Die Marvels wie sie wirklich waren: Remo (1)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Interview mit Remo (Reinhard Mordek)

Ein typisches Grußwort von Remo mit der stets gleichbleibenden Portrait-Vignette, diesmal an der Seite von Susan Storm, dem „invisble girl“. (13. Produktion)

Reinhard Mordek, besser bekannt als Remo, gilt nicht zu Unrecht als Initiator der Williams-Marvels in Deutschland. Als Chefredakteur, zunächst noch unter Verlagsleiter Erwin Heimberger, war er hauptsächlich für die Koordination der deutschen Superhelden-Comics des Bildschriften- bzw. Williams Verlags innerhalb des europäischen Druckverbunds zuständig. Sein Einstieg erfolgte in der Übergangsphase des bsv zu Williams, so dass er u.a. für die letzten sechs „Spinne“-Hefte (Nr. 249 – 254) verantwortlich zeichnete. Interessant sind hierbei vor allem „Spinne“ Nr. 252 – 254, welche bereits den Weg zum Neustart der Superhelden im Januar 1974 aufzeigten. Signet und Schriftzug Inklusive W der Warner Bros., teils handgeletterter Text und „Prinz Namor“ als Zweitheld machten deutlich, wo es hinführen sollte. Mit Klaus Recht als neuem Verlagsleiter hatte Remo u.a. die undankbare Aufgabe, die Druckvorlagen vor Ort in den USA zusammenzusuchen. Dies gestaltete sich nicht immer einfach, denn das Ablagesystem war völlig chaotisch und außerhalb des Marvel-Verlagshauses bei einer anderen Firma, dem Transworld Feature Syndicate, untergebracht. Dennoch gelang es ihm, eine halbwegs vernünftige monatliche Heftproduktion von immerhin sieben Marvel-Titelserien auf die Beine zu stellen.
Für deutsche Verhältnisse unüblich, begannen alle Heftreihen mit dem Abdruck des jeweils ersten Abenteuers der Titelhelden. Die deutschen Comics orientierten sich erstaunlich nahe am Original und man setzte, wo es möglich war, auf Handlettering der Texte. Oder nahm eine Schriftart, die so aussah. Für die Bearbeitung wurde jedenfalls ein riesiger Aufwand betrieben. Schriftzüge, Redaktions- und Leserbriefseiten und die beliebte Monatsvorschau der deutschen Marvel Comics zeugten von ungeheurer Liebe zum Detail. Bei seiner Arbeit wurde Remo von seiner damaligen Frau Ursula („Uschi Kedrom“) unterstützt, die zunächst die Redaktionsseiten und später die Sprechblasentexte von Hand letterte. Obwohl Reinhard Mordek schon nach etwa einem Jahr von Kirsten Isele als neue Chefredakteurin abgelöst wurde, arbeiteten er und seine Frau noch eine ganze Weile im Hintergrund mit, indem sie übersetzten und letterten. Für die deutschen Marvel-Fans und Sammler ist Remo eine Kultfigur, denn schließlich war er, zumindest eine zeitlang, eine Art deutscher Stan Lee, der seine Leser in die unendlichen Weiten des Marvel-Universums entführte.
Mutig stellte sich Remo den zahlreichen Fragen, um nach über 35 Jahren etwas mehr Licht in die wenig bekannten Hintergründe des Williams Verlags zu bringen.

Daniel Wamsler: Herr Mordek, sie arbeiteten Anfang bis Mitte der70er Jahre für den Williams Verlag und waren u.a.für die letzten Ausgaben der Hit Comics unter demTitel „Superhelden“ verantwortlich. Wie kamen SieZu Williams und was waren Ihre Aufgaben?

Reinhard Mordek: 1963 wanderte ich mit 19 Jahren nach Australien aus und kehrte 1970 mit meiner späteren Ehefrau Ursula nach Deutschland (Dortmund) zurück. Bei der NRZ – „Neue Ruhr Zeitung“ – wurde ich Redakteur und 1972 von Erwin Heimberger als Comic-Manager des Bildschriftenverlags eingestellt – obwohl die Anzeige in der FAZ schon mit „Williams Verlag Deutschland“ firmiert wurde. Meine Aufgabe als Ressortleiter Comics mit englischen Sprachkenntnissen war u.a. die inhaltliche und terminliche Koordinierung mit den 14 europäischen Verlagshäusern der Williams-Gruppe sowie die Produktion der 25 Comic-Titel wie „Tarzan“, „Dick und Doof“, Marvel, „Horror“, „Top“, „Illustrierte Klassiker“, „Calimero“ etc.in Alsdorf (Redigieren, terminliche Planung mit Übersetzern und Pflege des engen Kontakts mit dem Grafik-Atelier Ewald Baluch).

Wie war ihr Bezug zu Comics bevor sie sich beimbsv bewarben? In ihrer Kindheit müssen dieComics des Lehning Verlages wie “Sigurd“, „Falk“, „Tibor“usw. die größte Verbreitung gehabt haben.Wie sah Ihre „Comic-Jugend“ aus?

Wie jeder Junge zu der Zeit ohne Computer, Handy und kaum Fernsehen, habe ich die Comics verschlungen – bis spät in die Nacht mit Taschenlampe unter der Bettdecke. Glücksgefühl „hoch drei“, wenn ich mit einem Stapel Comics, ausgeliehen von etwas betuchteren Freunden, nach Hause kam.

Wie lief die Zusammenarbeit innerhalb der bsv-Redaktion ab? Reinhard Taubert ließ einmal ineinem Interview verlauten, dass er mit einer HandvollMitarbeitern, darunter Übersetzer (z.B. DirkHess und Wolfgang J. Fuchs) und ein paar weitereLeute mit unterschiedlichen Aufgabengebieten, inder Hauptsache für die Koordination und daspünktliche Erscheinen der Hefte verantwortlichwar.

Innerhalb der Redaktion gab es damals so gut wie keine Zusammenarbeit. Reinhard Taubert war nach ein paar Wochen plötzlich verschwunden und unser „Chefredakteur“ Wolfdieter Böhmer war total überfordert. Dann waren da noch eine junge Dame, die die Malbücher zusammenstellte, Bodo Baumann – verantwortlich für die Taschenbücher, Hartmut Huff, der „MAD“ koordinierte und ein Redakteur, der den monatlichen Liebesroman schrieb – (ich glaube „Julia“. Vor meiner Zeit wurde an den Texten nicht redigiert. Die Übersetzungen wurden 1:1 übernommen. Daher auch die häufigen Variationen der Schriftgröße in den Sprechblasen. Dem Atelier Baluch war es auch nicht möglich, bei dieser Menge an Titeln effizienter zu arbeiten. Ich habe versucht, die Übersetzer anzuhalten, die Arbeiten früher abzugeben, damit ich mehr Zeit hatte, die deutschen Texte mit den amerikanischen Originalen zu vergleichen – und etwas spritziger-witziger zu formulieren.

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