Die schönsten Filme, die ich kenne (105): „Der Ladenhüter“

Die Qualitätsunterschiede im Werk von Jerry Lewis sind ähnlich gewaltig wie bei Roman Polanski. Doch während man bei Polanski nie auf den Gedanken käme, die Filme zu verwechseln oder über einen Kamm zu scheren, droht das bei Lewis allezeit. Es lohnt also, eine Kostbarkeit aus dem Strudel herauszufischen.

Phoebe Tuttle (Agnes Moorehead, „Citizen Kane“), die selbstherrliche Chefin eines Kaufhaus-Konzerns, will die Heiratspläne ihrer einzigen Tochter Barbara (Jill St. John) sabotieren. In ihren Augen hat sich das Mädchen in einen Trottel (Jerry Lewis) verliebt. Sie stellt Norman, einen unglücklichen Pudel-Ausführer, in einem ihrer Warenhäuser an, in dem auch Barbara als Liftgirl arbeitet. Dann gibt sie ihrem Personalchef Quimby (Ray Walston, der unangenehme Mr. Dobisch aus „Das Apartment“) den Auftrag, ihm unlösbare und schmachvolle Aufgaben zu übertragen. Damit soll er sich vor Barbara nach Strich und Faden blamieren. Doch die jungen Leute meinen es ernst, und halten zueinander, allen angerichteten Verwüstungen zum Trotz.
Norman freundet sich mit Mr. Tuttle (John McGiver) an, der das junge Paar unterstützt und bei dieser Gelegenheit erkennt, wie sehr ihm der Despotismus seiner Frau zuwider ist. Einen Haken hat das junge Glück: Barbara hat Norman verschwiegen, dass sie eine Millionenerbin ist. Norman wäre viel zu stolz, um ein reiches Mädchen zu heiraten …

Sieht man einmal vom einschlägigen Filmschaffen gewisser Stummfilm-Stars ab, zählt „Who’s Minding The Store“ zu den absoluten Glanzleistungen im Reich der Klamotte, jenes ungeheuer schwierigen und weithin unterschätzten Sub-Genres der Filmkomödie. Weiterlesen

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Guy Peellaert vorher – nachher

betr.: 87. Geburtstag von Guy Peellaert

Eine Farbdramaturgie wie im Siebdruck und auch sonst museumsreif: der frühe Peellaert. Zwölf Jahre liegen zwischen der dieser und der untersten Abbildung. (Carl Schünemann Verlag 1967)

Die meisten Zeichner verändern ihren Stil über die Jahre. Einige sind in der Früh am besten (der Disney-Zeichner Luciano Bottaro etwa oder der Marvel-Künstler John Buscema), andere werden besser und besser (Jack Kirby – jedenfalls solange er sich von Marvel-Leuten tuschen ließ). Und dann gibt es jene, die ihren Strich im Laufe der Jahre bis zur Unkenntlichkeit verändern und es dem persönlichen Geschmack überlassen, welche Phase man lieber mag. Hier wäre (wieder bei Disney Europa) Massimo de Vita zu nennen. Oder Guy Peellaert.
Der erregte 1966 Aufsehen mit einem Comic, der die Stilmerkmale, die die Pop Art dem Comic entwendet hatte, dorthin zurückbrachte: „Jodelle“ („Les Aventures de Jodelle“). Die Heldin ermittelt im Rom des Jahres 007 (!), in einer poppigen Antike, in der es Nachtclubs und die Beatles gibt und in der die Autos von Pferden gezogen werden. Weiterlesen

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Horror corona vacui

betr.: verrutschte Größenverhältnisse im Fernsehen der Corona-Krise

Kürzlich fiel mir wieder auf, wie hilflos das Fernsehen mit der Corona-Situation umgeht. Formate, die seit eh und je auf das Stattfinden vor großem Publikum ausgerichtet sind, finden noch immer in den selben bzw. gleichen Dekorationen statt. Zwar haben sich bei einigen Kabarett/Comedy-Shows die Stuhlreihen gelichtet und der Abstand zur Rampe vergrößert, aber das war’s im Wesentlichen. Noch immer spielt etwa DSDS in einer pompösen Shiny-Floor-Arena von römischen Ausmaßen. Hin und wieder erweist sich das fehlende Publikum als angenehm*, aber nur Joko und Klaas gehen wirklich kreativ mit der Lage um. In allen übrigen Live-Shows tut man einfach so, als würde hoffentlich niemand merken, dass da heute keiner sitzt. Da werden auch Komödianten schonmal besinnlich. Christian Ehring wirkt in seiner Kulisse seit Monaten wie bestellt und nicht abgeholt, Oliver Welke findet im „Spiegel“ angemessen pathetische Worte, um die soldatische Tapferkeit zu beschreiben, die von einem Comedy-Chairman gefordert ist, wenn die Leute zu Hause selber lachen müssen – einzeln, Lichtjahre entfernt und unhörbar für einander.
Nach einem Jahr Corona wirkt solch selbstzufriedene Lahmarschigkeit ein bisschen wie Regierungsfernsehen.

