Gruppentherapie (1)

Cauchemars KinderstundeDieLilaGrilleZirptFortsetzung folgt

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Der Song des Tages: „Tiptoe Thru‘ The Tulips“

betr.: 22. Todestag von Tiny Tim

An dieser Stelle war schon häufiger die Rede davon: wahrhaft geglückte Parodien kommen ohne die vorherige Kenntnis des Originals bestens zurecht. Wir alle haben solches schon erlebt, beispielsweise, wenn wir endlich einen Film in voller Länge sahen, den uns die „Simpsons“ schon vorerzählt hatten.
Hin und wieder staunen wir, wie wenig die Parodie mitunter zu leisten hat; was wir da sehen und hören, ist eine getreuliche Wiedergabe des Geistes der Vorlage, besonders wenn wir es schon dort mit Camp* zu tun hatten. Diesen Effekt erlebt auch, wer sich zuerst den Film „Schtonk!“ ansieht und sich anschließend ein Buch zur tatsächlichen Hitler-Tagebuch-Affäre genehmigt. Oder wer sich in einem alten „MAD“-Heft über die Filmparodie „Murks im Orientexpress“ schlapplacht und hernach den eigentlichen Film anschaut: „Mord im Orientexpress“ (1974) – nicht eigentlich komisch, aber doch sehr amüsant und inhaltlich im Grunde dasselbe!

God Bless Tiny Tim

Dem US-Subkultur-Star Tiny Tim begegnete ich zuerst in der Parodie von Otto Waalkes, der den amerikanischen Tonfilmschlager „Tiptoe Thru‘ The Tulips“ in einem seiner ersten Programme in einer Falsett-Version zum Besten gab, die der zum Banjo gesungenen Tiny-Tim-Fassung von 1968 nachgebildet war. Die beiden Herren – Original und Fälschung – standen einander schon vor jener Repertoireberührung durch ihre „Gurkennase“ (O-Ton Waalkes) und ihre wallende Haartracht nahe. Beider gedenke ich heute mit zwei lachenden Augen.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/10/04/eskapismus-fuer-geniesser-was-ist-camp/

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Die wiedergefundene Textstelle: Eine Nacht in der „Höhle von Steenfoll“

betr.: 216. Geburtstag von Wilhelm Hauff

In der F.A.Z.-Serie „Mein Lieblingsmärchen“ begründete Dieter Bartetzko seine Wahl so:  „Ein unbarmherziges Märchen, so bedrückend und fesselnd wie das Leben: Eindringlicher als in Wilhelm Hauffs ‚Die Höhle von Steenfoll‘ kann vor Obsessionen nicht gewarnt werden. ‚Warum hat er denn nicht?‘ – Wenn Kinder diese Frage stellen und doch wissen, dass sie vergeblich ist, wird das Lieblingsmärchen geboren.“
Ohne es zu wissen, mag ich den selben Grund gehabt haben, warum ich dieses Märchen von Wilhelm Hauff nie vergessen habe; hier wie auch in Wilhelm Buschs „Eispeter“ wird ein junger Mensch dafür bestraft, dass er eine Warnung in den Wind schlägt, die alle anderen brav befolgen. (Wilhelm Hauff gibt sein Seemannsgarn als „schottländische Sage“ aus, getreu der Maxime „Bescheidenheit ist die schlimmste Form der Eitelkeit“.)

Jedenfalls habe ich mich bei Hauff wie auch bei Busch zu Tode gefürchtet, als ich da in meinem Kinderbettchen lag und vor dem Einschlafen diese Geschichten las.
Bei der „Höhle von Steenfoll“ hat mich das Auftauchen der Gespensterprozession besonders in Bann geschlagen:

Als er wieder zu sich selbst kam, hatte sich das Wetter verzogen, der Himmel war heiter, aber das Wetterleuchten dauerte noch immer fort. Er lag dicht am Fuße des Gebirges, welches dieses Tal umschloss, und er fühlte sich so zerschlagen, dass er sich kaum zu rühren vermochte. Er hörte das stillere Brausen der Brandung, und mitten drinnen eine feierliche Musik wie Kirchengesang. Diese Töne waren anfangs so schwach, dass er sie für Täuschung hielt. Aber sie ließen sich immer wieder aufs neue vernehmen, und jedesmal deutlicher und näher, und es schien ihm zuletzt, als könne er darin die Melodie eines Psalms unterscheiden, Weiterlesen

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Die schönsten Filme, die ich kenne (85): „Es geschah am hellichten Tag“

