Was ist eine Klamotte? (2)

Fortsetzung vom 9.4.2021 / Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

„Verehrte Passagiere, es kommt gleich zu Turbulenzen.“

Ihre letzte Hochphase hatte die Klamotte in den 70er und 80er Jahren, als Stars wie Spencer & Hill, Eddie Murphy, Leslie Nielsen („Die nackte Kanone“) und Spezialisten wie die Zucker-Brüder Erfolge feierten. Diese Filme wurden routiniert gefertigt und waren letztlich so gut wie ihre Dialoge, boten aber auch immer physischen Slapstick bzw. richtige Action. Ihre Beliebtheit beruhte auf der Zugkraft ihrer Stars oder der Serie, in der sie auftraten, z.B. die „Police Academy“-Filmreihe oder die „Eis am Stiel“-Filme. In dieser Zeit etablierte sich die Klamotte als zuverlässiges Entertainment für ein Nischenpublikum, das auf „Anspruch“ (Logik, Tiefgang, Schauwerte im Sinne eines größeren Produktionsvolumens) gern verzichtete, solange es zuverlässig rundging. Die Komiker blieben unter sich, „seriöse“ Darsteller waren kaum dabei – wenn sie nicht (wie etwa George Kennedy) in diese Abteilung wechselten und mit ihrem dramatischen Gestus ganz besonders amüsant waren. Hin und wieder wurden Gaststars eingeladen, die dann ihr angestammtes Genre (oder sich selbst) persiflierten.

Dem Ansehen der „anspruchslosen“ Komödie – also dem leichtesten Beitrag zur Leichten Muse – hat das weiter zugesetzt. Trotzdem liefen solche Filme noch bis in die 80er Jahre hinein zur besten Sendezeit. Die Fernsehansagerinnen warnten das Publikum dann mit dem Hinweis auf ein „turbulentes“ Filmvergnügen.

Das Wesen der Klamotte

Der schlechte Ruf rührt vermutlich daher, dass sie ganz besonders leicht aussieht, und das Leichte gern mit dem Minderwertigen gleichgesetzt wird. Richtig ist, dass die Klamotte dem Betrachter keinerlei Anstrengung bereiten will (was freilich für die Hersteller besondere Mühe und Sorgfalt erfordert). Niemand möchte von ihr mit einer Botschaft behelligt werden – auch nicht mit einer guten -, und Handlung und Personal sollten nicht zu kompliziert sein. Dass es überhaupt so etwas wie eine Handlung gibt – einen Plot, einen Konflikt, der die Ereignisse motiviert – hat sich dennoch als Qualitätsmerkmal erwiesen.  Am meisten genießt man Ereignisse, die einen nachvollziehbaren Auslöser haben, und das völlige Fehlen einer gewissen Logik ist (unabhängig vom Genre) immer ein wenig kränkend. Das gilt zumindest im abendfüllenden Format. Die ein- oder zweiaktige Comedy kann mit einem Thema, das sich variieren lässt, gut zurechtkommen.

Von Zeit zu Zeit entstanden im Reich der Klamotte wirkliche Meisterstücke der Filmkomödie.* Das war, wenn die Macher solcher Filme etwas zusätzliche Ambition bewiesen, besonders Inspiriert waren oder gut mit einem höheren Budget umzugehen wussten, das ihnen durch glückliche Umstände zur Verfügung stand. Ab und zu verirrte sich auch mal ein Genie auf dieses Gebiet. Filme wie „Tootsie“ oder „Manche mögen‘s heiß“ sind Klassiker. Doch in ihrem Personalausweis steht: Klamotte.
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* Hier werden einige Beispiele vorgestellt:  https://blog.montyarnold.de/2021/04/07/17839/  /  https://blog.montyarnold.de/2017/03/20/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-that-lucky-touch/ /  https://blog.montyarnold.de/2021/02/15/auf-der-corona-couch/

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