Endlich wiedergesehen: „Apocalypse Now“

betr.: 91. Geburtstag von Robert Duvall, Klopfer des unsterblichen Spruches vom „Napalm am Morgen“

Zwei junge Schauspielerkollegen hatten gestern abend Lust, eine Bildungslücke zu schließen: Francis Ford Coppolas Vietnam-Drama „Apocalypse Now“. Ich freute mich, bei dieser Gelegenheit meine Erinnerung aufzufrischen und war sehr gespannt, wie ein unbefangenes heutiges Publikum mit dem berühmtesten Makel des Werkes umgehen würde.
Wir erinnern uns: obschon sich „Apocalypse Now“ als preisgekrönter Erfolg und bald darauf als moderner Klassiker erwies, gab es von Anfang an einige Einwände gegen den 3. Akt. Coppola schätzte diesen Schlussteil besonders – ungeachtet der Tatsache, dass das Chaos der Dreharbeiten hier merklich über ihm zusammenschlug, sich der schöpferische Akt seiner Kontrolle mehr und mehr entzog und sich auf die letzten Meter auch noch der „Hauptdarsteller“ Marlon Brando als unzulänglich erwies (in jeder erdenklichen Hinsicht).
Die Nachwelt interessiert sich für solche Kleingeisterei nicht besonders, und außerdem – das hat mich beim Wiedersehen durchaus gefreut – wird hier ein Engagement an den Tag gelegt, dass längst aus dem Kino verschwunden ist und digitalen Masturbationen Platz gemacht hat.

Es stellte sich heraus, dass mir der Film von uns Dreien am besten gefiel. Robert Duvalls harter Knochen, der nicht zuckt, wenn um ihn her die Bomben einschlagen, wurde noch zu den amüsanteren Auftritten gezählt, während sich die Erwartung lustvoll aufbaute, was für ein grauenvoller Mensch denn da wohl im Dickicht auf uns warten würde. (Der Held soll einen irre gewordenen Offizier beseitigen, der am oberen Lauf des Nung-Flusses ein Schreckensimperium errichtet hat. Der Film besteht hauptsächlich aus der beschwerlichen Suche nach diesem Mann.)
Das improvisierte Finale mit dem müden Dschungel-Tyrannen hielt nicht, was die unheilvolle Erzählerstimme zwei Stunden lang versprochen hatte. Hier spielt natürlich eine Rolle, dass die jungen Zuseher von der Brando- wie von der Coppola-Hysterie, die sich unterdessen gebildet hat, völlig unbeleckt sind, und das ist ja auch gut so.

Zwei Dinge haben mich überrascht. Zunächst hatte ich völlig verdrängt, dass es im besagten Finale diesen „Fotoreporter“ gibt, eine völlig unglaubwürdige Knallcharge, die nur eingebaut wurde, um das (dramaturgisch) Unaussprechliche zu erklären. (Dennis Hopper erschien mir diesmal fast noch peinlicher als der fette, unvorbereitete und von aller Regie alleingelassene Brando.)
Dann stellte ich fest, dass auf meiner Kauf-DVD auch hinter der ursprünglichen Schnittfassung der Abspann des Director’s Cut angehängt ist. Dort fehlt der Hinweis auf den Autor der Romanvorlage. „Apocalypse Now“ mag eine sehr freie Adaption sein, doch die Handlung folgt Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ konsequent und bis in die Kick-Line „The Horror! The Horror!“ hinein. Als ich den anderen erzählte, dass ich diese Auslassung unanständig finde, meinte einer von ihnen: „Der Autor kann doch froh sein, wenn er mit diesem Machwerk nicht in Verbindung gebracht wird!“ Dagegen konnte ich wenig einwenden.
_____________________________
Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2022/01/13/apocalypse-now-todesmonolog/.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Medienphilosophie, Rezension abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.