Den Abstand zur Kamera wieder zu verkleinern und auf Kammerspiel zurückzusetzen, klingt schräg in den Zeiten extrabreiter Bildschirme, aber im Kino geht sowas ja schließlich auch (wenn auch nur live on tape).
Zur Inspiration, wie eine solche Neuordnung der Bildregie aussehen könnte, lohnt ein Blick ins Archiv.
Ich erinnere mich an einen Besuch von Gilbert Bécaud bei „Was bin ich?“– ein dynamischer Weltstar, dessen ausladendes Temperament ihm den Titel „Monsieur 100.000 Volt“ eingetragen hatte, in einem winzigkleinen, faden Studio. Als der Sänger erraten worden war, bat ihn Robert Lembke noch um ein Chanson. Bécaud machte das Beste aus den beengten Verhältnissen. Er ließ sie vergessen.
Das Licht ging aus, und der Künstler schritt nun zwischen zwei gegenüberliegenden Kameras hin und her – nur wenige Schritte jeweils – die ihn aus leicht erhöhter Position von zwei Seiten einfingen. In diese hinein schleuderte er sein immens fetziges „La solitude, ca n’existe pas“. Es war ganz großes Kino.
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* Der St. George Herald berichtete unter https://blog.montyarnold.de/2020/06/18/16127/

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (67)

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Keimzelle ist auch Zelle – Familienglück als Ideal und Schreckgespenst (2)

Fortsetzung vom 2. April

Die Familie sei nicht komisch

Im letzten Jahrhundert war die Welt zumindest in der Kunst noch in Ordnung.
Entertainment-Formate, in denen Blut wirklich dicker als Wasser war und das Ideal der loyalen Mischpoke allzu rührselig geschildert wurde – wie die Produkte aus dem Hause Disney oder TV-Serien à la „Unsere kleine Farm“ oder „Die Waltons“ – wurden beiläufig verspottet. Doch der Erfolg gab ihnen recht. Sie trugen den Hohn mit Fassung, den die Gegenstücke des Mainstream über sie ausschütteten. Beider Botschaften ergänzten sich, wie es ja auch in der Realität glückliche und weniger glückliche Hausgemeinschaften gibt.
Zum letzten Mal wurden Verhöhnungen des Klischees in den 90er Jahren zu großen Erfolgen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: die Serien „Eine schrecklich nette Familie“ („Married… With Children“) – die abwechselnd ihren traurigen Helden und dessen Angehörige in kleinen Scharmützeln obsiegen ließ – und „The Simpsons“ – die von den Medien als „chaotisch“ und „dysfunktional“ beschrieben wurden, obwohl sie letztlich ein sehr gutes Team waren.

Um die Jahrtausendwende begann die Situation zu kippen. Während das positive Bild im Sozialkundeunterricht (wie ich annehme) beim Alten blieb, bekam die mediale Darstellung eine Schlagseite. Familienkritik wurde zunehmend als unanständig empfunden. Weiterlesen

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Keimzelle ist auch Zelle – Familienglück als Ideal und Schreckgespenst (1)

Die zweite Ehe des Vaters ist durch ständige heftige Streitereien gekennzeichnet. Zuweilen geht es bei den Zeligs so laut zu, dass die Kegelbahn über der sie wohnen, sich über ihren Lärm beschwert. Als Junge wird Leonard häufig von Antisemiten schikaniert. Seine Eltern, die sich nie für ihn einsetzen und ihm für alles die Schuld geben, stellen sich auf die Seite der Antisemiten. Oft schließen sie ihn zur Strafe in einen dunklen Wandschrank ein. Wenn sie besonders wütend sind, gehen sie mit ihm hinein.