Die neunjährige Gritli ist bestialisch ermordet worden. Als der Hausierer Jaquier in einem Wald in Graubünden ihre Leiche findet, wird er als Tatverdächtiger festgenommen. Seine Unschuldsbeteuerungen nützen wenig, denn die Polizei steht unter Druck: zwei ähnliche Morde konnten bisher nicht aufgeklärt werden, und die Öffentlichkeit fordert ungeduldig die Präsentation eines Täters. Der Landstreicher erhängt sich in seiner Zelle, nachdem er gegenüber seinem „alten Bekannten“ Oberleutnant Matthäi (Heinz Rühmann) seine Unschuld beteuert hat, was von der Kantonspolizei als Schuldeingeständnis gewertet wird.
Matthäi, der im Begriff ist, zu einem Spezialauftrag nach Jordanien aufzubrechen, glaubt nicht daran. Außerdem geht ihm eine Zeichnung nicht aus dem Kopf, die Gritli kurz vor ihrem Tode gemacht hat. Er quittiert den Dienst, um bleiben und den Mörder auf eigene Faust suchen zu können. Schließlich verdingt er sich als Tankwart an einer Straße, die der Mörder nach seiner Überzeugung wieder befahren muss, wenn er sein nächstes Opfer sucht. Und dass es ein solches geben wird, davon ist Matthäi überzeugt …

Im Jahre 1958 war der Deutschen liebster Mime Heinz Rühmann ein wenig vielseitiger als in der übrigen Zeit seiner langen Karriere. Notgedrungen. Weiterlesen

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Sunken Rhapsodies – Konzertmusik für das Kino (3): „Orient Plays“

Der amerikanische Spielfilm „The World Of Henry Orient“ ist ein etwas obskures Produkt aus glanzvoller Zeit: Mitte der 60er Jahre befand sich eine bestimmte Art eleganter und gleichsam lässiger Technicolor-Komödien auf ihren Höhepunkt. Star des Films ist Peter Sellers, der im selben Jahr in „Der Rosarote Panther“ erstmals seine erfolgreichste Rolle spielte. Sellers spielt in „Henrys Liebesleben“ die Titel-, aber nicht die Hauptrolle: einen gefeierten Avantgarde-Pianisten, dem zwei pubertierende Mädchen nachstellen.
Wie stets, wenn ein Film in einem fiktiven Musikermilieu angesiedelt ist, müssen sich die Macher ein wenig vorführbares Material ausdenken, die der Held angeblich geschrieben hat. Hier fällt diese Aufgabe Elmer Bernstein zu, Wegbereiter des Jazz im Kino und Schöpfer solcher Ohrwürmer wie „Die glorreichen Sieben“. Er erhält den Auftrag, ein Orchesterwerk zu schreiben, das ausreichend schräg und irritierend ist, um gewisse Reaktionen zu provozieren. Eine Konzertbesucherin sagt vor Beginn zu ihrer Sitznachbarin: „Hoffentlich wird mir nicht schlecht davon“. Ein Abonnent dreht während der Darbietung sein Hörgerät leiser und genießt erst dann den Abend. Der Dirigent souffliert dem Klaviervirtuosen die richtige Tonart, die Orchestermusiker spielen zwischen ihren Einsätzen Brettspiele, und selbst die jungen Verehrerinnen finden, dass der Meister mehr üben sollte.
Soweit es mich betrifft, hat Elmer Bernstein in dieser heiklen Mission versagt, denn ich mag das Stück (- wie so ziemlich alles, war geschrieben hat).

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Die Wiedergefundene Textstelle: „Die Emigranten“

betr.: 76. Jahrestag der Uraufführung von „Casablanca“

In der guten alten Zeit, als auch unbedeutendere alte amerikanische Filme als „Casablanca“ noch zur besten Sendezeit im Fernsehen liefen, gab es zwei Arten, wie ein Fernsehabend beginnen konnte: entweder mit einer Show Ouvertüre (der Eurovisionsfanfare oder Ähnlichem, meistens am Samstag) oder mit einem zünftigen Filmvorspann. Und nicht selten war eine Vorrede in den Vorspann eingearbeitet, die uns den historischen (oder erfundenen) Hintergrund des Werkes vermittelte, eine Art „Was bisher geschah“ für ein in sich abgeschlossenes Abenteuer. Nicht nur Western und Historienfilme, auch Science-Fiction-Abenteuer leisteten sich diese Hörbuch-Einstiege, die wenig Mühe machten, aber etwas ungemein Aufwertendes hatten. Heutzutage finden wir so etwas allenfalls noch bei abendfüllenden Disney-Trickfilmen (in einem Zusammenhang also, wo eine gewisse mediale Nostalgie dazugehört).
Diese Prologe wurden mit Liebe gestaltet und mitunter prominent besetzt. Unvergessen: Curd Jürgens‚ wettergegerbte Einführung in „Die Wikinger“.* Ein Jammer, dass er uns auf einer Schallplatte zum Film nicht auch die anschließende Geschichte erzählt hat. Weiterlesen

