Der letzte fehlende Komplex

Ich war der Meinung, im Laufe meines Lebens keinen Minderwertigkeitskomplex ausgelassen zu haben. Gestern gestand mir ein junger Kollege einen, der mir tatsächlich erspart geblieben ist. Er sagte, sobald er einen großartigen Gitarristen höre, sei er bei aller Freude über dessen Leistung auch durch die (möglicherweise trügerische) Gewissheit demotiviert, nie so gut werden zu können wie dieser. Das sei ihm von Jugend an sehr hinderlich gewesen, wenn es galt, seine Vorbilder zu lieben und sich von ihnen motivieren zu lassen – auch auf anderen künstlerischen Baustellen.
Meine Vorbilder waren stets so zahlreich und in ihren Tätigkeitsfeldern so unterschiedlich, dass mir tatsächlich nie in den Sinn kam, mich von ihnen einschüchtern zu lassen. Ich habe mich dazu wohl im Kindesalter zu sehr verzettelt. Als ich schließlich so weit war, meine Pläne von den Capricen zu trennen, hatte ich mich schon zu sehr an meine eigene Chuzpe gewöhnt.

Eine Ausnahme gibt es. Sie widerfuhr mir zum Glück erst vor wenigen Jahren und betraf ein Gebiet, mit dem ich niemals meinen Lebensunterhalt bestritten habe. Die reichhaltig bebilderte zweibändige Biographie „The Life And Legend Of Wallace Wood“ lässt mich jedesmal, so oft ich sie zur Hand nehme, frösteln angesichts der Kluft, die sich zwischen der Leistung dieses Künstlers und dem auftut, was ich im Entferntesten mir anzueignen in der Lage wäre, sollte ich wenigstens 150 Jahre alt werden.
Wäre dieser fabelhafte Zeichner nicht so unsagbar unglücklich gewesen, müsste ich wirklich platzen vor Neid. Und wäre seine Arbeit nicht so unsagbar beglückend …

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