In der Sprachfalle (57)

Es gibt Wörter, die zuverlässig falsch verwendet werden – von jedem anderen außer einem selbst.
„Überspielen“ (im technischen Sinne) ist so ein Wort. Als wir noch mit Cassetten hantierten, in denen sich magnetisierte Bänder auf kleinen Spulen drehten, meinten wir mit dem Satz „ich überspiele es dir“: „ich mache dir eine Kopie“ (also: „ich überspiele die Aufnahme von A nach B“). Das konnte ein Song sein oder ein Film – sagen wir „Das Krokodil und sein Nilpferd“.
Das Ergebnis: hinterher gab es „Das Krokodil und sein Nilpferd“ zweimal.
Da war meine Welt der Sprachregelung noch in Ordnung.
Eines Tages – es kam ziemlich plötzlich – sagte jemand „ich habe die Cassette überspielt“ und meinte damit: „ich habe – versehentlich – den Film gelöscht, der auf der Cassette war“. Ergebnis: „Das Krokodil und sein Nilpferd“ war futsch, es gab die Aufnahme nicht mehr.
Das war das Gegenteil von dem, was dieser Ausdruck lange Zeit für uns alle (und für mich nach wie vor!) bedeutete.
Ich fühlte mich von nun an umzingelt von Menschen, die Aufnahmen nicht mehr besaßen, obwohl sie doch ständig von „Überspielungen“ sprachen.

Was tun?
Man kann die Welt bekanntlich nicht ändern, das geht nur mit dem eigenen Verhalten. In sprachlichen Zusammenhängen hat das aber seine Tücken, solange man Wert darauf legt, von der Mitwelt auch verstanden zu werden.
Nach einer Weile verliere ich schließlich die Lust, die besagte Formulierung überhaupt noch zu verwenden. Den Fehler mitzumachen, würde kneifen bedeuten.
Das benutzte Beispiel hat sich inzwischen erledigt, da Bänder in unserem Leben einfach keine Rolle mehr spielen.

Das ist aber nun auch keine Lösung …

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Was ist „Til-Schweiger-Kino“?

betr.: Medienlexikon Film und Fernsehen

Til-Schweiger-Kino
Sammelbegriff für eine Art von Filmen, die als serielle Produkte konzipiert und konsumiert werden, um eine spezielle Funktion in unserer Gesellschaft zu erfüllen. Sie sind der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich polargeschlechtliche Paare jederzeit einigen können, wenn es um ein gemeinsames Kulturprogramm geht. Während die Damen den Hautdarsteller anschmachten, freuen sich die begleitenden Herren, ohne allzuviel Aufwand tolerant sein zu können (und auf das, was sie nach dem Kinobesuch tun können). So ist jedem gedient. Nicht nur insofern sind diese Filme nützlich, sie tun auch der Kinobranche gut.
Die Kritiker, die sie mit den Maßstäben eines Kunstwerkes messen – und sei es ein so kommerzielles wie ein Kinofilm – tun ihnen ebenso unrecht wie der namensgebende Hersteller, der seine Arbeit für ein Gegenstück zur amerikanischen RomCom* hält und sich über ausbleibende Anerkennung ärgert, anstatt sich über den anhaltenden Erfolg bei seiner treuen Fangemeinde zu freuen.
Eine ähnliche Rolle spielten in früheren Zeiten die Spencer-und-Hill-Prügelspäße sowie die aufwändig produzierten Klamotten der Zucker-Brüder aus Hollywood für die Gruppe der junggebliebenen Halbstarken. Damals waren sich Macher, Publikum und Kritik jedoch einig, was Anspruch und Verwendungszweck der Filme betraf.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2021/06/07/18261/

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Lesen!

„Für manche Kinder ist Bildung etwas, das in ihrem Elternhaus ganz selbstverständlich da ist, andere erkämpfen sich ihren Aufstieg (…) schon früh ganz bewusst durch emsiges, bienenfleißiges Lesen, weil sie irgendwann begriffen haben, dass dies eine Leiter heraus aus dem Elend sein kann“, schreibt Annemarie Stoltenberg in „Magie des Lesens“.

