Erzähl mir eine Geschichte

betr.: Bob Ziegenbalg verlässt das „Junge Theater Überzwerg“

Wenn jemand in Rente geht, mit dem man in seinen Anfängen häufiger gearbeitet hat, sieht man sich den Boden des eigenen Kantinen-Tellers immer ein wenig genauer an.
Meine alte Verbindung zu Bob Ziegenbalg, der nun den Stuhl des künstlerischen Leiters im „Jungen Theater Überzwerg“ in Saarbrücken freimacht, geht noch etwas tiefer. Er war der erste Solo-Livekünstler, an dem ich mir ein berufliches Beispiel nahm. Seine Adresse und Telefonnummer fand ich über gemeinsame Bekannte heraus, als ich meine Ausbildung im Grafischen Gewerbe absolvierte und mir geschworen hatte, der erlangte Gesellenbrief würde meine Zeit als Nicht-Künstler beenden.
Ich rief also bei Bob an, um mich ihm als „angehender Kabarettist“ vorzustellen, ihn um Rat zu fragen, ihn um Hilfe zu bitten. Und als er sich nicht gleich dagegen verwahrte, besuchte ich ihn sogar ein paarmal in seiner WG. Er gab mir in seinem monatlichen Satire-Format mit Gästen die erste Chance, außerhalb des dörflichen Karnevals vor ein Publikum zu treten. Er nahm mich mit auf einen Theaterworkshop, später haben wir im nämlichen Saarbrücker Jazzkeller gemeinsam Ensemblekabarett gemacht und als „Hauskabarettisten“ in einer SR-Funkreihe zusammengearbeitet.
Bob hat mir dabei geholfen, die angestrebte Normalität als freier Künstler zu verwirklichen, die ich so innig anstrebte. Mit meinem Furor, sie dauerhaft in meinem Leben zu installieren, habe ich seine Geduld auf manche Probe gestellt.

Diesmal für Erwachsene … – Foto: Roger Paulet

Wie sich gezeigt hat, ist Bob mit noch weitaus jüngeren Leuten bestens zurechtgekommen. In jenen Tagen Mitte der 80er Jahre wandelte er sich vom freischaffenden Künstler, der zum Beispiel im Stil der Commedia dell’Arte sein Solo „Das Ei des Kolumbus“ spielte, zum festen Ensemblemitglied des „Kinder- und Jugendtheater Überzwerg“, wie die Truppe damals hieß. (Das Wort „Überzwerg“ ist eine Rück-Übersetzung aus dem Saarländischen. Das Adjektiv „iwwerzwersch“ bedeutet in etwa: „vorlaut, aufmüpfig“. Hanns Dieter Hüsch fand diesen Namen übrigens anerkennend „zum Totlachen“.) Bob hatte dort schon als Gast mitgespielt. Nun regte ihn die werdende Vaterschaft dazu an, sich etwas abzusichern. 1990 wurde er sogar zum Leiter des Ensembles, stand aber weiterhin gern auf der Bühne und legte Wert darauf, ein „Angestellter“ des Betriebs zu sein.
1955 in Unterfranken als Sohn eines amerikanischen Soldaten geboren, war Robert Willi Ziegenbalg 1977 aus romantischen Gründen ins Saarland gekommen. (Sein rollendes R hat er als Andenken stets behalten.) Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in Süddeutschland kannte er die Rolle des Außenseiters von der Pike auf und war zeitlebens für dieses Problem sensibilisiert. Als sein eigenes Kind unterwegs war, fragte ich ihn, wie es heißen solle. „Philipp Luise“ meinte er – der sich vom Geschlecht des Nachwuchses offenbar überraschen lassen wollte. Inzwischen sind es zwei Söhne geworden, und mit dem jüngeren führt er eine WG. Als wir uns kennenlernten, arbeitete Bob an einem Kinderbuch um den märchenhaften Vagabunden Arthur Dundi, aus dem er einige Passagen auch öffentlich vortrug. Seine Mutter wollte die Illustrationen beisteuern, doch ihr früher Tod erlaubte ihr nur einige wenige (die sahen wirklich toll aus!). Mit dem Eintritt in das geregelte Berufsleben innerhalb des künstlerischen ist dieses Projekt leider nicht wahr geworden.
Vielleicht holt Bob es ja jetzt nach. 

Bob as seen on Facebook

Dieser Beitrag wurde unter Theater abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.