Epoche der Auflösung

Eine Kollegin, die früher in meiner Nachbarschaft wohnte, hat sich in zwei Umzügen Richtung Osten immer weiter von mir entfernt. Von Zeit zu Zeit fragt sie mich in E-Mails, ob ich dies oder das von ihr übernehmen möchte: einen Stapel Bücher, ein paar CDs, eine DVD-Box. Das ist selbst in unseren Tagen der privaten Regal-Auflösungen und der Geschenkekartons vor den Haustüren, in der Kulturelles zunehmend gestreamt und in „die Cloud“ verschoben wird, bemerkenswert. Denn eigentlich ist meine Kollegin (nur wenige Jahre älter als ich) eine Sammlerin und digitalen Verheißungen gegenüber vorsichtig. (Und außerdem gelernte Bibliothekarin.) Ich habe sie also bei ihrem letzten Angebot gleich nach dem „Gerne, dankeschön!“ gefragt: „Bedeutet dir das alles nichts mehr? Hast du den Bezug dazu verloren? Oder willst Du Dich einfach nur … räumlich optimieren?“ Es sei eher Zweiteres, antwortete sie. Mehr als drei Bücher pro Thema brauche sie nicht, und was man 20 Jahre nicht mehr in die Hand genommen habe, könne wirklich weg. Es ist wohl auch etwas im Weg. Noch einmal umziehen wolle sie nämlich nicht, schon wegen der restlichen Bücher.

In diesem Punkt herrscht Einigkeit zwischen uns: umziehen werde ich freiwillig auch nicht wieder. Aber obwohl auch bei mir der Platz nachlässt, liebe ich meine Bücher und Platten, jedes einzelne Stück, und was ich lange nicht gehört oder gelesen habe, ist eher besonders attraktiv, wenn es mal wieder hervorgeholt wird. Ich nehme lieber Doppeltes in Kommission (zur wohlüberlegten Weitergabe) als es umkommen zu lassen.
Doch es gibt auch Mahnungen auf meinem Wege. Und oftmals ist eine „Frau im Haus“ ihre Verkünderin und der Auslöser für die Verkleinerung des jeweiligen Bestandes. Ein Bekannter, der mir in regelmäßigen Abständen ganze Bücherstapel überlässt (vorsortiert zu einem meiner Lieblingsthemen), hat sich seine Wohnung mit Büchern so hemmungslos vollgeplundert, dass man buchstäblich über sie hinübersteigen oder unter ihnen durchklettern muss (vor allem seine Lebensgefährtin, die Ärmste). Gebundenes Papier stapelt sich in sämtlichen Räumen, Durchreichen und Durchgängen, bildet verstaubende Krater und ist offensichtlich längst keiner Ordnung mehr unterworfen.
Was sich nicht mehr einsortieren – und somit im Bedarfsfall nicht mehr wiederfinden – lässt, wäre auch mir zuviel. Ehrenwort!

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