Ich gehöre zu der großen Gruppe „westliche Kindheit in Friedenszeiten“, die zur Bildung schon durch Radio und Fernsehen angeregt wurde – dort fast mehr als in der Schule. Sogar an die schlechteren Kindersendungen („Maxifant und Minifant“) denke ich mit einer gewissen Zärtlichkeit zurück. Von Büchern wurde ich nicht ferngehalten, aber man trieb mich auch nicht zu ihnen hin. Die wenigen Leseempfehlungen, die ich bekam, habe ich nicht befolgt (zum Glück, wie ich heute denke).
Comics gab es eigentlich nicht. Das heißt, man hat sie mir nicht verboten, mir wurde lediglich leidenschaftslos davon abgeraten. Hin und wieder ergatterte ich ein Comicheft und profitierte jedesmal davon. Außerdem hat mir mein großer Bruder – der als Erstgeborener noch einige hatte erwerben dürfen – seinen Stapel irgendwann überlassen – für ihn das Ende der Kindheit, für mich eine Offenbarung!
Auch sonst hatte man bei uns zu Hause zu vielem keine ausgeprägte Meinung: zu kulturellen Dingen, zu politischen, zu soziokulturellen.
Wenn ich immer wieder höre, dass Verbotenes so besonders aufregend sei, frage ich mich, ob ich noch lieber Comics gelesen hätte, wenn ich es gar nicht gedurft hätte.
Schwer zu sagen.
Wahrscheinlich nicht.

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„Doc Savage – Die Festung der Einsamkeit“ (13)

Eine phantastische Erzählung von Kenneth Robeson

Siehe dazu: https://blog.montyarnold.de/2021/10/06/19056/

Fortsetzung vom 24. Dezember 2021

„Was ist mit den anderen Leuten, die alles so arrangiert haben, dass ich in Ihr Taxi steigen musste?“
„Ich hab‘ sie angeworben.“
Doc zweifelte daran, aber er ließ diesen Punkt auf sich beruhen.
„Eli Camel mit der langen Nase ist also nach Südamerika abgereist …“, sagte er. „Mit einem Flugzeug oder mit dem Schiff?“
„Mit der AMAZON MAID.“
„Und mehr wissen Sie nicht?“ fragte Doc.
„Mehr weiß ich nicht“, bestätigte Civan.
Doc ging zum Telefon. Er wusste, dass es einen Dampfer namens AMAZON MAID gab, der die Südamerika-Route befuhr, er kannte auch die Reederei, der er gehörte. Er rief das Büro der Reederei an. Er erhielt sofort Auskunft, nachdem er erklärt hatte, wer er war.
„Ja“, sagte der Mann im Büro der Reederei, „ein gewisser Eli Camel ist gestern mit der AMAZON MAID nach Südamerika abgefahren.“ Weiterlesen

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Die Unverschämtheit zum Jahreswechsel

betr.: neue Transponderfrequenzen der ARD

Zum Ausklang des Jahres produziert die ARD – der Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – mit einem Knopfdruck einige Millionen Tonnen Elektroschrott und nötigt einen großen Teil seiner Gebührenzahlergemeinde, sich neue Geräte anzuschaffen, obwohl die alten völlig in Ordnung sind. Theoretisch jedenfalls.

Man beachte, die psychologische Sorgfalt bei Auswahl und Anleitung der Sprecherin. Mit schnurrender Erotik-Masseusenstimme verklickert sie uns die „neuen Transponderfrequenzen“ wie ein Sonderangebot (nach der Melodie „ein neues Auto zum Umtausch für Ihr altes“) – wobei man solche ja immerhin ablehnen kann. Ihre beiden Ratschläge, was zu tun ist, wenn man plötzlich nur noch diese Ansage statt seines Lieblingssenders hört, werden in der umgekehrten Reihenfolge erteilt: wenn mein Gerät das neue Tonformat AAC-LC nicht unterstützt, kann ich mir auch den Sendersuchlauf sparen.
Überflüssig zu erwähnen, dass schon die bisherige Sendequalität digital und nicht verbesserungswürdig war.

