Die Marvels wie sie wirklich waren: Remo (4)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Interview mit Remo (Reinhard Mordek)

Fortsetzung vom 1.12.2020

Daniel Wamsler: Die liebevolle Aufmachung der Williams-Superhelden und deren chronologische Veröffentlichung war ein sehr mutiger und riskanter Schritt, da die Zeichnungen der frühen Episoden zum Großteilwesentlich schlechter und „ungeübt“ aussahen (was in den Leserbriefen auch oft bemängelt wurde). Dies spricht für ein enormes Engagement seitens des Verlags und lässt vermuten, dass die verantwortlichen Redakteure selbst Comicfans waren. Trifft diese Annahme zu?

Reinhard Mordek: Maßgeblich – wie gesagt – war Andy Cathomas beteiligt. Er als Comic-Ästhet hat Himmel, Hölle und Geld bewegt, um Qualität zu produzieren. Dann kam Hartmut Huff dazu, der sich unglaublich für Authentizität und sprachliche Qualität einsetzte. … Und ich natürlich in New York. Alles Comicfans „par excellence“!

Waren noch weitere Titel im Gespräch, die man 1974 starten wollte? Hätte beispielsweise ein Patriot wie „Captain America“, der es auf nur zwei eher zufällige bsv-/Williams-Veröffentlichungen in einem Zeitraum von dreizehn Jahren brachte, eine reelle Chance gehabt?

„Captain America“
war im Gespräch, aber für den deutschen Markt vielleicht zu patriotisch. Möglicherweise waren aber auch die Lithos nicht lückenlos zu bekommen.

Zwei Objekte aus der Remo-Frühphase. Während „Der beste Horror aller Zeiten“ Kultstatus erlangte, fristet „Rudolf“ als letzte Ausgabe der Reihe „Williams Maxi Album“ ein Dasein fern jeglicher Beachtung durch die
Sammlerszene. Das Handlettering besorgte Ursula Mordek.

Namensunterschiede bei einzelnen Figuren kamen vor allem zwischen den frühen Williams-Covern und Inhalten vor. Iron Man hieß außen „Eisenmann“, wogegen er in den Avengers-Storys „Der Eiserne“ genannt wurde. Seinen ersten Williams-Auftritt absolvierte der auf dem Titelblatt angekündigte „Dr. Strange“ als „Dr. Seltsam“ und Blade wurde als „Klinge“ bekannt. Wurden Cover und Inhalte getrennt voneinander bearbeitet, oder warum kam es zu solchen verwirrenden „Pannen“?

Eigentlich waren die Namen der Titelhelden beim Brainstorming festgelegt worden. Die Covers wurden separat gedruckt (Hochglanz). Wie es zu den Abweichungen kommen konnte, war von New York aus nicht festzustellen.

Einer der Bösewichte in „Tales To Astonish“ war The Leader in den Geschichten des Hulk. Während man in bei bsv noch mit „Führer“ betitelte, nannte ihn Williams „Spiritus Rektor“. Zwar eine politisch korrekte und durchaus gelungene Eindeutschung, doch nicht gerade freundlich für den Letterer. Was meinen sie?

Ach, Spiritus Rektor oder nicht – für einen Letterer sind es nur Buchstaben.

Nach der fünften Monatsproduktion stellte der Verlag den Heftumfang von 36 auf 32 Seiten um. Der Druck erfolgte nicht wie bisher in Italien, sondern in Deutschland. Trotz andersklingender Worte von Seiten der Redaktion wurden die Geschichten zum Teil erheblich gekürzt. Hatten sie darauf Einfluss bzw. mussten sie die Übersetzung schon im Vorfeld den fehlenden Bildern und Seiten anpassen?

Die Umstellung war drucktechnisch sicherlich notwendig und eine Kostenersparnis. Außerdem hatte ich große Schwierigkeiten, die Filme und Vorlagen lückenlos zu bekommen. Die US-Marvels hatten oft Eigenanzeigen, Fortsetzungen etc. Um unsere Seitenanzahl zu erhalten war oft ein großer Balanceakt notwendig und in den Übersetzungen mussten die fehlenden Bilder erklärt werden.

Mit dem Grafik-Büro Ewald Baluch, wo u.a. auch für Bastei gearbeitet wurde war man bei Williams nicht sehr zufrieden. Was können sie dazu verraten?

Baluch war ein toller Mann, kreativ und hatte unter Andy – ob seines Anspruchs auf Perfektion – manchmal zu leiden. Auch meine Bemühungen, die Texte grafisch gut in die Sprechblasen einzupassen, brachten Baluch oft zur Verzweiflung. Ich glaube, später wurde es ihm einfach zuviel.

Besonders in der Anfangszeit der Williams-Superhelden gab es kuriose Namensschöpfungen wie Klinge (Blade), Dr. Unheil (Dr. Doom), Dr. Seltsam (Dr. Strange), Silberstürmer (Silver Surfer) und schließlich Prinz Namor (Sub-Mariner). der „Aquarius“ genannt wurde. Mit wenigen Ausnahmen hatten diese Charaktere in den Hit Comics, ihre US-Eigennamen. Waren sie für diese Namensvergabe verantwortlich? Auch Kraven alias „Memrod der Jäger“ hatte seinen ersten Auftritt während Ihrer Tätigkeit für Williams. Steht der Name in irgendeinem Zusammenhang mit der Figur „Nimrod“ bzw. „Nemrod“ aus dem Alten Testament? „Aquarius“ klingt sehr nach Musical …

Die Namen wurden meist in Konferenzen unter der Prämisse der Originalität und des phonetischen Anspruchs festgelegt.

Gerade „Aquarius“ wurde zu Beginn oft „das Wasser abgegraben“. Gleich die zweite Story fehlte (erschienen in Thor Nr. 206 bei bsv), und einige seiner Abenteuer wurden von zwölf auf acht oder neun Seiten Gesamtlänge gekürzt. Waren die Geschichten auf diese Art überhaupt nachvollziehbar?

Das weiß ich nicht mehr. Aber oft war es mir nicht möglich, die Schwarz-Weiß-Lithos zu bekommen. Wie gesagt: Marvel hat die Filme einfach auf einen Haufen geworfen oder anders entsorgt – meist nach dem ersten Nachdruck.

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