Die kollektive Zuschauererwartung – Was ist das?

Dieser von William K. Everson geprägte Ausdruck bezeichnet die erste, noch unkontrollierbare Reaktion auf einen kulturellen Schlüsselreiz und die daraus resultierende Erwartungshaltung. – Wir geben es nicht gern zu, aber jenseits unseres Individualismus sind wir einander ähnlicher als wir denken, besonders wenn wir uns einem Publikum zugesellen.* Auf den meisten Input  reagieren wir unmittelbar genauso wie der jüngere Mann neben uns und die ältere Dame schräg vor uns im Auditorium. Jedenfalls im allerersten Augenblick. Gleich nach diesem Reflex folgen unsere Reaktionen, beginnen unsere jeweiligen Bewertungen, und erst die weichen voneinander ab: Finde ich das doof, was da gerade passiert ist? Darf ich das mögen? Muss ich zugeben, dass es mich gar nicht interessiert?
Auf der anderen Seite der Rampe (auf der Leinwand, auf dem Bildschirm …) können wir also für einen winzigen Augenblick die Gedanken aller Anwesenden lesen bzw. steuern. Zu diesem Moment müssen wir uns als Künstler verhalten. Das geht professionellermaßen nur auf zwei Arten: entweder ich entspreche der kollektiven Zuschauererwartung oder ich missachte sie. Wer sich nicht dafür interessiert und einfach irgendetwas tut, wird unweigerlich ein minderwertiges Ergebnis produzieren. Ein schlechter Witz bleibt ein solcher, auch wenn er (etwa aus Höflichkeit) beklatscht wird. Ein schockierender Moment in einem Horrorfilm bleibt schockierend, egal ob wir ihn genießen oder uns abwenden.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/04/21/das-maerchen-vom-individualismus/

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Eine Antwort auf Die kollektive Zuschauererwartung – Was ist das?

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