„Werktreue“ mit Laurel und Hardy

betr.: 36. Todestag von Joe Hembus / DVD-Box „Lachen Sie mit Stan und Ollie“

Theo Lingen am Pult. Das ist viel amüsanter, als wenn er den Pauker nur spielt. (Foto: fernsehjuwelen)

Mit „Lachen Sie mit Stan und Ollie“ ist seit einiger Zeit die letzte TV-Auswertung der Arbeit von Laurel und Hardy im Handel erhältlich. In dieser DVD-Box sind die meisten der ihr Werk abschließenden Langfilme versammelt. Als Dokument, wie übel das Deutsche Fernsehen unter dem Banner der „Werktreue“ den Schätzen des Kinos zuweilen mitspielt, eignet sie sich fabelhaft, zum gründlichen Kennenlernen der großen Komiker ist sie schon deshalb nicht zu empfehlen, weil sie das Kurzfilmschaffen auslässt. Die Bezeichnung „Langfilm“ meint das etwas über einstündige Format, das bei Laurel und Hardy bald nach der Einführung des Tonfilms allmählich die 20minütigen Zweiakter (der letzte entstand 1934) ablöste. Diese „Features“ ließen sich zu den in den USA damals beliebten „Double Features“ zusammenfügen, in denen ein „B-Film“ auf eine als attraktiv eingeschätzte Produktion folgte. Lediglich der musikalische Kostümfilm „Fra Diavolo“ kommt auf c.a. 90 Minuten.
Ich gehe mit der allgemeinen Historikermeinung konform, dass die meisten der wirklichen Glanzleistungen von Stan Laurel und Oliver Hardy bei den Zweiaktern zu finden sind. Die auch für die Verhältnisse der 70er Jahre erratische Platzierung von „Lachen Sie mit Stan und Ollie“ im Programm lässt daran zweifeln, dass das ZDF es mit der angekündigten „systematischen Neuentdeckung“ ernst meinte, zumal willkürlich Filme aussortiert wurden und die Reihenfolge der übrigen nicht einmal nach Hal-Roach- und Spätphase unterschied. Die neue deutsche Bearbeitung war nicht unbedingt notwendig (alle Filme lagen bereits weitgehend ungekürzt und in sorgfältiger Ausführung vor), zumal sie nach der Sparmethode gefertigt wurde, die sich in den frühen 70er Jahren beim Fernsehen etablierte, wenn es um altes Material ging. Ein behutsamer Klammerteilsynchron wäre eine gute Alternative gewesen, zum Genuss untertitelter Passagen hielt man das Publikum noch nicht für reif. Jahre später leugnete das ZDF auf Nachfrage der „Gong“-Leserbriefredaktion, etwas mit diesen Versionen „Im Auftrag des ZDF“ zu tun zu haben. (Auch aus den Abspännen der vorliegenden Ausgabe wurde dieser Hinweis entfernt.)

Eine Originaltonspur gibt es auf den DVDs nicht, Vorspänne und Schlusstitel fehlen. Die Verteilung der Komödien auf die 7 DVDs folgt weder der Chronologie der Erstaufführungen noch der ihrer Erstausstrahlung innerhalb der Reihe „Lachen Sie mit Stan und Ollie“. Die auf der Verpackung und im Booklet vorgenommene Einteilung in zwei Staffeln ist nicht zutreffend, da dieser Ausdruck im Deutschen Fernsehen damals noch nicht gebräuchlich war und sowieso etwas anderes bedeutet. (In der Tat gab es nach acht Beiträgen eine 15monatige Unterbrechung.) Die Verpflichtung des Komödianten Theo Lingen als Präsentator war eine gute Idee, die m. E. bereits den Kauf der Box rechtfertigt – obwohl auch er in seinen Erläuterungen nur so korrekt sein konnte wie es ihm die Zulieferungen des Westernspezialisten  Joe Hembus gestatteten. 1978 starb Lingen auf der Höhe seiner Wirkung und Produktivität. Die Reihe überlebte ihn um zwei Jahre.

„Lachen Sie mit Stan und Ollie“
Tatsächliche ZDF-Sendereihenfolge 1975-80

1. Wüstensöhne / Sons Of The Desert
US-Kinostart: 29.12.1933, Deutscher Kinostart: 26.10.1934, Erstausstrahlung der Präsentation in der ZDF-Serie „Lachen Sie mit Stan und Ollie“: 3.9.1975
Die Sendereihe beginnt mit der Nr. 4 der erhaltenen Langfilme von Laurel & Hardy, was eine würdige Eröffnung bedeutet und die Chronologie (noch) halbwegs respektiert. Die Anmoderation von Joe Hembus / Theo Lingen klingt, als wollte man weiterhin systematisch vorgehen. (Siehe auch Folge Nr. 11, „The Bullfighters“.) Hier hat offensichtlich die Redaktion anders entschieden.