Woody Allen in „Zelig“, 1982

Denn so von Herzen hundsgemein
kann auf der ganzen Welt kein Fremder sein.


Kurt Tucholsky: „Fang nie was mit Verwandtschaft an“, 1921

Im Sozialkundeunterricht hat man uns vor vielen Jahren beigebracht, dass die Familie die Keimzelle unserer Gesellschaft sei, ihr Kern, ihre wichtigste Stütze – und was der Superlative mehr sind. Etwa um die selbe Zeit begriff ich endgültig, Weiterlesen

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Bogart, nein danke!

betr.: 58. Geburtstag des ZDF

Je nachdem, auf welchem Fuß sie mich erwischen, bedeuten die Buchstaben ZDF für mich „gewaltige Schatzkammer großer Medienereignisse“ (wenn ich ans Archiv und längst abgesetzte Formate denke) oder „tragische Mutation eines öffentlich-rechtlichen Senders, der alle Nachteile des Privatfernsehens nachgemacht oder gar übertroffen hat, ohne dessen Vorzüge ebenfalls zu kopieren“ (wenn ich es tatsächlich einschalte). War das ZDF nicht nur jener Kanal, der immer so gut verstand, mich im Vorabendprogramm frühkindlich an wegweisende Cartoons und Klamotten heranzuführen? Habe ich mich nicht „im Zweiten Programm“ erstmals über ein ins Szenenbild eingeblendetes Senderlogo geärgert (das müsste im Herbst 1983 gewesen sein)? Und (fünf Jahre später) über das erste Dauerlogo, dass gar nicht mehr ausgeschaltet wurde? Meckerte dort nicht der olle Reich-Ranicki? Stimmt alles. Fast noch wichtiger: es war das ZDF, in dem ich meine ersten Begegnungen mit Alfred Hitchcock und Billy Wilder erleben durfte, meine ersten Musicals (serienmäßig).
Es war in einem anderen Leben.
Weitaus seltener als in der ARD mit ihren zahlreichen Sendestationen gibt es im ZDF heute etwas zu sehen, was in früheren Zeiten ganz wesentlich zur Attraktivität und Beliebtheit des Fernsehens an sich beigetragen hat: Hollywood-Klassiker.

Diese Grafiken aus der „TV Spielfilm“ (März 2017) zeigen die Anzahl von Filmen mit Produktionsjahr 1960 oder früher, die pro Kalenderjahr in ARD, ZDF und den Dritten liefen.  

Wie gesagt: in der ARD sieht es nur unwesentlich besser aus. 1984 rühmte man sich dort, in den USA für 80 Millionen Dollar ein Filmpaket mit sage und schreibe 1350 Hollywood-Produktionen erworben zu haben, darunter viele Klassiker.
Nach der Jahrtausendwende liefen diese Senderechte nach und nach aus, und die alten Meister verschwanden aus dem Free-TV.  Spricht man Redakteure, Filmeinkäufer oder Sender-Presseleute darauf an, wissen diese immer ganz genau, dass das Publikum so was eh nicht mehr sehen wolle – was teils schlichtweg eine freche Behauptung, inzwischen aber auch die Folge dieser Entscheidung ist, nicht deren Ursache. Bei der Kulturverachtung, die aus ihren Argumenten spricht, glaubt man, einen Politiker reden zu hören: „Auch Klassiker werden nicht jünger. Ein Film von vor 1960 ist eben heute mindestens 60 Jahre alt.“ Wer so redet, ignoriert (aus Ignoranz oder aus Berechnung) den Umstand, dass der Blick in eine andere Zeit gerade zu den besonderen Vorzügen solcher Werke gehört. Der Tipp, sie einfach zu streamen oder sich auf DVD zuzulegen, hat den Haken, dass man ein Angebot erst einmal kennen muss, um es nutzen zu wollen. Und es treibt – wieder einmal – die potenziell Interessierten weg von der Glotze und hin zu jenen Medien, die ihr den Rang ablaufen.

Immerhin der deutsch-französische Kulturkanal arte zeigt noch regelmäßig historische Filmkunst. Das hängt mit den Gebührengeldern aus Frankreich zusammen, wo der Film traditionell einen höheren Stellenwert genießt.

