Die Marvels wie sie wirklich waren: Remo (7)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Interview mit Remo (Reinhard Mordek)

Fortsetzung vom 13.12.2020

Daniel Wamsler: Arbeiteten Sie nach 1974 je wieder für den Williams Verlag? Und welchen Tätigkeiten gingen Sie nach, nachdem Sie sich vom Verlag trennten?

Reinhard Mordek: Wie schon erwähnt, waren wir feste freie Mitarbeiter (laut neuem Vertrag) bis Ende November 1974. Ab Dezember 1974 war ich dann Dokumentar bei Gruner & Jahr und ab 1.1. 1976 Redakteur bei „essen & trinken“ im selben Verlag. Ab ca. 1980 betrieb ich mit meiner Frau Ursula selbstständig ein Wollgeschäft, Einzel- und Großhandel. 1983 erneute Auswanderung nach Australien. In Townsville kauften wir ein Restaurant, das „down under“, in dem ich selbst bis 1992 kochte. Nach dem Tod meiner Frau Ursula in Dortmund kehrte ich nach Hamburg zurück und war bis 2004 Redakteur im Axel Springer Verlag.

Ihr beruflicher Werdegang war von einer enormen Flexibilität geprägt, sowohl inhaltlich wie örtlich. Wer kann schon sagen, dass er sein Geld wie Sie auf drei Kontinenten verdient hat? Wie sind Sie auf die Idee mit dem Wollgeschäft gekommen?

Meine Frau Ursula hatte ich 1968 während meines einjährigen Aufenthaltes in Neu Guinea, in Port Moresby, kennen- und liebengelernt. Wir sind dann zurück nach Sydney, haben gespart, und sind dann mit der Fairsky, einem dem letzten Fährschiffe, die monatlich zwischen Australien und England verkehrten, fünfeinhalb Wochen Richtung Heimat gefahren. Anschließend absolvierte ich in Essen eine Ausbildung bei der NRZ und Ursula studierte Textildesign in Dortmund. Nach Hamburg zurückgekehrt, arbeitete sie als „Redakteurin“ bei der Schallplattenfirma RCA und übersetzte die englischen Covers ins Deutsche, was meiner Künstlerin aber auf Dauer zu langweilig wurde. Ohne ihr Wissen mietete ich ein Ladengeschäft im Lehmweg, dem In-Viertel in Hamburg-Eppendorf an und musste sie zunächst überreden, dort zu weben, zu spinnen und zu stricken. Da sie das Handarbeitsgeschäft nicht alleine führen wollte, kam noch eine töpfernde Freundin dazu – und der Laden zu seinem Namen „twenty fingers“. Leider erwies sich die Töpferin als nicht professionell genug. Trotzdem musste Ursula um ihr Geschäft keine Bange haben, denn mit ihrem Gefühl für Form und Farbe kam der Erfolg und bald kannte alle Welt „twenty fingers“. Schließlich stieg ich ein. Durch den nun möglichen Großhandel boten wir exklusive Wollsorten an, z.B. pflanzengefärbte handgesponnene Wolle von Beduinen aus dem Sinaigebiet und importierten Spinnräder und Webstühle aus aller Welt  – Neuseeland, Kanada etc. …

Wie entstand die Idee für ihre beiden Australienaufenthalte? Wie war Ihre Zeit als 19jähriger und später mit dem eigenen Restaurant dort, und warum sind Sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt?

Als 19jähriger wollte ich einfach fort aus Deutschland – Fernweh? Abenteuerlust? Ich weiß es nicht. Ich habe in Australien in Tageszeitungen gearbeitet, z.B. „The Australian“ mit ins Leben gerufen. Man muss sich das vorstellen, eine Tageszeitung für ganz Australien. Technisches Neuland! Rupert Murdochs Idee wurde anfangs belächelt, aber wir waren zuversichtlich! Vor allem, wenn der Boss persönlich da war und mir ein motivierendes „Hallo, Ray“ rüberschickte. Warum wir nach Deutschland zurückgekommen sind? Beide Male hatte Ursula Heimweh nach ihrer Mutter und wir vermissten beide das deutsche Kulturangebot. Australien, und vor allem der heiße Norden, war damals kulturell noch etwas unterentwickelt. Beim zweiten Auswandern lag es nahe, mal was ganz anderes zu wagen: Wir kauften ein Lunch-Restaurant: geöffnet von 11 bis 15:00 Uhr. Am Anfang lief es ein bisschen schleppend, aber nach etwa 1½ Jahren waren die 54 Plätze ständig ausgebucht. Unser Privathaus lag nahe am Strand – ein wundervolles Leben. Als wir das letzte Mal nach Deutschland zurückkehrten, erkrankte meine Frau Ursula sehr schwer und starb im Mai 1992.

