Die schönsten Filme, die ich kenne (104): „I’m A Stranger Here Myself – Kurt Weill, ein Fremder am Broadway“

Nationalität: formerly german, ehemals deutsch. Wie viele Broadway-Talente kommt auch Kurt Weill (1900-50) aus Mitteleuropa. Für ihn bedeutet das Exil jedoch – anders als für manche seiner Kollegen – einen totalen Bruch mit seiner bisherigen Ästhetik. Nach der modernistischen Musik seiner Berliner Jahre komponiert er für die amerikanische Gesellschaft, als deren Mitglied er sich schon bald fühlt.
In den 15 Jahren, die dem Workaholic bleiben, ehe er buchstäblich an Erschöpfung stirbt, hat er viele Erfolge und nur einen Flop (und selbst der ist musikalisch grandios, wie eine inzwischen vorgelegte Gesamtaufnahme beweist). Das deutsche Publikum kennt von keiner einzigen dieser Shows auch nur den Namen – wie „Knickerbocker Holiday“, „Lady In The Dark“ oder „Street Scene“. Und selbst die Hits daraus – etwa „Speak Low“ oder der „September Song“ – haben es nie über den Atlantik geschafft.

Die aufwändig produzierte TV-Dokumentation „I’m A Stranger Here Myself – Kurt Weill, ein Fremder am Broadway“  ist eine Offenbarung und ein uneingelöstes Versprechen. Ihre Machart verweist bereits auf das Problem: da zur Zeit ihrer Entstehung von Weills Musicals praktisch weder Aufzeichnungen noch Verfilmungen existierten (und das ist im Wesentlichen bis heute so), machte man sich die Mühe, eine Auswahl der Songs einzuspielen – mit dem HR-Rundfunkorchester unter James Holmes – und zu inszenieren – mit den amerikanischen Sängern/Darstellern Judy Kaye, Kevin Anderson, Michael Scarborough, Daniel Narducci und Franc d’Ambrosio unter choreographischer Anleitung von Terrance Ho -, in der schlichten aber superben Dekoration von Claire-Lise Leisegang. Diese Umsetzungen zeugen von einem Weill-Verständnis, wie es selbst große Interpreten seiner Songs auf ihren Song-Alben zuweilen vermissen ließen. Und sie sind musikalisch eine wirkliche Entdeckung.

Kurt Weill wird auch 70 Jahre nach seinem Tod noch immer auf das reduziert, was er vor einer Flucht vor den Nazis an den Broadway geleistet hat, und das sind vor allem seine Vertonungen der Texte von Bertolt Brecht. Dass sein musikalisches Oevre in den USA eigentlich erst richtig begonnen hat, könnte dieser Dokumentarfilm beweisen, der 1992 als Koproduktion der BBC mit dem Hessischen Rundfunk entstanden ist. Doch seit 25 Jahren wurde er weder ausgestrahlt noch sonstwie verbreitet. Er wirkt, als wollte uns jemand sagen: sorry, dass wir euch dieses Repertoire so lange vorenthalten haben, aber ab jetzt wird alles anders! Doch nach einer Stunde ist alles vorbei wie ein Spuk. Nicht einmal eine CD mit den Songs hat es gegeben.

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