Die schönsten Filme, die ich kenne (106): „Der letzte Zeuge“

Hamburg Anfang der 60er Jahre. Die unverheiratete Ingrid Bernhardy (Ellen Schwiers) findet nach der Ballettstunde ihre vier Monate alte Tochter zu Hause erwürgt auf. Sie erreicht den Vater des Kindes – den Industriellen Werner Rameil (Martin Held) – auf Geschäftsreise. Er schickt seinen Anwalt, um ihr beizustehen und die Diskretion zu wahren, bleibt ihr aber wirkliche Anteilnahme schuldig. So wendet sich Ingrid an ihren verschmähten Ex, den jungen Arzt Heinz Stephan, der noch nicht über sie hinweg ist. Er begleitet Ingrid in die Wohnung und wird mit ihr gemeinsam verdächtigt und verhaftet, als die Kripo eintrifft.  Der Anwalt Dr. Fox (Hanns Lothar) wirft sich für Ingrid in den Kampf. Leider macht es ihm seine flatterhafte Mandantin, der er offensichtlich unsympathisch ist, nicht leicht …

Es kommt selten vor, dass mich ein Film aus der Wirtschaftswunderrepublik so vollständig fesselt und überzeugt (zu seiner Zeit hätte man wohl das Wort „bestrickt“ verwendet), dass er so frei ist von der unfreiwilligen Komik ihrer Dramen und der Plattheit ihrer Komödien. Die Kritik an unserem System, um die es Regisseur Wolfgang Staudte einst gegangen ist, hat sich verflüchtigt. Geblieben ist ein Kostümdrama, dessen Figuren genau die Komplexität und Widersprüchlichkeit aufweisen, die uns heute so wichtig ist und die wir einer Produktion von 1960 nicht ohne Weiteres zutrauen. Vereinzelt aufflackernde Loyalität und Hilfsbereitschaft trifft immer die Verkehrten und geht für die, die sie aufbringen, nach hinten los. Der jungen Heldin wird übel mitgespielt, aber das ist auch schon das einzig Nette, was sich über die Dame sagen lässt. Die Dinge nehmen so unerbittlich ihren Lauf, dass man sogar für etwas billigen Trost durch den für „Opas Kino“ (dem wir diesen Film historisch zurechnen müssen) typischen Kitsch dankbar wäre. Doch es gibt keinen Kitsch.

Bis zum 15.6. ist dieser Film noch zu sehen unter https://www.arte.tv/de/videos/096210-000-A/der-letzte-zeuge/

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