Der Durchlauferhitzer

Zum Tode von Alfred Biolek

Sind das etwa die Niocholas Brothers, mit denen dieser fitte Moderator tanzt?

Als vor einigen Jahren die intime Gesprächssendung „Thadeusz“ eingestellt wurde, ging damit das feinste Talk-Format im deutschen Fernsehen zuende. Frank Thadeusz war nicht nur höflich zu seinen Gästen, er wusste auch über sie und ihre Arbeit bescheid, ohne dass es nach Recherche aussah. Die Schattenseite: saß einmal jemand da, den ich doof fand, machte mir auch die Integrität des Gastgebers keinen Spaß mehr.
Die große Kunst des freundlichen Talkers Alfred Biolek  bestand darin, dass jeder nur so gut aussah wie er wirklich war und nicht hübscher gemacht wurde. Bioleks zugewandte Liebenswürdigkeit wirkte fast im Geheimen. Als der Moderator für seinen allzumilden Umgang mit Helmut Kohl beschimpft wurde, hatte er lediglich unterlassen, was einerseits unmöglich und andererseits nicht seine Aufgabe gewesen wäre: den ewigen Kanzler irgendeiner Sache zu überführen.

Persönlich lernte ich Alfred Biolek Anfang der 90er Jahre in Köln kennen, seiner langjährigen Wahlheimat, die für mich als Stand-Up-Komiker die zentrale Wirkungsstätte war. Das brachte mich in die glückliche Lage, in sein damaliges Format eingeladen zu werden: „Boulevard Bio“. Abwechselnd plauderte er in dieser wöchentlichen, einstündigen Sendereihe mit Promis oder Nicht-Promis, die ein gemeinsames Thema miteinander verband. (Erstaunlicherweise war beides gleichermaßen interessant.) Bio – ein hüstelnder, etwas umständlicher Lebemann mit verknoteten Beinchen und lustiger Dialektschwäche – wirkte stets etwas unbedarft, und das kam nicht von ungefähr. Er selbst wusste in etwa, wen er da vor sich hatte, aber die Recherche erledigte seine überaus tüchtige Redaktion für ihn. Sie verfertigte einen Stapel Karteikärtchen, auf denen die richtigen Fragen, Zitate und Stichworte standen. Mit der Hingabe einer neugierigen Zufallsbekanntschaft setzte der Moderator diese Bröckchen in (eine) lustvolle Unterhaltung um.
Ich saß als Jungspund mit Helge Schneider, Fips Asmussen und Jürgen von der Lippe in einer Bio-Sendung, in der es um Komik bzw. Comedy ging – es war der Beginn der Comedy-Welle.

Alfred Biolek führte in jenen Jahren ein Leben, wie ich mir kaum ein erfüllteres vorstellen konnte. Er ließ sich (wie es in dem berühmten Ausspruch von Frank Wedekind so treffend heißt) seinen Anlagen gemäß verbrauchen. Das beinhaltete den ständigen Kontakt mit spannenden Menschen, die aufrichtige Liebe seines Publikums, das Schwimmen in einem überschaubaren Teich (das angesagte, wenn auch winzige Köln),  in dem er einer der größten Fische sein konnte, ohne diesen Status immerfort verbissen verteidigen zu müssen. Und ordentlich bezahlt wurde es außerdem.
Mir kam es allerdings immer so vor, als wüsste Bio nicht, dass er dieses herrliche Leben führte. Er wirkte beileibe nicht unzufrieden, aber der ganze herrliche Trubel erreichte, interessierte ihn persönlich überhaupt nicht – oder er genügte ihm nicht.
Dieser Eindruck verstärkte sich bei einem Abendessen in seiner pittoresken Wohnung, eine Gruppe von vielleicht zehn Leuten. Einer seiner Mitarbeiter saß mit am Tisch, ein Gästebetreuer seiner Sendung. Schloss man die Augen, hörte man die zugwandte Stimme eines charmanten, geistreichen, jungen Mannes, der fundiert smalltalken und eine angenehme Verbindlichkeit verströmen konnte. Das Äußere passte nicht dazu: der früh gealterte Mensch zu dieser Stimme hatte einen vollkommen leeren, geradezu erloschenen Blick. Während man so heiter mit ihm kommunizierte, sah er aus, als säße er schon sehr lange ohne Lesestoff in einem Wartezimmer. Seine Aufgabe war es, die Unterhaltung an der Tafel nicht versiegen zu lassen, und die versah er gekonnt. Nun war die Stimmung allerdings so dufte, dass er selten gebraucht wurde. Er fungierte gewissermaßen als Security-Mann.

