Fabelhaft gealtert: „Für alle Fälle Fitz“

betr.: Binge-Watching in der Corona-Krise

Ab Oktober 1993 war ganz Großbritannien im Fitz-Fieber, drei Jahre später war es auch bei uns soweit. In der Zwischenzeit hatte es überall auf der Welt hymnische Rezensionen und Auszeichnungen geregnet. Nie zuvor hatte sich eine Krimireihe so tief in kleinbürgerliche Abgründe gegraben und dabei so lebensnah und dreckig gewirkt. Der katholisch vorgeschädigte Jimmy McGovern unterwarf in seinen Drehbüchern die Tristesse unserer 70er-Jahre-Tatorte den Gesetzen des amerikanischen Großstadt-Dschungels, aber ohne den Glamour des Film Noir. Die Dialoge waren so schlagfertig wie in einer Neil-Simon-Komödie.

Die Serie „Für alle Fälle Fitz“ (der anspielungsreiche Originaltitel „Cracker“ wird zu Beginn der dritten Folge erklärt) kreist um den Psychologen Edward Fitzgerald. Der wird eher zufällig zum Profiler der Polizei von Manchester – wiewohl dieser Begriff in der Serie nicht auftaucht, da er damals noch nicht zum deutschen Sprachgebrauch gehörte.
Fitz ist spielsüchtig, wiegt 127 Kilo, raucht 50 bis 80 Zigaretten am Tag, säuft rund um die Uhr und setzt seinen analytischen Verstand zumeist in angriffslustigen Sarkasmus um. Eine solche Figur, wie sie der Autor nach seinem eigenen Bild geformt haben will, hätte auf dem Bildschirm leicht etwas konstruiert wirken können, doch ihr Darsteller füllte sie prachtvoll aus. Der übergewichtige schottische Comedian und Charakterdarsteller Robbie Coltrane  war bei der „Rolle seines Lebens“ angelangt – so sah man das, bis er ein paar Jahre später die vergleichsweise gemütliche Nebenrolle des Hagrid in der „Harry Potter“-Reihe übernahm.
Dieses Detail macht es bereits deutlich: „Cracker“ (1993-96, 1997, 2006), der Straßenfeger, dessentwegen einst ehrbare Bürger ihre Opernkarten verfallen ließen, ist heute vergessen. Das merkt man auch daran, dass immer so getan wird, als habe erst mit der HBO-Serie „The Sopranos“ (1999-2007) das epische Erzählfernsehen heutigen Stils begonnen. Auch die nunmehr zum Service gehörende Angewohnheit, wichtige Figuren über die Klinge springen zu lassen, wird in „Cracker“ bereits vorgelebt. Christopher Ecclestone wollte zum Film und ließ sich aus der Serie herausschreiben. Das wirklich grauenvolle Ende seines jungen, cholerischen Chief Inspector Billborough machte Platz für einen neuen Dienststellenleiter, der fortan als Vorfahr des Maulhelden Hank Schrader aus „Breaking Bad“ ein komödiantisches Glanzlicht setzte.    

Wiedersehen mit einem Klassiker

Ich habe mich zuletzt häufiger gefragt, wie viel von dieser Faszination 25 Jahre später noch übrig ist. Ich wollte mir die erste Episode nochmals gönnen (es handelt sich um insgesamt 18 Spielfilme von 100 bzw. 150 Minuten Länge, die für die Ausstrahlung jeweils zweigeteilt wurden) und dann weitersehen.
Ich sah weiter. Und bin begeistert! Die Serie wirkt exakt so auf mich wie damals. Soweit es mich betrifft, ist sie keine Minute gealtert.
Mehr noch: über weite Strecken war meine Erinnerung so lebendig, dass mir einige darstellerische Finessen auffielen, die ich beim ersten Betrachten nicht ausreichend gewürdigt hatte, z.B. die Entwicklung der ambitionierten jungen Beamtin Sgt. Penhaligon, die nach einer Vergewaltigung in verhärmter Kälte erstarrt.

Robbie Coltrane hatte nach drei Jahren keine Lust mehr, da er um die Qualität der kommenden Drehbücher fürchtete. Die zwei Fitz-TV-Specials, zu denen er sich dann doch noch überreden ließ, bestätigten seine Bedenken. Das spießige US-Remake, in dem man sich für jeden der Fälle nur noch 45 Minuten Zeit nahm, war sogar noch weitaus schlimmer. Hoch lebe „Cracker“, das Original!

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