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Science-Fiction Double Feature – eine Mülltrennung

betr.: 107. Geburtstag von Alfred Vohrer

Es müsste lustig sein, dachte ich, den Trash der Sixties aus der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik mit dem der USA zu vergleichen, also die letzten mutigen Verrenkungen von „Opas Kino“ mit den Nebenprodukten, in denen das alte Hollywood seine früheren Stars recycelte.
Als Beispiele wählte ich „Wartezimmer zum Jenseits“ und „Er kam nur nachts“. Beide Filme sind in Schwarzweiß und Breitwand und wurden 1964 von Meistern dieses Fachs inszeniert: „Wartezimmer“ von Alfred Vohrer, einem Lieblingsregisseur Quentin Tarantinos, „Er kam nur nachts“ vom B-Movie-Mogul William Castle. Auch die Figurenkonstellationen ähneln einander.

Die Schurken: zwei der bösesten alten weißen Männer des Filmjahres 1964

Wartezimmer zum Jenseits

Der reiche Sir Cyrus Bradley muss sterben, weil er sich nicht vom Verbrechersyndikat „Schildkröte“ erpressen lassen will. Der Student Don Micklem, sein Neffe und Erbe, sinnt auf Rache. Gemeinsam mit seinem Busenfreund Harry folgt er der Spur nach Triest. Dort trifft er eine mysteriöse Schönheit wieder, die ihm schon in London begegnet ist. Laura ist die Geliebte des Ober-Erpressers, der als angesehener Marchese di Asconi in einem Traumschloss residiert. Doch ihre Rolle in der Affäre ist komplizierter. Der Showdown findet in den Keller-Korridoren der Asconi-Villa statt.

Er kam nur nachts (The Night Walker)

Zwei Liebende begegnen sich in den Träumen von Irene. Doch ein Dritter spukt dazwischen: Weiterlesen

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Queer In The Eighties

Das Programm im Januar

Eine Filmreihe im METROPOLIS KINO Hamburg
in Zusammenarbeit mit der Queer Media Society
und der Salzgeber & Co. Medien GmbH, die viele dieser und zahlreiche andere Filme restauriert hat.

Westler
BRD 1985, Buch: Wieland Speck, Egbert Hörmann, Regie: Wieland Speck, 94 min.
Mit Sigurd Rachmann, Rainer Strecker, Andy Lucas, Zazie de Paris, Harry Baer

Alte Filme und Fernsehkrimis haben den Reiz, dass wir uns anschauen können, wie unser Land einmal ausgesehen hat. Dieses zärtliche Drama weitet den Rückblick auf die deutsch-deutsche Teilung aus. Es erzählt von einer zufälligen Begegnung, die erst zu einer seltsamen Art der Fernbeziehung führt: nur wenige Kilometer und die Berliner Mauer trennen die Liebenden, dann zu einem dramatischen Fluchtversuch, der auch die Ordnungsmacht auf den Plan ruft.
„Westler“ ist „einer der wichtigsten Schwulen-Filme, die in Deutschland gedreht worden sind“, freute sich Herman J. Huber, ein Historiker des queeren Kinos, und der muss es ja schließlich wissen! Der Film räumt außerdem mit dem alten Wessi-Vorurteil auf, „drüben“ sei man in puncto Homosexualität so viel toleranter gewesen.

So 09.01. 17:00 Uhr, Gast: Wieland Speck | Moderation: Joachim Post

Verführung: Die grausame Frau
BRD 1985, Buch & Regie: Monika Treut und Elfi Mikesch, 84 min.
Mit Mechthild Grossmann, Udo Kier, Sheila McLaughlin, Peter Weibel, Carola Regnier, Georgette Dee

Wanda ist Domina und clevere Geschäftsfrau. Ihr Name verweist auf das Objekt der Begierde in Sacher-Masochs Roman „Venus im Pelz“, das Idealbild eines Masochisten. In ihrer Galerie im Hamburger Hafen exponiert sich Wanda in bizarren sadomasochistischen Performances. Als sich ihr schwärmerischer Bühnen-Sklave Gregor in sie verliebt, muss er erkennen, dass sie privat eine ebenso manipulative Verführerin ist. Auch ihre Schülerin Justine, ihre lesbische Freundin Caren und der Journalist Mährsch werden in den Strudel dieses radikalen Lebenskonzeptes gerissen. – Der Film erzählt nicht nur vom Wechselspiel zwischen Sexualität und Macht, Pornografie und Kunst, er zeigt auch auf, wie sehr beides ganz grundsätzlich zum Kino dazugehört. Der Film war 18 Jahre auf dem „Index der jugendgefährdenden Medien“ und ist nun wieder frei verfügbar.