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Priester, Prinz und Samurai

betr.: 87. Geburtstag von Richard Chamberlain

Der Schauspieler Richard Chamberlain hat bei uns keine durchgehende Popularität genossen. Als er in den frühen 80er Jahren durch die fünfteilige Serie „Shogun“ beim deutschen Publikum populär wurde, hatte er schon zwei Jahrzehnte in Hollywood hinter sich. Bald darauf folgte die vierteilige Familiensaga „Die Dornenvögel“, ein irrsinniger, nicht unberechtigter Erfolg, der oft wiederholt und auf Video vertrieben wurde. Anfang der 90er erlebten wir ihn noch in „Dr. Kulani –Arzt auf Hawaii“, einem Billigprodukt, das ganz gut in die hemdsärmeligen frühen Jahre des Privatfernsehens hineinpasste.

Als Chamberlain 1983 in den „Dornenvögeln“ den Pater Ralph spielte, war er für die ersten Szenen der sich über Jahrzehnte hinstreckenden Handlung schon etwas zu alt, was sein Charme überspielen half. Den entsprechenden Eindruck kann man sich bei seiner ersten großen Serienrolle verschaffen, „Assistenzarzt Dr. Kildare“ (1961-66), die bei uns allerdings nur im Vorabendprogramm bzw. im Pay-TV versteckt zu sehen war.

Richard Chamberlain im Comic. Die Figur des TV-Arztes Dr. Kildare war zuvor schon im Hörspiel und auf der Leinwand in Serie gegangen. (King Features Syndicate 1962)

Letztlich ist Richard Chamberlain ein Unvollendeter geblieben. Dafür ist sein Filmmusical „Cinderellas silberner Schuh“ (GB 1975) ein schönes Beispiel. Chamberlain meistert seine Gesangsauftritte sehr anständig – nach Philosophiestudium und Militärdienst in Korea hatte er noch eine Gesangsausbildung nachgelegt – doch der Film ist in der Flut der Dornröschen-Bearbeitungen ebenso untergegangen wie im Werk der Sherman-Brothers, die in ihren Glanzzeiten die späten Jahre Walt Disneys musikalisch gestaltet hatten.

Bezeichnenderweise sprechen wir den Namen des Künstlers nach all den Jahren noch immer falsch aus – „Tschämberläin“ statt „Tschäimberlin“.
Vermutlich trägt er’s mit Fassung.

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Mantovani Forever

betr.: 41. Todestag von  Mantovani

Für den Orchesterleiter Mantovani ist die Schublade schnell gefunden: seine Instrumentalversion des Evergreens „Charmaine“ war und blieb sein größter Hit, und sie präsentiert uns auch sein Markenzeichen: Streicher, viele viele Streicher.

Zu wirklicher Unsterblichkeit hat Mantovani allerdings verholfen, dass Hans Rosenthal seine Version des Soundtrack-Themas „In 80 Tagen um die Welt“ zum Indikativ einer wöchentlichen Radiosendung machte, die nur für kurze Zeit laufen sollte und die kürzlich ihre 2800. Folge erlebte: „Das (klingende) Sonntagsrätsel“. (Hier ist die Trompete das tonangebende Instrument.)

So klang diese Erkennungsmelodie damals – und so ähnlich klingt sie noch heute:

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Der Song des Tages: „Der Mann von Suez“

betr.: Verstopfung im Suezkanal glücklich aufgelöst

Seit heute ist der Suezkanal also wieder durchlässig für ein Drittel des weltweiten Schiffs-Containerverkehrs (falls diese Zahl stimmt – es ist der größte der unterschiedlichen Werte, die dieser Tage in den Nachrichten zu hören waren). Der Song dazu ist – zugegeben – ein Instrumental. Es stammt von einem überaus gewieften Hitlieferanten: dem Film- und TV-Komponisten Vladimir Cosma, der viele Songs entweder gleich ablieferte (wie im Falle der „La Boum“-Filme) oder seine Themen so schrieb, dass sie nachträglich zu solchen erweitert werden konnten (wie im Falle von „Die Abenteuer des David Balfour“, der der Kelly Family ihren ersten Chart-Erfolg verschaffte).

Sogar eine Singleschallplatte hat es davon gegeben, doch dieses Medium war ähnlich angezählt wie der jährliche Adventsvierteiler. Im nächsten Jahr begann die CD ihren Siegeszug.

„Der Mann von Suez“ ist eine Musik fürs Fernsehen, aber sie ist so prachtvoll, würdig und erhebend, als sei sie für die ganz große Leinwand entstanden. Weiterlesen

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