Buddha vergessen (3/3)

Eine Urlaubsgeschichte

Fortsetzung vom 7.2.2021 / Schluss

Wie er mir erzählte, war er erstmal auf Probe zu Tochter und Schwiegersohn gezogen, und es habe sich bombig angefühlt. Er wusste gar nicht mehr, was für ein Problem er früher mit der Annette gehabt hatte.
“Irgendwann fand ich es total albern, noch extra für den Kaninchenkasten zu zahlen …“
“ Kaninchenkasten?“
“Na, diese Wohnung auf dem Frauenberg.“
“Ach so!“
“Und wenn ich’s Ihnen sage: kaum war die Wohnung gekündigt ….“ – Er klatschte in die Hände. – „Patsch, ging das Gezicke los!“
Ich senkte den Kopf.
Er nickte dankbar.
“Dieses miese, undankbare Stück! Von wegen Augenhöhe, die reine Altersdiskriminierung! Wie einen Trottel behandelt sie mich vor ihrem Macker. Als wäre ich schon senil. Dauernd diese Vorschriften … Widerworte … Klugscheißereien …“
Er schilderte einige Situationen, die ich hier nicht wiedergeben kann, ohne indezent zu erscheinen.
Ich versuchte, der Unterhaltung mit einem Sprung in die sonnige Gegenwart eine frohe Wendung zu geben.
“Na, jetzt sind Sie ja erstmal im Urlaub! Weit weg von Annette … und Manni. Das wird Ihnen guttun! Und wenn Sie wieder zurück sind, überlegen Sie sich in aller Ruhe … Was ist denn? Sie kucken so komisch … Sie sind doch weit weg von Manni und Annette?“
“Wie man’s nimmt!“
“Ich verstehe nicht …“
“Mann! Die haben mich sitzen lassen!“
“Wo? Auf dieser Bank?“
“Auf dieser Insel!“
Ich musste kurz husten. “Das ist doch nicht Ihr Ernst!“
Er blickte wieder auf den Parkplatz und verfiel in eine beredte Kunstpause.
“Jetzt machen Sie aber mal ’n Punkt! Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Ihre Familie sie hier vergessen hat!“
“Pfff! Vergessen! Das war Absicht!“
Stolz schwang in diesen Worten.

Ich stotterte ein paar Mal. “Die beiden sind wahrhaftig ohne Sie abgereist?“
Nun blickte er mir direkt in die Augen. „Hören Sie zu, junger Freund. Was ich jetzt sage, ist die reine Faktenlage: Die haben ausgecheckt, und das Gepäck ist nicht mehr da!“
“Ja, aber das muss doch nicht …“
“Auf dem Hinflug hat Manni pausenlos von Haustieren gefaselt, die vor dem Urlaub ausgesetzt werden. Das war mal groß in Mode, wissene. Ich dachte nur, wie kommt der darauf? Wir hatten noch nie ein  Haustier … Immer wieder fing er an mit dem Mist. Und Annette glotzte immer nur so verschlagen aus der Wäsche – so, als würde sie ihn gerade jemanden die Dreckarbeit erledigen lassen. Jetzt verstehe ich, was das sollte. Das war eine glasklare Andeutung. Nebenbei ganz schön deutlich!“
“Na, hören Sie mal, Herr …
“Straeten!“
“… Herr Straeten, es gibt Gesetze. Die können Sie doch nicht einfach, … das ist ja sittenwidrig!“
“Der Kerl an der Rezeption hat sie abfahren sehen, das hat er mir gesagt! Und kurz davor schickt mich diese falsche Schlange von einer Rabentochter noch einmal vor die Tür. Mach doch noch’n Spaziergang! Ich denk, was soll der Scheiß? Na gut. Hol ich mir vor der Rückreise halt ein bisschen Sonne ab – Pfeifendeckel. Ich laufe ums Haus, komme wieder und … den Rest der Geschichte kennen Sie!“
“Okay. Und was werden Sie machen?“
“Mir wird schon was einfallen! Ich habe immer auf eigenen Füßen gestanden. Das werde ich jetzt wieder tun! Ich fang von vorne an!“
“Wollen Sie Ihre Familie nicht doch noch mal … ausrufen lassen …? Nicht?“
Wir schwiegen.
“So kann’s gehen!“ murmelte er irgendwann. „Und dabei hatte ich mir geschworen, niemals zu einem von diesen alten Heinis zu werden, die ihrer Familie im Weg sind. Unanhängig sein, das war mir wichtig. Und wenn man Pflege braucht, lässt man sich einliefern und geht den Profis auf den Sack. Leuten, die das beruflich machen.“
Plötzlich zerschnitt ein gellender Ruf die leise blubbernde Parkplatz-Atmosphäre.
“Hamfred!“
Wir fuhren herum. Eine magere Frau mit Hawaiihemd ruderte wild mit den Armen. Ihre leicht gelbliche Gesichtsfarbe kam mir bekannt vor.
Sie lief stramm in unsere Richtung, ein gleichgültig wirkender, untersetzter  Mittdreißiger folgte ihr.
“Du bist mir ja einer“, sagte die Frau und begann routiniert, meinen Gesprächspartner aus der Bank herauszuhebeln und aufzurichten.
“Wir haben schon ausgecheckt! Samma, jetzt müssen wir uns aber wirklich sputen! Kuckma, das Taxi wartet schon! Hömma, dich hier zu verstecken, dat haste doch mit Absicht gemacht. Zum Glück hat der Manni dich entdeckt. Also, ich hab und hab dich nicht gesehen …“

Das Grüppchen entfernte sich unterdessen. 
Ich vermied es, den Herrn noch einmal anzusehen. Diese unerwartete Resozialisierung war ihm sicher peinlich.
Ob er diese Geschichte eigentlich selbst geglaubt hatte? Oder war er einfach jemand, der gern deutsche Touristen veräppelte? Wirklich irre, wie überzeugend er mit sich und seinem neuen Single-Dasein gerungen hatte.
Ich musste an diese Szene aus „Susi und Strolch“ denken, bei der ich als Kind immer eine Gänsehaut bekommen hatte, diese Szene, als die beiden auf einer Anhöhe stehen und zum Ort hinuntersehen – und dann in die Ferne blicken.
“Schau mal da runter, Susi! Hinter diesen Hügeln liegt ein Leben ohne Zäune und ohne Hundeleine …“
Ich war mir sicher, irgendwo dort läge es tatsächlich.
Hinter jenen Hügeln.

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