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Hummel Hummel

Auf zwei großen Steckenpferden bin ich durch meine Kindheit geritten: Ägyptologie und Bombologie. Erstere kannte ich nur aus Büchern, denn erstens verreisten meine Eltern nie mit uns Kindern – schon gar nicht ins Ausland! – und zweitens hätte mich das Reiseziel Ägypten schon aus klimatischen Gründen nicht gereizt, so sehr mich Ästhetik und Mythologie dieses Landes auch begeisterten. Umso persönlicher war meine Tuchfühlung mit dem zweiten Thema: der Beschäftigung mit Hummeln, befand sich doch gleich im Anschluss an unser Grundstück eine riesige Wiesenfläche, und zur damaligen Zeit – es waren die 70er Jahre – summte und brummte es in den hohen sommerlichen Graslandschaften, dass es eine Lust war.
Obwohl Hummeln in der TV-Serie „Die Biene Maja“, die ich vor ihrer Entstehung sogar schon in der zugrundeliegenden Buchform genossen hatte, keine Rolle spielten, haben mich diese Tierchen immer begeistert. Schon als Kind zogen mich Widersprüche magisch an, in diesem Falle: die Kombination aus einem Insektenwesen und einem hübsch gemusterten Pelz, der bei günstigeren Größenverhältnissen geradezu kuschelig ausgesehen hätte. Weiterlesen

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Die schönsten Filme, die ich kenne (84): „Sein oder Nichtsein“

Aus cineastischer Sicht bedarf kein Film von Ernst Lubitsch (1892-1947) irgendeiner Verteidigung oder Fürsprache, und doch steht sein witzigstes und konsequentestes Werk ein wenig abseits. Der berühmte „Lubitsch-Touch“ beruht zu einem erheblichen Teil auf dem künstlerischen Spannungsfeld zwischen Romantik und der offenherzigen Frechheit, mit der sexuelle und partnerschaftliche Aspekte dargestellt werden – und das in einer Zeit, in der sich auf der Leinwand noch niemand ausziehen durfte. Immer wieder wird die satirisch gefärbte Ost-West-Romanze „Ninotchka“ als Lubitschs Meisterwerk bezeichnet, wobei wir es hier auch mit dem Herzstück des Kultes um Greta Garbo zu tun haben (was in der Nachbetrachtung gerne vermengt wird). Lubitschs Drehbuchautor und junger Kollege Billy Wilder, der sich stets auf Lubitsch als Vorbild und Maß aller Dinge berief, war mir mit dem Pfeffer seiner eigenen Dialoge und den Abgründen, die er auslotete, immer näher als Lubitsch. Eine Ausnahme ist „Sein oder Nichtsein“. Hier steckt Lubitsch alle in die Tasche!

Warschau im Spätsommer 1939 – Ein Theaterensemble probt „Gestapo“, ein hochaktuelles Nazi-Stück. Das Star-Ehepaar des Hauses hat in der laufenden Shakespeare-Aufführung ein Problem: Hamlet-Darsteller Joseph Tura muss Abend für Abend ertragen, dass ein schneidiger Offizier während seines Monologs die Vorstellung verlässt. Er zweifelt an seiner Wirkung, wäre aber vermutlich noch weniger erbaut, wenn er wüsste, dass sich dieser Mann mit seiner Frau Maria in der Garderobe trifft.
Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen werden diese und andere Eifersüchteleien unterbrochen, so auch die Ambitionen des Hitler-Darstellers aus „Gestapo“, der in „Hamlet“ nur einen Spieß tragen darf.
Der junge Offizier, ein Flieger namens Sobinsky, schließt sich in England dem polnischen Geschwader der Royal Air Force an. Bei einem Kameradschaftsabend in London lernt er den renommierten polnischen Widerstandskämpfer Professor Siletzky kennen. Dieser berichtet von seiner bevorstehenden Reise nach Polen und bietet den Fliegeroffizieren an, ihren Angehörigen persönliche Nachrichten zu übergeben. Arglos werden ihm die Adressen mitgeteilt. Sobinsky trägt ihm Grüße an Maria Tura auf und wird stutzig, als der Professor offensichtlich noch nie etwas von dieser Berühmtheit gehört hat.
In Wahrheit will Siletzky die Adressen freilich dem Feind übergeben. Weiterlesen

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Essen ohne Whatsapp

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Der Reiseführer

In unserer Nachbarschaft lebte eine junge Lollipopp-Frau, die uns wie eine etwas herbere Audrey Hepburn vorkam. Sie hatte eine große Boxerhündin namens Gigi und war stets vergnügt, ohne dass es aufgesetzt wirkte. Eines Tages besuchte sie uns, um uns mitzuteilen, dass sie in Kürze wegziehen würde. Unaufgefordert legte sie – eine kleine Geste der Wohnungsauflösung – einen Stapel billiger Taschenbücher auf die Heizung im Vorraum. Es waren alles Bücher einer Sorte, wie sie in Amerika als „Pulp“ bezeichnet wird, die Abenteuer eines Krimihelden mit starken Science-Fiction-Elementen.* Noch während meine Mutter mit der Abschiedsplauderei beschäftigt war, schnappte ich mir den Bücherstapel – was diesen vor der Vernichtung rette. Und mich in gewisser Weise auch.
Als erstes bestaunte ich die ungeachtet des billig gefertigten Inhalts sehr gekonnten und aufwendigen Titelseiten: fotorealistische Darstellungen zumeist vollkommen unrealistischer Szenen, in deren Mittelpunkt ein blonder Muskelprotz mit zerrissenem Hemd eine wachsame Pose einnahm. Weiterlesen

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