Schubidu mit Klasse

betr.: 19. Todestag von Gilbert Bécaud

Vor wenigen Tagen jährte sich zum 20. Mal die Ausstrahlung der letzten „ZDF-Hitparade“. Der Zeitpunkt, zu dem der Deutsche Schlager den letzten Rest einer breiteren Aufmerksamkeit eingebüßt hatte, war da schon eine Weile her. Seine Stars, deren Glanzzeit heute zwischen 40 und 50 Jahre zurückliegt, sind im Begriff uns zu verlassen. Der „Spiegel“ hat zwei der Überlebenden in den letzten Ausgaben umfangreiche Portraits gewidmet, die sich auch als Rückschau auf die von ihnen bespaßte Bonner Republik lesen.* In Kürze dürften die ersten Bücher darüber geschrieben werden („Der deutsche Schlagerfuzzi – Elend und Größe eines Handwerks“ …).

Gilbert Bécaud wird in diesen vermutlich nur am Rande vorkommen, obwohl er ganz vorn und ganz oben mitgemischt hat. Seine Lieder hatten den Vorteil, dass sie parallel auch in seiner französischen Heimat Erfolg hatten. Somit konnte jedes einzelne für sich in Anspruch nehmen, gleichzeitig ein „Chanson“ gewesen zu sein und somit etwas weitaus Hochwertigeres als ein Schlager – der französische Sprachgebrauch ist da viel großzügiger als der deutsche.**
Aber das geht schon in Ordnung. Bécauds Lieder – er schrieb sie im Gegensatz zu den meisten seiner deutschen Kollegen selbst – sind wirklich etwas ganz Besonderes. Sie haben die Zugänglichkeit und scheinbare Schlichtheit unserer Popmusik, wagen sich aber niemals so tief hinunter in die gemütliche Sofamulde. Sie sind souveräner und weltläufiger.
Das liegt natürlich auch an ihrem Interpreten. Bécaud verkörperte den „Frauentyp“  der damaligen Zeit, eine Mischung aus Business-Mann, Latin Lover und Genussmensch (mit den Jahren wurden die Nikotinspuren an Zähnen und Fingern fast zu seinem Markenzeichen). Aber vor allem war er ein Kumpeltyp. Ich kann mir vorstellen, dass sein Erfolg ähnlich funktionierte wie der von Dean Martin. Der kommunizierte bei seinen Konzerten immer mit den Herren im Publikum, denn die Frauen himmelten ihn ja sowieso an. Der auf Bécauds Temperament anspielende Ehrentitel „Monsieur 100.000 Volt“  stammte vielleicht von ihm selbst.

Ähnlich wie die weitaus größere Gruppe der Schlagersänger mit englischem bzw. amerikanischem Akzent – die bekommen ganz bestimmt ein eigenes Kapitel, ziemlich am Anfang – konnte Bécaud kein Deutsch und musste sich die Texte phonetisch draufschaffen. Doch mit Ausnahme seines größten Hits „Nathalie“ (1964) funktionieren sie für mich in der deutschen Version am besten. Er wirkt dabei immer vollkommen ehrlich. Selbst ein Refrain wie „Hi Hai Ho“ kann seinem redlichen Fluidum nichts anhaben. Auch das unterscheidet ihn von vielen herkömmlichen Schlagersängern.
________________
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/10/04/eskapismus-fuer-geniesser-was-ist-camp/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/01/18/ist-ein-chanson/

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Medienphilosophie, Musik, Popkultur abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.