Besser als sein guter Ruf

betr.: „The Father“

Der Film „The Father“ bleibt auf der Leinwand, was er zuvor schon auf der Theaterbühne war: ein dichtes Kammerspiel. Die Schauspielerei des kleinen Ensembles ist makellos und ohne Mätzchen. Die Handlung spielt fast ausschließlich in einer luxuriösen Londoner Wohnung, und doch führt sie uns in eine Vielzahl von Welten, die einander überlappen und in denen wir uns zurechtfinden müssen. Da wir die Dinge immer so erleben wie der langsam in der Demenz versinkende Anthony, sind auch wir mit Ereignissen konfrontiert, die einander unentwegt widersprechen und die doch alle gleichermaßen realistisch und wahrhaftig aussehen.
In den Kritiken, die diesen Film einhellig lobten, habe ich viel gelesen, was mir Sorgen machte und bin nach dem Besuch des Films entsprechend erleichtert. Mehrmals war dort von symbolischen Farb-Effekten die Rede, die den wachsenden Wahnsinn des Helden illustrieren – gottlob gibt es in „The Father“ nichts dergleichen. Gepriesen wurde auch die „herzzerreißende“ Wirkung des Ganzen. Natürlich lässt ein solch präziser Blick in die eigene Zukunft niemanden kalt. Doch die Darstellung ist vollkommen schnörkellos, beinahe dokumentarisch. Da wird nichts animiert, verblendet oder gewabert, nicht einmal der Soundtrack meint, uns mit schnulzigen Vamps oder fiesen Tremoli auf die Sprünge helfen zu müssen. Gezeigt wird uns vor allem die alltägliche Banalität des verwehenden Verstandes und die makabere Situationskomik, die daraus entsteht. Das ist es, was „The Father“ zum ersten Spielfilm zu diesem Thema macht, der mich interessiert und – jawohl – ergriffen hat (im Gegensatz zu „Iris“, „Die Eiserne Lady“ oder „Honig im Kopf“, die alle ähnlich prominent besetzt waren). Sogar die Synchronfassung ist tadellos. Sie versagt nur in einem einzigen Moment zum Schluss – zugleich mit dem Hauptdarsteller Anthony Hopkins. Aber das hat sogar seine tiefere Richtigkeit. Bekanntlich kann das Publikum nur die Tränen vergießen, die auf der Bühne zurückgehalten werden.   

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