Mit Ihrem Besuch bei Bill Gaines waren Sie versehentlich und unwissend in einen schwelenden Konflikt geraten. Vermutlich hatte Klaus Recht als deutscher „MAD“-Verleger Angst um das Verhältnis zu Gaines, dem US-MAD-Mogul. Wie waren Ihre Eindrücke von der Arbeit in der 225 Lafayette Street, N.Y. einem Ort der unter EC- und „MAD“-Fans einer Art Pilgerstätte gleichkommt? Gab es auch Kontakte zu anderen „MAD“ Künstlern, dem Chefredakteur Al Feldstein beispielsweise?

Natürlich hatte Klaus Recht Sorge, ich könnte seinen Draht zu Bill Gaines stören. Aber so war es nicht. Bill Gaines konnte zwar einerseits etwas selbstgefällig und arrogant sein, aber er war auf jeden Fall ein sehr effizienter, erfolgreicher Mann. Um ihn weiter zu beurteilen, kannte ich ihn zu wenig. Al Feldstein habe ich kurz kennen gelernt, denn die wenige Male, die ich mich in den „MAD“-Räumen aufhielt, ging es extrem hektisch zu. Andere „MAD“-Künstler habe ich nur aus der Ferne gesehen.

Haben Sie jemals am deutschen „MAD“ mitgewirkt?

Nein – damals war Hartmut Huff der große Macher.

Es gab von Williams einige Aktionen zur Leserbindung, frei nach US-Vorbild (Captain-Marvel-Poster, Stan Lee-Autogramm…). Wie war die Resonanz, soweit Sie diese an Ihrem Arbeitsort in Übersee mitbekommen haben. Um zum Beispiel den Marvel Pass durch Einsendung der Coupons zu erhalten, mussten die Fans ihre Hefte zerschneiden und auch noch ein Passfoto einschicken. Haben das viele Leser getan? Der MarvelPass ist sehr selten und taucht auf dem Sammlermarkt kaum auf. Das spräche dafür, dass die Aktion eher ein Flop war.

Laut Redaktion wurden 15.000 der schrill colorierten „Captain Marvel“-Poster verschickt. Das wären 105.000 ausgeschnittene Sammelmarken (tragisch insbesondere bei Heften mit Comicteil auf der Coupon-Rückseite, z.B. FV Nr. 1, Hulk Nr. 3). Andererseits gibt es kaum Williams-Hefte, bei denen die Gutscheine für den Marvel-Pass ausgeschnitten wurden. Entsprechend rar und sammlerwertvoll ist der Pass heute.

Die Hamburger Redaktion hat mich diesbezüglich in Ruhe gelassen. Davon habe ich erst aus den gedruckten Exemplaren erfahren.

Haben Sie ihre alten Marvel-Erinnerungsstücke, Beleghefte etc. noch? Klaus Recht hat beispielsweise sein komplettes „MAD“-Archiv, etliche Kisten, im Sommer 2003 an einen Hamburger Comicladen verkauft.

Als wir 1983 das zweite Mal Abschied von Deutschland nahmen, habe ich aus Platzgründen kistenweise meine Belegexemplare bei einer Comic-Ausstellung in Hamburg an einen Händler aus Hannover verschenkt. Durch die vielen Umzüge ist leider auch der Rest verschwunden …

Was machen Sie heute beruflich? Und hatten oder haben Sie noch Kontakt zu Ihren damaligen Kollegen?

Inzwischen bin ich Rentner. Bekoche leidenschaftlich Freunde und Familie, pflege mit Hingabe unseren wunderschönen Garten und spiele miserabel, aber gerne Golf. Kontakt zu meinen Exkollegen hatte ich damals wie heute nicht. Mein Leben war und ist aufregend und schön, nun an der Seite meiner zweiten Frau Angelika.

Lesen Sie selbst Comics und haben sie den erneuten Superhelden-Boom seit der Zeit um die Jahrtausendwende mitbekommen?

Natürlich habe ich den Comicboom der letzten Jahre mitbekommen und freue mich immer wieder über das Interesse der jüngeren Generation.

Hatten Sie eine Lieblings-Serie?

Alle meine Marvel-Babys.

Vielen Dank.

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