Geliebte Stimmen – Die besten Vorbilder für Charge und Trickstimme (Nachwort)

Die notwendige Arbeit mit Vorbildern

Jeder, der ans Mikrofon tritt, muss genau wissen, was er vorhat. Noch vor dem Material und den Einzelheiten der Umsetzung (Regieanweisungen) steht Frage: wer bin ich? Welches Register muss ich ziehen, damit der Text funktioniert? Es funktioniert letztlich wie alles, was wir irgendwann gelernt haben: über ein Vorbild. Es geht nicht darum, nur nachzuahmen, aber die Nachahmung des Angemessenen ist die Grundlage, auf der unser persönlicher Stil entstehen wird. Wer behauptet, er könne das alles allein erfinden, nutzt nur eine Ausrede dafür, dass er sich für das Vorangegangene und somit für das eigene Handwerk nicht interessiert.
Bluffen ist hier nicht möglich.
Wer gefragt wird: „Kannst Du Heinz Erhardt imitieren?“ und ihn gar nicht kennt (oder nur von Fotos), der wird es unmöglich hinbekommen. Nicht einmal annähernd. Und auch dann nicht, wenn die Regie ihm genau erklärt, wer Heinz Erhardt war.
Wer nicht weiß, wie ein Werbesprecher im Off klassischerweise klingt, der Erzähler eines Hörbuchs (Krimi) oder der Erzähler eines Hörbuchs (Klassiker) …, der wird es nicht schaffen, den richtigen Ton zu treffen. Es geht nicht darum, einen Namen auswendig zu wissen oder sein Vorhaben erklären zu können. Man muss den Text beim Lesen im Ohr haben, so wie er klingen soll.

Diese Regel scheint der Entfaltung einer eigenen Persönlichkeit zu widersprechen, doch das täuscht. Das mögen einige Beispiele aus der Vokalmusik belegen: Dean Martin folgte (nicht als einziger) dem Beispiel von Bing Crosby und war seinerseits das entscheidende Vorbild für Elvis Presley, der eine völlig andere Musik machte und dem niemals unterstellt wurde, er würde andere imitieren. Der Rockstar David Bowie wurde vom Gesangsstil des Musicalstars Anthony Newley inspiriert. Und selbst die „First Lady Of Jazz“ Ella Fitzgerald, die praktisch alle beeinflusst hat, die nach ihr kamen, kam nicht ohne eine Stimme im Ohr zurecht, als sie bei jenem Talentwettbewerb in Harlem den Grundstein für ihre Karriere legte. Erst auf der Bühne, so berichtete sie später, sei ihr eingefallen, wie sie es anstellen wollte: möglichst so wie Connee Boswell.

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