Technicolor für die Ohren – Die Kunstkopf-Stereophonie (2/3)

Fortsetzung vom 3.9.2021

In den Hörspielredaktionen war man Anfang der 70er Jahre von diesem Qualitätssprung hellauf begeistert, der vom Konsumenten mit gewöhnlichen Kopfhörern genossen werden konnte. Der Hörspielregisseur Ulrich Gerhardt (Leiter der Abteilung Wortproduktion beim RIAS Berlin 1970-80) war es, der der neuen Technik den Weg in die Rundfunksender ebnete. Zur Präsentation auf der Berliner Funkausstellung 1973 und zur Ausstrahlung auf RIAS, BR und WDR wurde der amerikanische Science-Fiction-Krimi „Demolition“ als erstes Kunstkopf-Hörspiel weltweit aufbereitet. Alfred Besters zugrundeliegender Roman „The Demolished Man“ von 1953 spielt im 24. Jahrhundert: Telepathie wird zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt, und die beiden letzten Wirtschaftsimperien des Sonnensystems bekriegen sich. Das Hörspiel hatte nicht nur die abendfüllende Länge von 100 Minuten (üblich sind maximal 55 Minuten, um problemlos ins Sendeschema zu passen), seine Besetzung wartete auch mit einigen der beliebtesten Synchronsprecher auf:  Gert Günther Hoffmann, Arnold Marquis und Friedrich W. Bauschulte.

Ulrich Gerhardt, der in den nächsten Jahren zum Spezialisten für die Kunstkopf-Regie werden sollte, konnte bei „Demolition“ noch auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgreifen. Von vorneherein war ihm nur eines klar, wie er 2013 dem BR erzählte: „dass der Kunstkopf Räume braucht. Und diese Räume müssen so interessant und so unterschiedlich wie möglich sein.“ Im Studio konnte eigentlich nur gemischt und geschnitten werden, die eigentlichen Aufnahmen brauchten, wie beim Film, Schauplätze. Zunächst fand man diese im Funkhaus – in den Gängen und im Treppenhaus. Für eine planetarische Open-Air-Szene zog das Team in den frühen Morgenstunden in einen Garten in Zehlendorf, wo eben die Vögel zu zwitschern begannen. Viel musste mit der Distanz zum Mikrofon experimentiert werden, mit dem Winkel, in dem sich die Schauspieler auf den Kunstkopf zubewegten usw. (Das Schneiden von einem Teil der Szene in den anderen ist bei diesem Erstlingswerk noch nicht zufriedenstellend und sollte sich rasch bessern.) Hinzu kam, dass der Kunstkopf überaus empfindlich ist (ähnlich wie die hochauflösenden Kameras unserer Tage) und nicht nur das aufnimmt, was er soll. An Originalschauplätzen wimmelt es naturgemäß von Nebengeräuschen.
Der sensationelle Effekt dieser Mühen rechtfertigte jedoch alle Begeisterung der Hörspielmacher.

Im ersten Jahr nach dem Erfolg von „Demolition“ entstanden 15 Kunstkopf-Hörspiele in den Ateliers der ARD sowie beim ORF und beim Rundfunk der DDR, bis zum Ende der 70er Jahre waren es rund 60. Einige dieser Produktionen machten Furore, es wurden sogar Remakes von „Hörspiel-Klassikern“ hergestellt. Ulrich Gerhardt glaubte an den dauerhaften Erfolg der Technologie und erwartete sogar ihre Anwendung bei Gesprächsrunden, im Feature und in der Reportage. In der Musik rechnete er mit spannenden Konzept-Alben. Das sollte sich nicht bewahrheiten, und auch im Hörspiel ließ Begeisterung nach einigen Jahren wieder nach. Bis in die 80er Jahre hinein gab es immer wieder ambitionierte Projekte – besonders beim RIAS und dem Rundfunk der DDR -, doch die Kunstkopf-Stereophonie konnte sich langfristig nicht als reguläres Produktionsverfahren etablieren und im ausgestrahlten Programm halten.

Der erhöhte Aufwand schlug sich auch in der Disposition nieder. Für ein Mono-Hörspiel wurden regulär fünf Tage veranschlagt, für eines in Stereo zehn. Nun verdoppelte sich wiederum die Produktionszeit – mindestens.
Und eine Banalität wurde zum Ärgernis: die Notwendigkeit von Stereo-Kopfhörern, um in den Genuss des Raumklangs zu kommen.
Zunächst sprachen die Anmoderationen von einer “kleinen Unbequemlichkeit“, die bald überwunden werden würde (ein Irrtum). Vor der Ausstrahlung eines Kunstkopf-Hörspiels wurde mit deutscher Gründlichkeit die richtige Verteilung der Kanäle auf rechts und links angemahnt, die Einstellung des Balance-Regler, der Höhen- und Tiefenregler genau auf die Mitte. Die Einweisung gipfelte in der herrlichen Aufforderung: „Stellen Sie bitte Ihr Gerät so ein, dass ich aus einer Entfernung von etwa eineinhalb Meter zu Ihnen zu sprechen scheine!“ Die Wahl der richtigen Lautstärke fand man nämlich auch sehr wichtig.

Wer all diese Anweisungen befolgte, hatte noch ein bis heute ungelöstes Problem: der Rundum-Sound kommt tatsächlich aus allen Richtungen, mitunter sogar von oben, aber nicht von vorne. Ulrich Gerhardt hat dieser Mangel keine Ruhe gelassen, den auch die Erfinder des Verfahrens nicht  hatten beheben können. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Ursache in der Funktionsweise des menschlichen Ohres liegt. Es sortiert eine Klang-Information, zu der es kein Bild gibt, automatisch nach hinten in den Toten Winkel. Diese evolutionäre Gesetzmäßigkeit ist unveränderlich.

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