Für Fans und alle anderen

betr.: „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“

Ein Buch von Alexander Braun ist immer ein Erlebnis, und er legt sie in einem wahrhaft atemberaubenden Tempo vor. Dass sie in der Regel das „Nebenprodukt“ einer Ausstellung sind, macht die Sache nicht weniger bemerkenswert. Nachdem Braun für eine seiner letzten Neuerscheinungen in den USA mit seinem zweiten (!) Eisner Award ausgezeichnet worden ist, ist nun seine Würdigung von dessen Namensgeber herausgekommen: „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“. Wie üblich nimmt sich der Autor seinen Gegenstand zum Anlass, uns viel mehr als nur dessen Geschichte zu erzählen – das sei denen zugeflüstert, die sich (noch) nicht für Comics interessieren.

Will Eisners Karriere reicht vom Golden Age Of Comics* bis in unsere Tage. Er begann in den 30er Jahren in New York seinen Weg zu machen, als die Erfindung des Mediums noch im Gange war, und ist heute – gut 15 Jahre nach seinem Tode – präsent, populär und künstlerisch tonangebend wie eh und je. Er gehört zu jenen Künstlern, deren Arbeit bis zuletzt keinerlei Nachlassen der Kräfte erkennen ließ. Kurz vor seinem Tode zeichnete er noch eine selbstparodistische 6-Seiten-Geschichte für seinen Verehrer Michael Chabon, dessen aktuelles Buch von zwei Comic-Pionieren der 40er Jahre erzählt.

Optische Täuschung: dieses Frühwerk für das Cover eines kurzlebigen Magazins hätte ich glatt für das Produkt eines frankobelgischen Künstlers der 60er oder 70er Jahre gehalten. Will Eisner war schon im September 1936 soweit (aus dem besprochenen Band, avant-verlag 2021).

Man muss kein fanatischer Verehrer Eisners sein – ich persönlich finde immer, die Mimik seiner Figuren könnte etwas Entspannung vertragen -, um sich an dieser Biographie und der Materialfülle aus Stift und Feder des Meisters (häufig tuschte er selbst) zu berauschen. Letztlich geht es doch nur um die Welt, in der wir leben.
In New York, wohin die die Eisners vor dem Faschismus geflohen sind, beargwöhnen die vorherrschenden evangelikalen Protestanten die Katholiken (Iren, Italiener, Latinos), diese wiederum die Juden, die sich ihrerseits untereinander die Hölle heiß machen – aufgeteilt in Ost- und Westjuden. Unter ihnen rangieren in der Hierarchie der Neuen Welt nur noch die Asiaten und Afroamerikaner …
Eisner erzählt von wunderlichen Szenen der Weltwirtschaftskrise: „Da standen Männer in Chesterfield-Mänteln mit Samtkragen, einem feinen Bowler-Hut und guten Schuhen in der Wall Street und hielten eine Schachtel in den Händen, aus der sie Äpfel für fünf Cents verkauften.“ …
Will Eisners Comics sind zeitgeschichtliche Bücher mit viel Kolorit – besonders seit seinem autobiographischen Klassiker „Ein Vertrag mit Gott“ (1978). Als jemand, der von Comics am liebsten auf phantastische Art unterhalten wird, greife ich lieber zu den historischen „Spirit“-Abenteuern und lasse mir die ganze Wahrheit – reichlich illustriert von Will Eisner – von diesem Buch erzählen.

So wie der Spirit in einigen seiner besten Abenteuer nur eine Nebenrolle spielt*, tritt auch Will Eisner in „Graphic Novel Godfather“ immer wieder in den Hintergrund, um den Umwälzungen der Zeit- und Mediengeschichte Platz zu machen. Doch er bleibt stets in der Nähe. Schon deshalb, weil sein Einfluss auf vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, kaum überschätzt werden kann.
Immer wieder werden Türen zur Geschichte des Comics und seiner Rezeption aufgestoßen, und hinter jeder schließt sich ein Kreis. Als sich die ersten Nerds (noch nicht so geheißen) organisierten, um ihre Erfahrungen und Sammlerstücke untereinander auszutauschen, setzte sich die gesellschaftliche Hack-Ordnung der New Yorker Elendsviertel nahtlos fort: „Die Gesellschaft guckte herab auf Science-Fiction-Fans, und Science-Fiction-Fans blickten herab auf uns Comic-Fans“, erzählt einer von ihnen. „Wir waren der Bodensatz. Wenn man nicht gerade im Porno-Geschäft war, konnte man nicht tiefer sinken.“
Auf diesem Humus sollten Mitte der 60er Jahre die ersten Conventions sprießen.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2021/01/05/the-golden-age-of-comics/
** … z.B. in der hier erwähnten Geschichte: https://blog.montyarnold.de/2015/01/03/der-raecher-von-central-city/

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