In der Sprachfalle (57)

Es gibt Wörter, die zuverlässig falsch verwendet werden – von jedem anderen außer einem selbst.
„Überspielen“ (im technischen Sinne) ist so ein Wort. Als wir noch mit Cassetten hantierten, in denen sich magnetisierte Bänder auf kleinen Spulen drehten, meinten wir mit dem Satz „ich überspiele es dir“: „ich mache dir eine Kopie“ (also: „ich überspiele die Aufnahme von A nach B“). Das konnte ein Song sein oder ein Film – sagen wir „Das Krokodil und sein Nilpferd“.
Das Ergebnis: hinterher gab es „Das Krokodil und sein Nilpferd“ zweimal.
Da war meine Welt der Sprachregelung noch in Ordnung.
Eines Tages – es kam ziemlich plötzlich – sagte jemand „ich habe die Cassette überspielt“ und meinte damit: „ich habe – versehentlich – den Film gelöscht, der auf der Cassette war“. Ergebnis: „Das Krokodil und sein Nilpferd“ war futsch, es gab die Aufnahme nicht mehr.
Das war das Gegenteil von dem, was dieser Ausdruck lange Zeit für uns alle (und für mich nach wie vor!) bedeutete.
Ich fühlte mich von nun an umzingelt von Menschen, die Aufnahmen nicht mehr besaßen, obwohl sie doch ständig von „Überspielungen“ sprachen.

Was tun?
Man kann die Welt bekanntlich nicht ändern, das geht nur mit dem eigenen Verhalten. In sprachlichen Zusammenhängen hat das aber seine Tücken, solange man Wert darauf legt, von der Mitwelt auch verstanden zu werden.
Nach einer Weile verliere ich schließlich die Lust, die besagte Formulierung überhaupt noch zu verwenden. Den Fehler mitzumachen, würde kneifen bedeuten.
Das benutzte Beispiel hat sich inzwischen erledigt, da Bänder in unserem Leben einfach keine Rolle mehr spielen.

Das ist aber nun auch keine Lösung …

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