Neuordnung des Ostens

Immer wenn ich höre, jede Generation habe ein Recht auf eine eigene Neuübersetzung wichtiger fremdsprachiger Literatur, wird mir ein wenig bang ums Herz. Zum Glück bekommt man heute fast jedes Buch antiquarisch, falls die neue Version danebengeht.
Manchmal begnügen sich die Verlage auch damit, das betreffende Werk nicht gleich ganz neu zu übersetzen, sondern nur daran herumzupopeln. Man beseitigt einige Formulierungen, die das Alter des Textes – auch des ursprünglichen – verraten könnten, um uns Heutige nicht zu irritieren.
Die Ergebnisse dieser Bemühungen begegnen mir gelegentlich im Prima-Vista-Unterricht, wenn meine Schüler mit einer jüngeren Auflage arbeiten.

Dieser Tage war es einmal umgekehrt. Meine Kishon-Gesamtausgabe ist zu umfangreich, um sie neu zu übersetzen, der Autor fällt zu sehr unter „Unterhaltung“, um die Grundrechte irgendeiner „Generation“ zu tangieren, und außerdem wird der auch alte Übersetzer Friedrich Torberg noch immer von vielen geschätzt. So hatte ich also diesmal die verschlimmbesserte Fassung vor mir. Der Text mit dem Titel „Butterfly“ wurde erstmals 1984 gedruckt.
Anstatt „Leb wohl, gelbe Rose aus dem Orient“ steht da „Leb wohl, gelbe Rose aus Asien“. Was hat man sich dabei gedacht?
Ich erinnere mich, dass wir zu Kishons Zeiten bei dem Begriff „Orient“ zuerst an den Fernen Ost gedacht haben. In der Popkultur wimmelte es von asiatischen Charakteren, die manchmal die Hauptrolle spielten („Charlie Chan“, „Mr. Moto“, immer wieder Bruce Lee …), manchmal eine Nebenrolle („Hop Sing“ in „Bonanza“, „Charlie“ bei „Mr. Magoo“, „Sam Fujiyama“ in „Quincy“, immer wieder Pat Morita …), die aber stets sympathisch waren und – was sich heute nicht mehr gehört – auch schonmal die Lacher auf ihrer Seite hatten.
Spätestens mit dem „11. September“ ging eine Veränderung vor sich. Der Nahe und der Mittlere Osten sind uns seither viel präsenter, wenn auch in den Nachrichten und nicht so sehr in der leichten Unterhaltung. Unter „Orient“ verstehen wir heute spontan eher die muslimische Welt.

Mir stößt trotz des guten Willens diese Manipulation übel auf. „Orient“ ist bei aller Seriosität ein malerischer, duftender Begriff, was der Intention der Geschichte entspricht (die von ethnischen Klischees und Vorurteilen handelt). „Asien“ klingt viel sachlicher, und auch melodisch ist dem Satz anzumerken, dass hier nachträglich jemand gefummelt hat.

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