Bogart, nein danke!

betr.: 58. Geburtstag des ZDF

Je nachdem, auf welchem Fuß sie mich erwischen, bedeuten die Buchstaben ZDF für mich „gewaltige Schatzkammer großer Medienereignisse“ (wenn ich ans Archiv und längst abgesetzte Formate denke) oder „tragische Mutation eines öffentlich-rechtlichen Senders, der alle Nachteile des Privatfernsehens nachgemacht oder gar übertroffen hat, ohne dessen Vorzüge ebenfalls zu kopieren“ (wenn ich es tatsächlich einschalte). War das ZDF nicht nur jener Kanal, der immer so gut verstand, mich im Vorabendprogramm frühkindlich an wegweisende Cartoons und Klamotten heranzuführen? Habe ich mich nicht „im Zweiten Programm“ erstmals über ein ins Szenenbild eingeblendetes Senderlogo geärgert (das müsste im Herbst 1983 gewesen sein)? Und (fünf Jahre später) über das erste Dauerlogo, dass gar nicht mehr ausgeschaltet wurde? Meckerte dort nicht der olle Reich-Ranicki? Stimmt alles. Fast noch wichtiger: es war das ZDF, in dem ich meine ersten Begegnungen mit Alfred Hitchcock und Billy Wilder erleben durfte, meine ersten Musicals (serienmäßig).
Es war in einem anderen Leben.
Weitaus seltener als in der ARD mit ihren zahlreichen Sendestationen gibt es im ZDF heute etwas zu sehen, was in früheren Zeiten ganz wesentlich zur Attraktivität und Beliebtheit des Fernsehens an sich beigetragen hat: Hollywood-Klassiker.

Diese Grafiken aus der „TV Spielfilm“ (März 2017) zeigen die Anzahl von Filmen mit Produktionsjahr 1960 oder früher, die pro Kalenderjahr in ARD, ZDF und den Dritten liefen.  

Wie gesagt: in der ARD sieht es nur unwesentlich besser aus. 1984 rühmte man sich dort, in den USA für 80 Millionen Dollar ein Filmpaket mit sage und schreibe 1350 Hollywood-Produktionen erworben zu haben, darunter viele Klassiker.
Nach der Jahrtausendwende liefen diese Senderechte nach und nach aus, und die alten Meister verschwanden aus dem Free-TV.  Spricht man Redakteure, Filmeinkäufer oder Sender-Presseleute darauf an, wissen diese immer ganz genau, dass das Publikum so was eh nicht mehr sehen wolle – was teils schlichtweg eine freche Behauptung, inzwischen aber auch die Folge dieser Entscheidung ist, nicht deren Ursache. Bei der Kulturverachtung, die aus ihren Argumenten spricht, glaubt man, einen Politiker reden zu hören: „Auch Klassiker werden nicht jünger. Ein Film von vor 1960 ist eben heute mindestens 60 Jahre alt.“ Wer so redet, ignoriert (aus Ignoranz oder aus Berechnung) den Umstand, dass der Blick in eine andere Zeit gerade zu den besonderen Vorzügen solcher Werke gehört. Der Tipp, sie einfach zu streamen oder sich auf DVD zuzulegen, hat den Haken, dass man ein Angebot erst einmal kennen muss, um es nutzen zu wollen. Und es treibt – wieder einmal – die potenziell Interessierten weg von der Glotze und hin zu jenen Medien, die ihr den Rang ablaufen.

Immerhin der deutsch-französische Kulturkanal arte zeigt noch regelmäßig historische Filmkunst. Das hängt mit den Gebührengeldern aus Frankreich zusammen, wo der Film traditionell einen höheren Stellenwert genießt.

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