Vorgeblich grenzenlos

betr.: 39. Jahrestag des Sieges von Nicole beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“  

Einmal fand ich mich in kleiner Plauderrunde bei einem Thema wieder, von dem ich nie gedacht hätte, dass es mich 30 Minuten lang am Stück beschäftigen könnte: der europäische Schlagerwettbewerb – der bekanntlich geraumer Zeit eine Namensänderung erfahren hat. Nicht zu unrecht, denn schließlich hat auch der Gegenstand sich gründlich gewandelt. Die Wikipedia verwischt diesen Aspekt, wenn sie Nicole im deutschen Eintrag als Siegerin des „Eurovision Song Contest“ des Jahres 1982 benennt.

Auch ich habe ein paar unvergessliche Fernsehabende meiner Kindheit im Kreis der Familie mit diesem Ereignis verbracht und mitgefiebert, wie viele „Points“ die „Allemagne“ bekommt. Dass diese Zeit für mich endgültig vorbei ist, begriff ich, als Lena Meyer-Landrut die Vorentscheidung gewann. Nachdem sie ihren Song vorgetragen hatte, erfuhr man, sie habe ihn gemeinsam mit ihrem Förderer Stefan Raab aus einem kleinen Pool von Optionen herausgesucht, recht spontan (und mit glücklicher Hand, wie sich zeigen sollte). Ambulante Archivmusik also. Die Urheber wurden gar nicht weiter beachtet.
Der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ war einmal ein Wettbewerb der Texter und Komponisten gewesen. Und obwohl es natürlich die Interpreten waren, die am großen Tag den wohlverdienten Applaus und eine ganz große Bühne bekamen, wurde hier ausnahmsweise auch die die kreative Leistung dahinter gewürdigt. Nebenbei – auch das eine Seltenheit – wurde ein wenig Folklore gemacht, beim Wettbewerb sangen alle in ihrer Landessprache.

Der „Eurovision Song Contest“ hingegen ist eine Sause, bei der es nur noch darum geht, wer den schrillsten Fummel, die grellste Lasershow und das akzentfreieste Englisch aufzuweisen hat. Eine Welt, in der alle was Hübsches anhaben, es immer schön hell ist, alle gut englisch können und zumindest schwul aussehen, wäre mein Traum! Aber lieber in der real existierenden Gesellschaft und nicht einmal jährlich in einer Nischensendung. In der Kunst mag ich klare Linien, Wagemut, Unkorrektheit und Überraschung. Dass das eine das andere befördere, halte ich hier für eine naive Einschätzung.

Für mich war der alte „Grand Prix“ (dessen gefühlte Amtssprache das Französische war) eine nicht weiter wichtige, aber schöne weil entschiedene Sache. Der „European Song Contest“ hält sich mittlerweile nicht einmal mehr an die geographische  Selbstbezeichnung. Auch das fände ich im Leben großartig, aber als Kulturereignis schmeckt es nur beliebig.

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