Ungeschriebene Gesetze …

… des medialen Erzählens (2/3) / Hörspiel

Fortsetzung vom 27.1.2021

2. Der Erzähler will seine Ruhe haben

Der Erzähler einer Geschichte befindet sich – wir sprachen schon darüber – im Off. Das bedeutet: in einer Dimension, in der Stimmen körperlos sind. Das ist eine sehr magische Angelegenheit, wie schon der Hörspielpionier Orson Welles anmerkte. Dennoch sind wir alle dafür empfänglich, und das von Kindesbeinen an.
Wenn zu Beginn eines Filmes ein unsichtbarer wohltönender Märchenerzähler verkündet: „Unser Abenteuer beginnt zu einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat“, dann wissen wir, dass hier keine physisch solide Person zu uns spricht. Würde dieser Erzähler plötzlich husten, etwas fallenlassen oder eine Tür öffnen und hinauslaufen, wären wir alle irritiert.

Daraus folgt: der Erzähler ist allein. Da er keinen Raum hat, in dem er sich aufhält, kann er sich diesen auch mit niemandem teilen. Aber ist das immer richtig?
Schon die Weltliteratur hält so viele Ausnahmen von dieser Regel bereit (die auch in einer akustischen Umsetzung funktionieren würden), dass man bereits von einem Stilmittel sprechen kann. Eines sei hier stellvertretend genannt: „Sturmhöhe“ (1851). Emily Brontë verzichtet auf den allwissenden Erzähler und lässt einen Strang der Handlung von einer Haushälterin, den anderen vom späteren Mieter des Gehöftes Thrushcross Grange erzählen. (Das funktioniert auch deshalb, weil die Autorin zwei verschiedene Erzählstile durchhält.) Emily Brontë fordert den beglückten Leser übrigens noch weiter heraus, indem sie die Geschichte nicht chronologisch erzählt.

Da bietet sich noch ein jüngeres Beispiel an. In „Flughunde“ (1995) lässt Marcel Beyer die letzten Tage des Tausendjährigen Reiches abwechselnd von einem der später ermordeten Goebbels-Kinder und vom Anti-Helden erzählen, einem Akustiker im Dienste der Nazis. Der Wechsel der beiden wird im Laufe des Textes immer rascher, plötzlicher und kleinteiliger. Doch er funktioniert, da der Autor die beiden Erzählerstimmen sauber voneinander trennt.
(„Flughunde“ wurde übrigens als Hörspiel vorgelegt, wenn auch nicht ganz so oft wie „Sturmhöhe“.)

Und das ist der Trick: die Off-Stimmen wechseln sich ab – und mit ihnen auch ihre jeweiligen Realitäten. Sie wissen nichts voneinander und kommen sich nicht ins Gehege.

Muss man es also mit der obigen Regel gar nicht so genau nehmen? Doch. Es genügt nicht, es einfach nur anders zu machen, wie die folgenden Beispiele belegen.

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