Cissy Kraner singt Offenbach

Das „Simpl“-Chanson ist eine Untergattung des Couplets bzw. des volkstümlichen Chansons. Dieses Sub-Sub-Genre hat die Wiener Schauspielerin und Diseuse Cissy Kraner für uns Heutige praktisch für sich allein. Ihr Mann schrieb ihr alle Klassiker dieser Sparte auf den Leib, aus denen „Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“ und „(Aber) der Novak lässt mich nicht verkommen“ ein wenig herausragen, die meisten anderen sind ähnlich gelungen.

Nach meiner Ankunft in Hamburg, Ende der 80er, wurde mir Cissy Kraner gleich von drei Seiten nahegebracht: durch die alte Musikbox in der Kiezkneipe „Toom Peerstall“*, in der sich der oft ausgewählte „Novak“ befand, durch Lilli Walzer** und ihre Hugo-Wiener-Abende und schließlich durch Christoph Dompke, der heute als Filmjournalist und –historiker arbeitet, im Hauptberuf aber als weiblicher Teil des Duos „Emmi und Willnowsky“ unterwegs ist. Die Figur der Emmi war schon zuvor Teil eines Duos, mit dem ich gut befreundet war und mir den Pianisten Hans Peter Reutter teilte: „Emmi und Bertie“. Auf Christophs Betreiben hin fand sich in jedem ihrer Programme das eine oder andere Kraner-Wiener-Chanson. (Christoph pflegte auch einen kollegial-freundschaftlichen Kontakt zu der greisen Künstlerin, brachte es jedoch nicht übers Herz, ihr zu gestehen, dass er ihr Repertoire in Frauenkleidern vortrug.)

Eine dieser Nummern mag ich ganz besonders: „Die Handtasche“ oder „Was hab ich eigentlich gesucht?“, Hugo Wieners Neubetextung der „Orpheus“-Ouvertüre von Jacques Offenbach. Dieses Chanson fällt nicht nur der Länge nach und wegen der Nutzung fremder Musik aus dem Wiener’schen Rahmen, es ist auch das einzige mir bekannte, das mit Requisiten arbeitete. Je nun – ich weiß nicht, ob Cissy Kraner das so gehalten hat, denn der Humor des Liedes ist nicht darauf angewiesen. Jedenfalls beförderte Emmi beim Vortrag die zahlreichen erwähnten Gegenstände tatsächlich aus einer einzigen Handtasche heraus, was den Nonsens noch beförderte (besonders wenn im Schlussteil der temporeiche „Can-Can“ einsetzt).

Leider hat sich dieser Höllenritt auf keinem Tonträger erhalten – weder von Cissy Kraner noch von Emmi. (Kurz vor ihrer Trennung 1996 traten Emmi und Bertie in der „NDR-Spätshow“ bei Götz Alsmann auf, wo der hintere Teil dieses herrlichen Acts dokumentiert wurde. Ob sich die Aufnahme noch im Archiv erhalten hat, weiß ich nicht.***) Christoph Dompke musste sich den Text in einem Wiener Archiv von einer privaten Aufnahme abschreiben. Da die Musik ja allgemein zugänglich ist, kann man sich mit etwas Phantasie nun immerhin vorstellen, was meine Ohren Mitte der 90er in Hamburger Kleinkunstschuppen hörten, während meine Augen gleichzeitig tränten und vor Staunen weit aufgerissen waren. Das war wirklicher Offenbach!


Melodie: „Der Tod will mir als Freund erscheinen“

Melodie: „Can-Can“

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2020/02/16/der-novak-laesst-mich-nicht-verkommen/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2021/01/12/17308/
*** Wie man an einem solchen Ort im Archiv Platz schafft, erfahren Sie unter https://blog.montyarnold.de/2015/01/29/ignoranz-und-hoehere-gewalt-oder-der-mythos-vom-archivbrand/

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