Unsere Lieblinge daheim

betr.: 84. Geburtstag von Jack Nicholson

Zugegeben: ich freue mich immer, wenn TV-Interviews mit berühmten Persönlichkeiten in privater Umgebung stattfinden, wenn sie nicht in einem Hotelzimmer, vor einem Werbebanner oder einer neutralen Farbfläche entstehen. In den letzten Monaten haben wir im Internet eine Unmenge privater Wohnräume kennengelernt, aber ich dachte bei „berühmte Persönlichkeiten“ weniger an Jan Hofer oder Barbara Schöneberger, sondern eher an jemanden wie Jack Nicholson.
Zwei seiner Auftritte als Zeitzeuge in Dokumentarfilmen sind in meinem Gedächtnis ähnlich haften geblieben wie seine darstellerischen Leistungen.
In einem zweistündigen Filmportrait, das Stanley Kubrick von seinen Hinterbliebenen gewidmet wurde – und in dem folglich pausenlos frohlockt, Hosianna gesungen und vor Rührung gestottert wird – ist Jack Nicholson so zersaust und verkatert, dass kein Zweifel daran aufkommt, wie wurscht ihm ist, was irgendjemand über ihn denkt. Die Devise lautet: „Kubrick ist natürlich auch nach meiner Meinung der Größte – schon klar, geschenkt. Aber denkt bloß nicht, dass ich seinet- oder euretwegen früher aufstehe oder mich unter den Armen wasche.“
Einige Jahre später wurde Jack Nicholson gebeten, einem Filmteam ein paar Worte über den B-Filmmogul Roger Corman zu erzählen. Diesmal saß er brav auf (s)einem Sofa und dachte laut darüber nach, was und wieviel er diesem notorisch unterschätzten Produzenten, Regisseur und Talentförderer verdankt. Wie er so ins Plaudern kommt, wird Nicholson bewusst, dass sein Entdecker es die meiste Zeit nicht leicht hatte und dass er, Nicholson, ihm vielleicht etwas deutlicher seine Dankbarkeit hätte beweisen können als er es in den zurückliegenden Jahrzehnten getan hat. Nachdem er mit sich gerungen hat, bricht der Schauspieler in Tränen aus. Es scheint, als ob ihm das durchaus unangenehm wäre (im Gegensatz zu dem Orgien-Kater im vorigen Beispiel), aber wieder ist es ihm letztlich wurscht. Er besteht nicht auf einer Unterbrechung. Die Kamera verharrt auf ihm bis er sich wieder gefangen hat, und die Szene ist im fertigen Film zu sehen.
Möglicherweise wäre das vor einer schwarzen Wand oder in einem Hotelzimmer nicht passiert. Beide Szenen sind hochinteressant, gerade auch in bezug auf ihr Thema.

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