Keimzelle ist auch Zelle – Familienglück als Ideal und Schreckgespenst (3)

Fortsetzung vom 3. April

Ohne Vater geht es nicht!

Einmal versuchte ich, ein Hörspiel an den Rundfunk zu verkaufen, das auf dem unveröffentlichten Kinderbuch eines befreundeten Schauspielers beruhte. Er erlaubte mir eine Bearbeitung und mischte sich nicht weiter ein.
Die Geschichte spielt in der realen Welt und hat einen einzigen phantastischen Twist (meine Lieblingsmischung!). Der Held ist ein 13jähriger Junge, der bei seiner alleinerziehenden Mutter aufwächst und damit eigentlich gut zurechtkommt. Erst als er ahnt, dass seine Mutter ihm nicht die ganze Wahrheit über das Schicksal seines Vaters erzählt hat, beginnt er nachzuforschen und -zubohren. Der eigentliche Plot – der mich auf Anhieb so entzückt hat, dass ich das Hörspiel schreiben wollte – hat damit im Grunde nichts zu tun. Am Ende fügt sich alles ohne das Zutun des Jungen trefflich, und dieses Happy End ändert auch nichts am magischen Teil der Geschichte.
Da ich wusste, dass mein Kollege persönliche Erlebnisse in den Text hatte einfließen lassen, wollte ich diesen familiär-romantischen Strang nicht völlig unterschlagen, aber ich nahm ihn etwas zurück. 

Für die endgültige Fassung konsultierte ich noch einen jungen Freund und Kollegen, der sowohl hinsichtlich der Milieukenntnis als auch in puncto Hörspiel meinen größten Respekt genießt, und wir arbeiteten das Buch einen ganzen Tag lang in einem Kölner Restaurant gemeinsam durch, ohne Hast und Zeile für Zeile. Eine Formulierung im geschilderten Schulalltag, die ich noch aus seligen 70er-Jahre-„Fix und Foxi“-Zeiten dabeihatte (um ihre Patina wissend, aber der Meinung, sie sei doch mal ganz lustig), flog raus, ein paar Gespräche unter Kids wurden realistischer gestaltet, und hie und da feilten wir noch etwas an den Motivationen. Aber auch alles andere wurde einmal in Frage gestellt.
Schließlich fand ich das Ergebnis richtig gut. Abschließend meinte mein Helfer, ich solle mir doch noch einmal überlegen, ob ich die Storyline mit dem Vater, der aus Australien zurückkommt, wirklich bräuchte. Ehrlicherweise brauchte ich sie nicht, und so entfernte ich sie in einer weiteren Überarbeitung restlos. Es ging jetzt nur noch um das Leben eines Jungen in den letzten sonnigen Stunden vor Ausbruch der Pubertät und die Schwierigkeit, mit ein wenig Zauberei umzugehen. Schonend brachte ich dem Autor der Vorlage diese Entscheidung bei. Er war etwas enttäuscht, gab mir aber seinen Segen.

Das nunmehr vaterlose Hörspiel wurde abgelehnt.
Ich könnte mir vorstellen, dass die vorletzte Fassung eine Chance gehabt hätte.

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