert wird, indem sie in den Kitsch oder gleich ins Lächerliche abgleitet. Wer weise ist, dem fehlt es anderswo (Ratgeber sind wahlweise zwergenhaft, fistelstimmig, schrumpelig, sprachbehindert, pingelig oder alles auf einmal), menschliche Macken gar nicht so schlimm (der Macho hat nur noch nicht die richtige abgekriegt und kann es gar nicht erwarten, am Ende des Abenteuers geheiratet und domestiziert zu werden, der Feigling ist in Wahrheit der Mutigste von allen, und die nervige lustige Nebenrolle labert nur so viel Müll, um ein riesengroßes Herz zu kaschieren), die große Liebe ist gleich so viele Nummern zu groß, dass sie natürlich nichts mit dem Leben zu tun hat.
Es gibt nur ein einziges persönliches Problem auf der Welt: alle sind in Wirklichkeit total unsicher, fühlen sich missverstanden und tun, was sie so tun, nur, weil noch nie jemand vernünftig mit ihnen geredet hat: Welt erobern, Schurken fangen, Ratschläge geben oder was Prinzessinnen halt den ganzen Tag so machen. Die Probleme normaler Menschen (jenseits der Unsicherheit) – also Geldsorgen, verlegte Hausschlüssel, die Steuererklärung, aufgeschobene Alltagspflichten, unsympathische Nachbarn, Mieterhöhungen, Corona, Macken, die nicht ohne Weiteres relativiert werden können … – Fehlanzeige.
Und last but not least fehlt es in der Fantasy an den Topoi anderer Genres: Postkutschenfahrten, Nachtclubszenen, Sexszenen, Verhöre, einem Song von Cole Porter, einem Subtext.  
Ein Glück, dass man sich immerhin auf eines verlassen kann: den Drachen, der früher oder später vorbeikommt.

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