Er hat an der Uhr gedreht

betr.: 98. Geburtstag von Fred Strittmatter

Wer in den 70ern aufwuchs, hörte Fred Strittmatters Musik in sämtlichen zielgruppengerechten TV-Formaten, in denen amerikanisches Material (Komödien, Cartoons, Stummfilme, Dokus, Western, Shows) für das Vorabendprogramm zubereitet wurde. Das fiel nicht auf – schon gar nicht unangenehm -, weil der Schweizer Komponist sehr vielseitig war. Die Wikipedia weiß wenig über ihn, lobt ihn aber immerhin für einige Titelmusiken („Dick und Doof“ oder „Wer hat an der Uhr gedreht?“, das Schlusslied von „Der rosarote Panther“). Doch Strittmatter und sein häufigster Partner Quirin Amper jr. waren auch im Laufe der Sendungen zu hören. Sie lieferten die Archivmusik, aus der das Underscoring zusammengestellt wurde, weil die Originalmusik nicht von den O-Tönen zu trennen war, weil es gar keine gab oder weil es zu mühsam gewesen wäre, sie aufzutreiben.

Archivmusiker haben einen sehr undankbaren und Glamour-freien Job. Zudem werden sie oftmals, wenn man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt, auch noch zu unrecht für das Fehlen der Originalmusik verantwortlich gemacht.
Ihre besondere Kunst besteht darin, ohne Kenntnis der späteren Filmpassage etwas zu komponieren, das dann möglichst gut zum Bild funktioniert. Darin war Strittmatter unerreicht. Besonders auf dem Gebiet der Stummfilmmusik* erwies er sich als Künstler von bleibendem Wert. Ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung der klassischen Slapstick-Filme fand er ein musikalisches Idiom, das heute – weitere 50 Jahre später – noch immer bestens funktioniert, obwohl es ganz offensichtlich nicht aus der selben Epoche stammt.

Bis heute bewahrt kein frei verkäuflicher Tonträger diesen Schatz. Der Multimedia-Service Intervox hat einen Großteil von Strittmatters Arbeiten (leider längst nicht alle) für die professionelle Wiederverwendung im Angebot.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2020/01/21/15267/.

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