Joe Luga: In Haft (1)

Der Chansonnier und Klavierhumorist Joe Luga (1920-2002) wird von denen, die ihn noch erleben durften, aus vielerlei Gründen vermisst. Zwei seien stellvertretend genannt: er hat als Entertainer bis zuletzt fabelhaft funktioniert (wenn man die etwas altmodische Kunst des Chansons der 20er Jahre in ihrer authentischen Form schätzte), und er war auf seine Weise alterslos – ohne jemals den Versuch zu unternehmen, sich jünger zu machen.
Seine Biographie „So bin ich“ weist eine makabre, aber hochinteressante Pointe auf: als zeitlebens offen auftretender Homosexueller kam er im Dritten Reich besser zurecht als in der frühen Bundesrepublik. Als Truppenbetreuer an der Ostfront konnte er als „Damenimitator“ nicht nur dem Affen Zucker geben, er kriegte sogar Männer herum – der eine oder andere schneidige Offizier war darunter. Unter Adenauer kam Lugas (Über-)Lebenskunst an ihre Grenzen: er landete wegen homosexueller Umtriebe zweimal im Knast. Der berüchtigte § 175 galt offiziell noch bis 1994.

Joe Luga und Lilli Walzer im Weinstuben-Look (Foto: Pierre / privat)

Von einem berühmteren Kollegen – dem Komiker Wilhelm Bendow, dessen tuntiges Timbre uns allen noch in seiner berühmtesten Zeile „Ja, wo laufen Sie denn?“ im Ohr klingeln dürfte – ist eine andere Taktik überliefert (Hubert von Meyerinck erzählte sie Joe, Joe erzählte sie mir und anderen): Bendow wurde zur Gestapo bestellt: „Ich habe gehört, Sie seien homosexuell!“ Bendow soll geantwortet haben: „Stimmt, das bin ich. Aber ich übe es nicht aus, der Führer wünscht es nicht!“ Sie ließen ihn laufen.

Bis zuletzt sprach Joe Luga in Interviews offen über seine Neigung und Wirkung: „Meine Homosexualität hat zunächst gar keine Rolle gespielt. Es war nicht nötig, mich – wie man heute sagt – zu outen. Mein Umfeld wusste bescheid. Ich war kein sehr tuntiger Typ und sah lange Zeit weit jünger aus als ich eigentlich war. Komischerweise kam ich damit gut an. Gut, es wurde schon mal eine dumme Bemerkung gemacht, aber das war’s auch schon“, erzählte er dem ORB.

Aber um die Einzelheiten seiner Zuchthausstrafen auszubreiten, war Joe Luga wohl doch zu sehr Ritter der Leichten Muse. Selbst, als er seine Autobiographie verfasste, suchte er zwar den Kassiber heraus, den er seinerzeit verfasst hatte, schreckte aber letztlich davor zurück, ihn für sein Buch auszuwerten, um den heiteren Grundton nicht zu harpunieren. In der Schublade seiner Kollegin Lilli Walzer, die ihm seinerzeit die Manuskripte abtippte, hat sich die Abschrift des Originaltextes erhalten.
Das Herausschmuggeln solcher Aufzeichnungen aus dem Gefängnis galt übrigens Anfang der 50er Jahre und gilt bis heute als Ordnungswidrigkeit. Das mag den Meister nachträglich amüsiert haben.

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