2. Auf hoher See / Saps At Sea
USA: 3.5.1940, D: 22.12.1949, ZDF: 22.10.1975
“Saps At Sea” war der erste Laurel-und-Hardy-Film, der nach dem Krieg deutsch bearbeitet wurde. Das Ergebnis weicht so stark vom späteren Gestus ab, dass die neue deutsche Bearbeitung in diesen Fall ausnahmsweise eine gewisse Berechtigung hat, zumal Laurels reguläre deutsche Stimme Walter Bluhm gerade noch zur Verfügung stand.

3. Wunderpille / Jitterbugs
USA: 11.6.1943, D: 9.11.1965, ZDF: 17.12.1975

4. Wir bitten um Gnade / Pardon Us
USA: 15.8.1931, D: 23.5.1950, ZDF: 21.1.1976

5. Im fernen Westen / Way Out West
USA: 16.4.1937, D: 1.11.1937, 12.5.1976

6. Genies in Oxford / A Chump At Oxford
USA: 16.2.1940, D: 17.10.1950, 23.6.1976
Der erste Akt, in dem Stan und Ollie als Butler Ehepaar auftreten, fehlt in der nur noch knapp 50minütigen neuen Eindeutschung.

7. Das Mädel aus dem Böhmerwald / The Bohemian Girl
USA: 14.12.1976, D: 23.8.1957, ZDF: 4.8.1976

8. Die lieben Verwandten / Our Relations
USA: 30.10.1936, D: 7.9.1951, ZDF: 18.12.1976

9. Große Kaliber / Great Guns
USA: 10.10.1941, D: 7.6.1957, ZDF: 27.3.1978

10. Fliegende Teufelsbrüder / The Flying Deuces
USA: 20.10.1939, 30.1.1951, ZDF: 10.6.1978

11. Stierkämpfer / The Bullfighters
USA: 14.2.1936, D: 23.8.1957, ZDF: 4.8.1978
Theo Lingen moderiert den letzten amerikanischen Film des Duos  an, als wollte er die Sendereihe tatsächlich damit abschließen. Nur dies eine Mal gesteht er auch den Qualitätsverfall der späten Arbeiten von Laurel und Hardy.

12. Bomben-Kerle / Air Raid Wardens
USA: 4.4.1943, D: 12.9.1958, ZDF: 9.9.1978

13. Das Schweizer Mädel / Swiss Miss
USA: 20.5.1938, D: 28.2.1952, ZDF: 1.1.1979
Die neue deutsche Fassung nutzt in den Musiknummern die alte Synchronfassung.

14. Die tapferen Schotten / Bonnie Scotland
USA: 23.8.1935, D: 12.4.1936, ZDF: 14.1.1979

15. Fra Diavolo / The Devil’s Brother (Fra Diavolo)
USA: 5.5.1933, D: 31.1.1958, ZDF: 27.1.1979
Die Anmoderation schürt die Vorfreude auf die schöne Gesangsstimme von Thelma Todd, die allerdings nicht singen wird.

16. Nichts als Ärger / Nothing But Trouble
USA: 9.3.1945, D: 12.9.1952, ZDF: 10.2.1979
Die neue deutsche Fassung nutzt in den Ensembleszenen die alte Synchronfassung.

17. Vergiss‘ deine Sorgen / Pack Up Your Troubles
USA: 17.9.1932, D: 8.8.1952, ZDF: 10.3.1979

18. Der große Knall / The Big Noise
USA: 22.9.1944, D: 5.7.1951, ZDF: 31.3.1979
In der Einführung werden die Begriffe „Slow Burn“ und „Double Take“ – zwei der zentralen komischen Stilmittel von Laurel & Hardy – durcheinandergebracht

19. Fauler Zauber / A-Haunting We Will Go
USA: 7.8.1942, D: 18.2.1966, ZDF: 9.6.1979

20. Klotzköpfe / Blockheads
USA: 19.8.1938, D: 7.4.1949, ZDF: 1.9.1979

21. Die Tanzmeister / The Dancing Masters
USA: 19.11.1943, D: 4.4.1958, ZDF: 29.12.1980
Mehr als ein Jahr ist seit der Ausstrahlung des vorletzten Beitrags vergangen.

Das Booklet der Edition ist schlecht recherchiert und reich an Stilblüten (- der Begriff „Kino“ wird tunlichst vermieden, ständig ist von „Lichtspieltheatern“ die Rede …). Immerhin wird in den Kurzbiographien großer Wert auf Bestattungsrituale gelegt. So erfahren wir nebenbei, dass Laurel und Hardy nicht nebeneinander begraben wurden. Hardy liegt „auf dem“ Valhalla Memorial Park in Nord-Hollywood, Laurel auf dem Forest Lawn in den Hollywood Hills.
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* Der ST. GEORGE HERALD beschrieb es genauer unter https://blog.montyarnold.de/2015/08/27/the-laurel-hardy-murder-case/

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