Ungeschriebene Gesetze …

… des medialen Erzählens (3/4): Hörspiel

Fortsetzung vom 3.2.2021

3. Es einfach mal anders machen

Aus dem Bemühen heraus, nicht konventionell zu sein, wird gegen die Regel, die Off-Stimme mit maximal einer Person zu besetzen, immer wieder verstoßen.

Die GeorgesSimenon-Bearbeitung „Die Glocken von Bicètre“ (NDR 2020) erzählt von der Wiederherstellung eines Schlaganfall-Patienten, der zu Beginn ins Krankenhaus eingeliefert wird und den wir begleiten, bis er es wieder verlassen darf – es ist noch mal gutgegangen, seine Genesung ist wahrscheinlich.
Die Inszenierung (Bearbeitung: Susanne Hoffmann) irritiert uns mit drei Erzählerstimmen. Zum einen hören wir die Gedanken des Patienten, dann spricht zu uns noch ein Erzähler in der Dritten Person, schließlich noch ein zweiter, der dem ersten stimmlich sehr ähnelt und von dem wir nie begreifen, warum er dem anderen die Arbeit nicht allein überlässt. Diese Drei wechseln einander unablässig ab und sind im Sinne einer trendigen Auffassung von Timing und Erzähltempo so hart wie möglich zusammengeschnitten. Im Grunde sind beide „allwissenden“ Erzähler überflüssig, da wir mit dem Ich-Erzähler bereits gut und einleuchtend versorgt sind.
Diesen „Kunstgriff“, muss der geneigte Zuhörer 80 Minuten lang immer wieder ausblenden (sprich: korrigieren).

Noch wilder treiben es „Flora und Ulysses“ in der 2015 vorgelegten Funk-Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs von Kate DiCamillo (2000).(Der Disney-Film entstand erst fünf Jahre später und hat damit nichts zu tun.) Sage und schreibe vier (!) Erzählerstimmen treten sich in diesem Hörspiel (Bearbeitung: Judith Ruyters) auf die virtuellen Füßen: die Heldin Flora, die auch im Dialog zu hören ist, die Gedankenstimme des stummen Eichhörnchens Ulysses, der Superheld Incandesto, dessen Lebenshilfe die Heldin zu beherzigen sucht, und schließlich noch die inzwischen erwachsene Heldin, die einen Rückblick aus dieser sonst im Präsens erzählten Geschichte macht. Diese Konzeption ist nicht nur heillos verwirrend (man kann On und Off kaum unterscheiden kann, da eine räumliche Trennung dieser Ebenen unterlassen wurde), sie sorgt auch dafür, dass das Gerede niemals aufhört.

Ein gekonntes Spiel mit der geteilten Off-Stimme wird in „Fleisch ist mein Gemüse“ (NDR 2005) getrieben. Heinz Strunk gestaltet seinen Bestseller (2000) selbst als Ich-Erzähler, ihm zur Seite steht Konstantin Graudus (der „Incandesto“ in „Flora und Ulysses“) als „Alter Ego“. Das ist fabelhaft adaptiert (Bearbeitung und Regie: Annette Berger) und funktioniert im Ergebnis weitaus besser als Heinz Strunks Solo-Hörbuchfassung (die sehr unbekümmert ohne Regie erfolgte) und der Film (2000), der meint, den Urtext noch mit zusätzlicher Handlung aufjazzen zu müssen.
Die Handhabung der Sprache in „Fleisch ist mein Gemüse“ ist eine jener sprichwörtlichen Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

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