Bio sprach von seinen beiden großen Leidenschaften: kochen und reisen. Ich fand das stimmig: beides sind Verrichtungen, die eigentlich keine Hobbies sind. Hobbies pflegt man um ihrer selbst willen, gerne auch in aller Stille. Das Reisen wie auch das  Kochen (für Gäste) führt aus ebendieser Stille heraus und mit anderen Menschen zusammen.

Es war in jener Zeit, dass Alfred Biolek – der in der TV-Landschaft der Bonner Republik wirkliche Großtaten vollbracht hatte – ein neues Format an den Start brachte, das ihm bei einem seiner häuslichen Abendessen eingefallen bzw. zugeflüstert worden sein wird: eine Kochshow. Die erste ihrer Art im Deutschen Fernsehen.
Sie erwies sich als der Beginn eines langsamen Rückzugs. „Alfredissimo“ erforderte weitaus weniger Vorbereitung als „Boulevard Bio“, es wurde unbekümmert mit anderen Fernseh-Gesichtern gekocht und gequasselt, die der Gastgeber so gut kannte, dass es keiner redaktionellen Zuarbeit mehr bedurfte. Nach einer kurzen Zeit des Parallellaufs wurde „Boulevard Bio“ eingestellt und nur noch gekocht. Diese Küchen-Talks waren unerträglich seicht, Bioleks Talente als instinktsicherer Gesprächspartner lagen brach, und bei der dritten oder vierten der hintereinander aufgezeichneten Shows hatte der Meister zudem auch einiges an Küchenwein intus. Es half nichts: „Alfredissimo“ wurde ein wahnsinn’jer Erfolch, Auslöser einer ganzen Lawine von Kochshows und Kern eines immensen Merchandisings.

Dann zog sich Alfred Biolek auf der Höhe seiner andauernden Popularität mit den üblichen Floskeln vom Bildschirm zurück: „Ich brauche das Fernsehen nicht!“, „Ich freue mich auf mehr freie Zeit!“, „Es gibt noch ein wahres Leben neben dem öffentlichen“ usw. … Aber passte das auch auf ihn, dem die Studiobeleuchtung doch stets das eigentliche Tageslicht gewesen war?
Ich stellte mir erneut die Frage, die mich schon bei unserem Kennenlernen beschäftigt hatte: Kann es ein, dass sich dieser Mensch trotz seines beträchtlichen Alters selbst gar nicht kennt?

Bio tourte noch einige Zeit mit einer Erinnerungs-Show durch die Republik, zog für ein knappes Jahr nach Berlin (weil da ja immer alle hinziehen), musste erkennen, wie lieb und teuer ihm seine Kölner Umgebung doch gewesen war, zog nach einem häuslichen Unfall wieder nach Köln zurück, was dann nicht mehr dasselbe war. Mit seinem gesundheitlichen Missgeschick und ohne das Fernsehen war auch der Trubel um ihn versiegt. Wenige alte, wahre Freunde sprangen an seine Seite und pflegten ihn gesund.
Das Fernsehen, dem er jahrzehntelang so viel Unvergleichliches beschert hatte, hatte ihn augenblicklich vergessen. Das (sehr liebevolle) Portrait zu seinem 80. wurde im Nachtprogramm vergraben. Gab es aus diesem Anlass wenigstens Wiederholungen seiner Shows, eine Gala o.ä.? – Fehlanzeige!

Es wurde still, immer mal wieder erschien ein Interview mit ihm. Machte ihm denn das Fernsehen als Zuschauer noch Spaß? „Ich gucke keine ganzen Sendungen mehr, ich schalte nur hin und her. Wenn ich eine ganze Sendung sehe, muss ich automatisch immer damit vergleichen, was ich früher gemacht habe – und das ist nicht gut für mich.“ Kochte er noch? Nein. Und Theater, Konzerte, Kino – etwas von der Kultur, die er so kundig auszuleuchten wusste? Nein, kein Interesse mehr.
Sandra Maischberger entlockte in ihrem Geburtstagsportrait einem alten Weggefährten Alfred Bioleks – Thomas Woitkewitsch – ein unerhört aufrichtiges Statement. Dieser bezieht ein Lied von Milva auf ihn (bzw. auf sein soziales Umfeld): „Freunde, die gar keine sind“.
Am Ende war es wohl doch das Publikum, das ihn am liebsten hatte.

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