Der allgemeine Horror vor der Patina

Eine Rezensionskritik

betr.: die F.A.Z.-Besprechung von „Molière – Die große Hörspiel-Edition“

In der F.A.Z. wurde dieser Tage eine Molière-Hörspieledition angemessen ausführlich vorgestellt und übrigens gelobt. Eine Einlassung zu Beginn des Artikels hat mich irritiert.
Da heißt es: „Die Stimmung dämpft sich beim Anblick auf die Produktionsdaten. Die jüngste Inszenierung (‚Tartuffe‘) ist immerhin schon vierzig Jahre alt; vier stammen aus den Fünfzigern.“ Soso! „Dass Molières Pointen nach 350 Jahren immer noch zünden“, wie es in der Unter-Überschrift ganz richtig heißt, legt doch nahe, dass sie auch nach 280 Jahren gezündet haben dürften. Weiter: „Man hat mit solchen Archivfunden ja schon weniger gute Erfahrungen gemacht: Knistern und Rauschen, veraltete Effekte, polternde Stimmen und eine überkommene Sprechästhetik. Wenn man dann aber ‚Der eingebildete Kranke‘ hört, staunt man nicht schlecht. Da rauscht und knistert gar nichts, hier hat die moderne Tonverbesserungstechnik erstklassige Arbeit geleistet.“
Nun mal im Ernst: Hörspielproduktionen aus dieser Zeit knistern gar nicht und rauschen kaum – im Gegensatz zu manchen Filmen oder den meisten privat gelagerten Schallplatten aus dieser Zeit. Zwar hatte sich der Stereoton noch nicht durgesetzt*, aber das Hi-Fi-Zeitalter hatte bereits eingesetzt. Der Rezensent denkt hier wohl eher an wiederentdeckte Funk-Fundstücke aus den 30er Jahren. Die beklagten veralteten Geräuscheffekte wiederum dürften bei Molière kaum ins Gewicht fallen. Ein Bearbeiter, der hier zu modernen Sounds greift, wäre vermutlich auch sonstigen „Modernisierungen“ nicht abgeneigt (auf der Bühne hieße das „Regietheater“). Die befürchtete „überkommene Sprechästhetik“ ist zwar aus dem zeitgenössischen Hörspiel verschwunden, aber sie war auch in alter Zeit vor allem in weniger geglückten Produktionen anzutreffen. Heute werden stattdessen Silben verschluckt, kurzlebige Neologismen benutzt, es wird genuschelt u.ä. Ob man nun die heutigen Unsitten mehr liebt (vor denen man bei Archivaufnahmen immerhin sicher ist) oder die der 50er Jahre (auf die ich auch gern verzichte), ist Geschmacksache.
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* Siehe dazu den hier beginnenden dreiteiligen Artikel: https://blog.montyarnold.de/2021/09/03/kunstkopf/

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