Ausgelesen: Die Nachrufe auf Karl Dall

betr.: der Tod von Karl Dall am 23. November

Es ist ein alter Hut, dass die Nachrufe auf prominente Persönlichkeiten schon fertig bis auf die letzte fehlende Zeile in den Schubladen der Print-, Funk- und Online-Redaktionen liegen, damit zu gegebener Zeit rasch reagiert werden kann. Bei Karl Dall las sich die traurige Nachricht so, als ob niemand so recht daran gedacht bzw. geglaubt hätte, dass er uns irgendwann verlassen könnte. Wenn das stimmt, wäre es ein Kompliment, dass der Meister sich redlich verdient hat.
Zu der langen Zeit nach seinem Ausscheiden bei „Insterburg & Co.“ – und da fing seine Karriere ja eigentlich erst richtig an – fielen den meisten, die seiner gedachten, hauptsächlich Dalls eigene TV-Formate ein. Das ist insofern korrekt, als Prominenz damals tatsächlich ziemlich gleichbedeutend mit Fernsehpräsenz war und ein Personality-Format die Krönung solchen Tuns.
Die meiste Zeit hatte Karl Dall keine eigene Sendung, und wenn doch, dann waren diese Formate betont unambitioniert und zeigten nur Promis, die ohne ein Thema das Ende der Sendung herbeilaberten (also genau das, was „Entertainer“ wie Mario Barth, Chris Tall und Oliver Pocher heute in etwas fescherer Deko auch tun).
Karl Dall brauchte keine eigene Show. Schon in der Blödel-Truppe um Ingo Insterburg tat er immer wie einer, der zufällig vorbeigekommen ist, um das ohnehin trashige Treiben der anderen endgültig über die Kante zu schieben.
Er war in dessen Glanzzeit regelmäßig bei Rudi Carrell zu Gast und veralberte dort Kandidaten und berühmte Gäste – niemals, ohne sich zuallererst selbst hochzunehmen. Karl Dall war stets ein Ensemble-Spieler.

Das zeichnete auch ein Projekt aus, an das ich mich besonders gern erinnere. Was heute völlig vergessen ist: Karl Dall führte jenes Format ein, das sich unter dem Titel „Genial daneben“ als inzwischen beständiger TV-Erfolg etabliert hat.  
Anfang der 80er Jahre empfing er im Hamburger „Logo“ humorvolle Kollegen zu einem Quiz, das dann unter dem Titel „Die schlaue Stunde“ bei Radio Luxemburg präsentiert wurde – in kleine Teile zerlegt, und werktagsnachmittags um 16 Uhr von Studiomoderator Matthias Krings (alias Metty) als Live-Schalte zurechtgemacht. Karl war der ungenannte Autor sämtlicher Quizfragen, wie RTL auf Hörernachfrage enthüllte. Zu seinem Stamm-Rategästen gehörten Fips Asmussen, Jürgen von der Lippe (der mir hier erstmals zu Gehör kam und den ich ganz großartig fand) sowie der Schauspieler und Hörspielmann Gert Haucke („Papa, Charlie hat gesagt …“). Howard Carpendale nutze seinen Gastauftritt für einen großen Eröffnungs-Stand-Up (bei dem er von Karl Dall kein einziges Mal unterbrochen wurde!), und ich glaube mich zu erinnern, dass auch Mike Krüger und Evelyn Hamann mal in der Runde saßen.

Diese Sendung hatte ihren Namen von „Die Blaue Stunde“ entlehnt, in der Moderator Rolf Hörer-Quizfragen beantworten musste, während eine Single gespielt wurde, und die in der vorangehenden Stunde lief. „Die schlaue Stunde“ lebte von der Reibung des sprungbereiten Spaßvogeltums der Beteiligten mit den Fakten, nach denen hier gesucht wurde – also genau wie bei „Genial daneben“.
Bei aller Dallerei erschien Karl Dall hier im Habitus eines Verantwortlichen, der nicht unentwegt störte, dekonstruierte und (sich selbst) verarschte, sondern der etwas vorbereitet hatte, das er nun über die Rampe bringen wollte. Er war „Leiter der Sendung“, wie das in Aufnahmeleiterkreisen genannt wird. Komisch war es trotzdem.
Karl Dall schien sich in dieser Rolle nicht unwohl gefühlt zu haben, aber ich habe ihn nie wieder so erlebt.

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