Der Held mit den zwei Ouvertüren

betr.: 202. Geburtstag von Jacques Offenbach

Eines Tages habe ich mir die Noten der Ouvertüre von „Orpheus in der Unterwelt“ – einem meiner Lieblingsstücke der Klassischen Musik – einmal näher angesehen und festgestellt, dass sie mit meiner Erinnerung an das Musikstück nicht übereinstimmten.  Ein Kollege hat mir das mir vertraute Stück fotokopiert, aber die Sache blieb rätselhaft für mich. Die Lösung: Jacques Offenbach hatte zunächst gar keine Ouvertüre für seinen „Orpheus“ komponiert und sich mit wenigen Takten Einleitung begnügt – auch „Hoffmanns Erzählungen“ ist so ein ouvertürenloses Werk.
Weil das Publikum sich eine Potpurri-Einleitung so sehnlich wünschte, fertigte Carl Binder, der Dirigent der Wiener Uraufführung, eine solche an ohne den Komponisten um Erlaubnis zu fragen. Offenbach war erbost.
Als es 1874, also etwa 15 Jahre später, zu einer glanzvollen Neufassung der Operette kam, schrieb er eine eigene neuminütige Ouvertüre. Sie ist um einiges raffinierter als ihre ungenehmigte Vorgängerin, aber nicht so effektvoll und von einem gewissen Trotz geprägt. Offenbach verweigert dem Publikum den „Can Can“, auf den natürlich jeder wartet, und lässt auch die übrigen Themen weg, für die Binder sich entschieden hatte. (Es fehlt auch das Violinsolo, das mich überhaupt zum Offenbach-Verehrer gemacht hat.) Zum Höhepunkt seiner Ouvertüre macht Offenbach das Finale des Olymp-Aktes. Inmitten dieser Stretta lässt er den „Can Can“ immerhin kurz – aber chancenlos – aufblitzen.
Binders Fassung hat sich international durchgesetzt – das war die, die ich auf meinen Notenbättern vermisst habe – und sie wurde zu Offenbachs berühmtester Operetten-Ouvertüre. Die Version des Komponisten wird wenig gespielt und bei den meisten ihrer seltenen Einspielungen sogar gekürzt. Mit dem Jubiläum vor zwei Jahren könnte sich das geändert haben.

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