What Black Lives Matter in Hollywood (früher Tonfilm)

Als sich vor gut 90 Jahren der Tonfilm durchsetzte, hätte Hollywood die Möglichkeit und – als einzige Institution, die damals technisch dazu in der Lage war – die Aufgabe gehabt, die Stars des noch jungen Jazz und die des sich auflösenden Vaudeville für die Nachwelt in Sicherheit zu bringen. Man hätte diese Pioniere des Entertainment, die der Welt alsbald abhandenkommen sollten, vor die Kamera holen müssen – und das durchaus mit pofitablen Aussichten.

Einige der Komiker schafften es bekanntlich auf die Leinwand – wenn auch in der Regel nicht mit ihren klassischen Bühnen-Acts. Der Jazz wurde schon aufgrund der Hautfarbe seiner frühesten Vertreter nur gelegentlich, zufällig und am Rande in bewegten Bildern dokumentiert.
Es ist ein nicht wieder gutzumachendes Versäumnis.

Der Umgang Hollywoods mit Bill Robinson (dem legendären „Mr. Bojangles“), Paul Robeson, Lena Horne, Louis Armstrong, Billie Holiday und anderen afroamerikanischen Stars war von Vorurteilen geprägt und belegt überdies einen Mangel an Mut und Phantasie. Bill Robinson hatte zwar ein paar Glanznummern in vier Filmen mit Shirley Temple bei der der 20th Century Fox (1935 „The Little Colonel“ und „The Littlest Rebel“, 1938 „Rebecca Of Sunnybroock Farm“ und   „Just Around The Corner“) und Gastauftritte in Filmen wie „Hooray For Love“ (RKO 1935) und „The Big Broadcast Of 1936“ (Paramount 1935), jedoch nur einmal eine Hauptrolle: in „Stormy Weather“ (Columbia 1943). Stets beschränkte sich sein Rollenfach auf Dienstboten oder andere schlichte Gemüter. Immerhin war das bediente  Klischee bei weitem nicht so herabsetzend wie bei Stepin Fetchit, dem Trottel vom Dienst.

Das einzige Jahr, in dem afroamerikanische Künstler angemessen in einer Musicalproduktion wirken konnten, war 1943. Columbia gab Lena Horne und Bill Robinson die Hauptrollen in „Stormy Weather“ und stellte ihnen Cab Calloway, Fats Waller, Dooley Wilson und die Nicholas Brothers zur Seite. „Cabin In The Sky“ war im selben Jahr bei MGM die erste Regiearbeit für Vincente Minnelli; Ethel Waters, Eddie „Rochester“ Anderson und Lena Horne gestalteten die zentrale Dreiecksgeschichte, und zum Ensemble zählten John Bubbles (von „Buck & Bubbles“), Louis Armstrong, Rex Ingram und Duke Ellington. (Louis Armstrong ist auch als Schauspieler eine echte Entdeckung!)

Obwohl Paul Robeson heute verdächtigt wird, ein fähigerer Filmschauspieler gewesen zu sein als der viele Jahre später bahnbrechende Sidney Poitier, wurden ihm dramatische wie auch musikalische Rollen verweigert – nicht nur aufgrund der üblichen rassistischen Vorbehalte, sondern auch weil er als Aktivist tätig war. Robeson sympathisierte mit der kommunistischen Partei. Nach seinem ergreifenden Auftritt in „Show Boat“ (Universal 1936), worin er „Ol‘ Man River“ vortrug, musste er sich in England mit schlecht budgetierten Filmen zufrieden geben.

Die vielleicht größte Jazzsängerin, Billie Holliday, wurde als Magd in einem einzigen obskuren Independent-Film verheizt („New Orleans“, 1947). Lena Horne – ebenfalls eine großartige Sängerin – war die einzige Afroamerikanerin bei MGM (dem Studio, das „mehr Stars unter Vertrag hatte als Sterne am Himmel stehen“), auch dank ihrer Schönheit und ihres hellen Hauttons. Man beschäftige sie nur mit Gesangseinlagen und Nebenrollen, die man für die Auswertung in den Südstaaten aus dem Film entfernen konnte, ohne die Handlung zu beschädigen.* Es war ihr sehnlichster Wunsch, die tragende Rolle des Halbbluts Julie in MGMs Technicolor-Remake von „Show Boat“ (1951) zu spielen. Das Studio vergab den Part an die prominentere Ava Gardner, die sich hierfür dunkel schminken musste. In Universals  „Show Boat“-Verfilmung hatte mit Helen Morgan ebenfalls eine weiße Schauspielerin die Julie gespielt.
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* Dem Publikum im Süden entging einiges auf diese Weise, z.B. der Tanz der Nicholas Brothers in „Down Argentine Way“ (1949). Es ist eine Gipfelleistung des Stepptanzes im Film.

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