Mo 17.01. 19:30 Uhr, Gast: Monika Treut | Moderation: Anna Grabo

Filmpräsentation in Kooperation mit dem Altonaer Museum im Rahmen der Ausstellung „Close-Up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ (bis Juli 2022)

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Briefszenen am Mikrofon (4)

Fortsetzung vom 20.12.2021

Variante 2
Der Empfänger liest den Brief laut vor – im ON


Der Brief ist ein ideales (weil unaufwändiges) Mittel, um einen Wendepunkt der Handlung zu markieren oder große Emotionen auszulösen. Daher müssen wir um seine Konsequenzen für den von uns gespielten Lesenden wissen (sei dies der eigentliche Empfänger oder jemand anderes, der davon betroffen ist). Falls wir die Geschichte nicht vollständig kennen (etwa im Synchron oder in einem Computerspiel), müssen wir all diese Einzelheiten von der Regie erfahren oder ggf. erfragen.

Eine herzlose Mutter verhöhnt den Abschiedsbrief ihrer Tochter.

Dieser Brief wird zu zweit gelesen. Eine Frau wird erpresst und darf ihre Emotionen, nicht zeigen, als ihr ahnungsloser Gatte ihr ein Schreiben des Erpressers präsentiert, das an ihn gerichtet wurde. Der Herr ist begeistert, die Dame nicht.

Auch offizielle Verkündigungen fallen unter diese Rubrik. Diese können ein größeres Publikum haben (Ansprachen, Interne Anweisungen, Verhaltensregeln bei einem Notfall) oder eine kleine, intime Zuhörerschaft (Verlesung eines Testaments).
In diesem Falle sind die Gefühle des Verfassers der Botschaft völlig unwichtig, und auch der von uns gespielte Vorleser hält sich emotional weitgehend heraus: was er liest, ist in erster Linie für andere bestimmt. Die allgemeine Stimmung im Raum ist wichtig, unser Vortrag muss zu dem Procedere passen. Wir gestalten kein Individuum sondern jemanden, der eine Funktion erfüllt.

Ein Notar verliest einige Gutachten. Die formelle Schlampigkeit seines Vortrages zeugt von einer guten Inszenierung.

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Zwillinge, seit der Geburt getrennt

Abb.: ZDF / ARD Degeto
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Die wiedergefundene Textstelle: „Planet der Affen“ / Prolog

betr.: 97. Geburtstag von Rod Serling

Der Eröffnungsmonolog des Astronauten Taylor aus „Planet der Affen“ (1968) ist ein Funkspruch zur Erde. Er klingt inoffiziell und ein wenig flapsig, mehr wie ein Podcast, denn Taylor kann nicht sicher sein, ob sich überhaupt noch jemand für seine Botschaft interessieren wird. Das Drehbuch, dem der Text entstammt, schrieb Rod Serling nach einer Sozialsatire von Pierre Boulle, die als Science-Fiction-Abenteuer daherkommt.
In die untenstehende Fassung ist die Bearbeitung von Doug Moench mit eingeflossen, der „Planet der Affen“ als Comic adaptiert hat.

Dies ist mein letzter Funkspruch vor dem Ziel. Wir fliegen jetzt mit Automatik, hundertfünf Lichtjahre von unserer Basis entfernt, und verlassen uns jetzt auf die Computer. Meine Mannschaft befindet sich bereits im Tiefschlaf. Ich selbst werde mir auch gleich eine entsprechende Spritze geben. In weniger als einer Stunde hoffen wir unseren so lange vorbereiteten Flug hinter uns zu haben. Sieben lange Monate rasen wir seit unserem Start von Cape Kennedy jetzt schon durch den Weltraum – jedenfalls nach unserer Zeitrechnung hier an Bord.
Nach Dr. Hassleins Theorie über den Zeitablauf in einem Raumschiff, das sich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, ist die Erde in der gleichen Zeitspanne ungefähr 700 Jahre älter geworden. Tja … wenn das so ist, modern die Menschen, die uns auf diese Reise geschickt haben, längst in vergessenen Gräbern, während wir kaum gealtert sind. Weiterlesen

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