Humor – Eine Frage des Standortes (1)

Das ungeschriebene Gesetz, Kabarett müsse selbst verfasst sein, wurde von Wolfgang Neuss auf zweierlei Weise missachtet. Wenn nicht Kollegen wie Volker Ludwig, Jens Gerlach oder Horst Tomayer für ihn schrieben, klaute er sich eben was zusammen. Wobei ihm Hochachtung dafür gezollt wurde, wie gut er es schaffte sich dieses Material zueigen zu machen („einzuneussen“). Jedenfalls unter den Kollegen (das Publikum erfuhr es nicht). … Zumindest sagten das die Beklauten nach Neuss‘ Tod.
In den Anfängen der Comedy galt diese Regel ebenfalls: auch abseits politischer Botschaften stand der Comedian zu dem, was er erzählte, sprach tatsächlich über sein Umfeld, seinen Alltag, seine Freundin.
Erst nach und nach leistete man sich fremde Autoren. Die Vorbilder aus Amerika machten es schließlich schon immer so. Dort galt seit alters her die Regel, dass man ab einer gewissen Frequenz auf gekauftes Material gar nicht verzichten kann, will man seine Qualität nicht gefährden.

Es gibt noch mehr Parallelen zwischen Kabarett und Comedy: die Existenz einer Hochburg, in der sich niederzulassen als eine Art Verpflichtung gilt.
In der frühen Bonner Republik galt der Standort des „Düsseldorfer Kom(m)ödchen“ zunächst als etwas unglücklich, weil er so nah an der damaligen Hauptstadt lag, dass die Politiker gern mal rüberkamen, um sich ins Publikum zu setzen und Applaus von der falschen Seite zu spenden. Doch auch die entlegenere „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ wurde bald von diesem Problem eingeholt. Ihre TV-Präsenz und –Prominenz brachte es mit sich. (Die onkelhaft „über sich selbst lachenden“ Politikergesichter im Publikum sind auf den Mitschnitten der alten Silvestershows verewigt.)

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