Geliebte Stimmen (9): Dieter Kursawe und Gerd Vespermann

Die besten Vorbilder für Charge und Trickstimme

Zu dieser Serie siehe https://blog.montyarnold.de/2020/12/08/17126/

Dieser Balken ist ein Fundstück von „fernsehserien.de“ (ZDF)

Dieter Kursawe (1934-96) sprach schon Anfang der 70er Jahre für das ZDF Daffy Duck, den schwarzen Unglücks-Enterich der Warner Bros., damals noch Seit‘ an Seit‘ mit Walter Gross als Schweinchen Dick. Beide waren erfahrene Berliner Kabarettisten: Gross spielte einst in Günter Neumanns Nachkriegs-Ensemble „Die Insulaner“, Kursawe war ein frühes Mitglied der „Wühlmäuse“ gewesen und hatte nach einem Zerwürfnis seine Mit-Abgespalteten ins neugegründete „Reichskabarett“ mitgenommen.
Als Kursawe 1983 als Daffy Duck wiederkehrte, war Schweinchen Dick mit einem ZDF-internen Bann belegt. Der Star des neuen Formates „Mein Name ist Hase“ (ugsprl. für „keine Ahnung“ sowie Titel eines heute vergessenen Schlagers) war Bugs Bunny. Daffy fungierte als sein eifersüchtiger und im Grunde gleichwertiger Sidekick. Der Komödiant und Musicaldarsteller Gerd Vespermann (1926-2000) war als neunmalkluges, pubertierendes Kaninchen ein weiterer Glücksfall, und Kursawe hatte seinen Enterich inzwischen sogar noch erheblich verfeinert – mit sehr verletzlichen Modulationen und dem virtuosesten Lispeln, das ich je durch ein Mikrofon gehört habe. Vollends rund wurde das Vergnügen dieser Kompilationsserie durch die Texte von Siegfried Rabe. Der schneiderte dem Hasen eine eigene Sprache auf den Leib („seinereiner ist aber ein hinterhältiger welcher“ oder „dies Lager ist von einer kosigen Schmusigkeit“).

Kabarettisten im Synchronstudio

Bugs & Daffy fungierten hier als Zeremonienmeister in einem Revuetheater. Das eigentliche Programm bildeten historische Siebenminüter mit den Warner-Cartoon-Stars. Nach einem Streit am Schminkspiegel, der für jede Folge neu getextet wurde und das Kommende andeutete, sangen sie ein Begrüßungslied (das seltsamerweise auf einen anderen Sendetitel verwies, der dann auch zu lesen war): „Die große, bunte Bunny-Schau“. Der Streit der beiden Protagonisten wurde zwischen den Cartoons in zahlreichen Doppelconferencen und Seitenbühnen-Gesprächen fortgesetzt. Sie beruhten auf einer Handvoll Filmschnipseln, die jedesmal neu getextet wurden.
Als Siegfried Rabe die Produktion verließ, war es zwar mit dem speziellen Bunny-Sprech vorbei, die synchronschauspielerische Leistung des Ensembles um Kursawe-Vespermann, zu dem Kollegen wie Kurt Zips als Elmer Fudd und Martin Hirthe als Foghorn Leghorn gehörten, blieb aber bis 1987 erhalten. Sie lebte noch bis 1991 in sporadischen ZDF-Wiederholungen fort, dann löste sich die Serie langsam auf.

Im Kabelfernsehen erschien „Mein Name ist Hase“ fortan nur noch filetiert. Die immer neuen Streitereien zwischen Bugs & Daffy fielen weg, auch das traditionelle Streitgespräch in der Garderobe.
Die Serie in ihrer ursprünglichen Form ist inzwischen vom bewohnten Teil des Erdbodens verschwunden. Der verdienstvolle Enten- und Hasensachverständige Daniel Wamsler* hat rekonstruiert, wo man Teile davon noch vereinzelt angetroffen hat: „Ganze zwei Cartoons haben auf der Bluray ‚Looney Tunes Platinum Collection Vol. 3‘ überlebt, wobei ein fehlender Satz nachsynchronisiert wurde. Ein paar andere gab es auf Kauf-VHS. Komplette Folgen? Fehlanzeige.“ Er trug so viele der Garderoben-Sequenzen aus „Mein Name ist Hase“ wie möglich zusammen und stellte Abschriften davon ins Netz.

Dieter Kursawe sprach seinen Daffy noch bis 1990 weiter. „Die schnellste Maus von Mexiko“ litt aber bereits an der sinkenden Qualität der darin verabreichten Cartoons um den Nachzügler „Speedy Gonzales“. Abermals wird Daffy zum Gegenspieler des Titelhelden aufgebaut. Den kecken Mäuserich Speedy spricht Joachim Tennstedt, sein Schlachtruf „Arriba, arriba, andale!“ stammt aber von der Originalspur.

„Mein Name ist Hase“ markiert den Schlusspunkt der ZDF-Tradition, in der klassische US-Ware (kurze Zeichentrick- oder Stummfilme) für das Vorabend-Kinderfernsehen wagemutig neuerfunden wurde (meist von Eberhard Stroreck). Das geeignete Archivmaterial dafür war verbraucht, und die Zeit, da Dialogbuchautoren von einem gewissen Gert Mechoff derartige Freiheiten eingeräumt wurden, war unwiederbringlich vorbei. (Apropos Kabarett: mit Gerhard Polt kam dieser Redakteur ganz und gar nicht zurecht. Davon künden viele unsympathische Figuren in Polt-Sketchen, die Mechoff heißen.) Längst haben die „Looney Tunes“ neue Synchronstimmen – in immer neu aufgelegten deutschen Fassungen der alten Cartoons wie auch in unablässig neu produzierten Abenteuern der Warner Cartoon-Stars. Aus den späteren Besetzungen ragt Gerald Schale als Daffy Duck heraus. Daniel Wamsler gibt sich letztlich versöhnlich: „Im Lauf der Jahre habe ich mich tatsächlich daran gewöhnt, dass Bugs Bunny ein unpassendes ‚Is was, Doc?‘ mit der Stimme von Sven Plate von sich gibt anstatt ein ‚Was liegt an?‘ von Gerd Vespermann.“
Ich leider nicht.

________________
* … der hier häufig als Gastautor wirkt. Ein Überblick über den größten Teil seiner Mitwirkung findet sich hier: https://blog.montyarnold.de/2019/02/14/12574/

Dieser Beitrag wurde unter Cartoon, Fernsehen, Kabarett und Comedy, Kabarett-Geschichte, Mikrofonarbeit abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.