Der unbekannte Bekannte

Auf Andi*s Facebookseite ist immer schönes Wetter. Meistens ist er draußen und in hipper, deutlich jüngerer Gesellschaft. Da es sich bei allen Fotos um Selfies handelt, befindet er sich stets rechts im Bild, ein klein wenig nach unten versetzt. Dass auch seine Miene (und die der wechselnden Übrigen) jedesmal die gleiche ist, hat einen eigenartigen Effekt, wenn man sich länger auf der Seite umsieht.
Immer häufiger beschleichen mich beim Besuch seines Profils ein paar Gefühle, die ich nicht unter Kontrolle habe. So ertappe ich mich bei folgender Vision: Ich bin bei der Mordkommission einer coolen Stadt, Miami zum Beispiel. Und Andi ist umgebracht worden. Noch tappen wir hinsichtlich Täter und Motiv im Dunkeln. Es existieren keine persönlichen Aufzeichnungen des Opfers, nur diese Facebook-Seite. Und nun soll ich versuchen, mir ein Bild von diesem Menschen zu machen.
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* Name von der Redaktion geändert

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Tierhaargespräche

gerfährt von Monty Arnold

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The Glorious Theater Lyrics Of Monty Arnold: „Control Yourself“

betr.: 14. Todestag von Nana Gualdi / 84. Todestag von George Gershwin*

Vor 24 Jahren bekam ich einen erfreulichen Auftrag: Nana Gualdi bat mich, den Song „Control Yourself“ (einen parodistischen Titel von André Previn!) von Cleo Laine für ihre Personality-Show ins Deutsche zu übertragen.
Sie lobte das Ergebnis, was mich sehr freute, und baute es auch in ihre Show ein, was letztlich das noch größere Lob ist.
Im Laufe der Jahre fiel mir natürlich manches ein, was ich lieber anders gemacht hätte. Zunächst hätte ich – wie mich ein Kollege richtigerweise ermahnte – den Running Gag besser herausstellen sollen, dass der Sängerin immer dann die Gäule durchgehen wollen, wenn sie das Wort „Mann“ auch nur singt. Weiterhin ist der Reim „Wahrheit“ / „Klarheit“ echt peinlich – es sei denn, man hat kein Problem damit „Herz“ auf „Schmerz“ zu reimen. (Eigentlich ist er es auch dann noch.)


CONTROL YOUSELF
Written-By – André Previn, Dory Langdon

Ich war noch kaum drei Käse hoch, da sang mir meine Mutter schon
das alte und wenig charmante Lied:
„Beherrsche Dich!“, und seit der Zeit beschneide ich und nerv ich mich
und falle höchstens auf, wenn es keiner sieht. Weiterlesen

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Er hat an der Uhr gedreht

betr.: 98. Geburtstag von Fred Strittmatter

Wer in den 70ern aufwuchs, hörte Fred Strittmatters Musik in sämtlichen zielgruppengerechten TV-Formaten, in denen amerikanisches Material (Komödien, Cartoons, Stummfilme, Dokus, Western, Shows) für das Vorabendprogramm zubereitet wurde. Das fiel nicht auf – schon gar nicht unangenehm -, weil der Schweizer Komponist sehr vielseitig war. Die Wikipedia weiß wenig über ihn, lobt ihn aber immerhin für einige Titelmusiken („Dick und Doof“ oder „Wer hat an der Uhr gedreht?“, das Schlusslied von „Der rosarote Panther“). Doch Strittmatter und sein häufigster Partner Quirin Amper jr. waren auch im Laufe der Sendungen zu hören. Sie lieferten die Archivmusik, aus der das Underscoring zusammengestellt wurde, weil die Originalmusik nicht von den O-Tönen zu trennen war, weil es gar keine gab oder weil es zu mühsam gewesen wäre, sie aufzutreiben.

Archivmusiker haben einen sehr undankbaren und Glamour-freien Job. Zudem werden sie oftmals, wenn man sie überhaupt zur Kenntnis nimmt, auch noch zu unrecht für das Fehlen der Originalmusik verantwortlich gemacht.
Ihre besondere Kunst besteht darin, ohne Kenntnis der späteren Filmpassage etwas zu komponieren, das dann möglichst gut zum Bild funktioniert. Darin war Strittmatter unerreicht. Besonders auf dem Gebiet der Stummfilmmusik* erwies er sich als Künstler von bleibendem Wert. Ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung der klassischen Slapstick-Filme fand er ein musikalisches Idiom, das heute – weitere 50 Jahre später – noch immer bestens funktioniert, obwohl es ganz offensichtlich nicht aus der selben Epoche stammt.

Bis heute bewahrt kein frei verkäuflicher Tonträger diesen Schatz. Der Multimedia-Service Intervox hat einen Großteil von Strittmatters Arbeiten (leider längst nicht alle) für die professionelle Wiederverwendung im Angebot.
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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2020/01/21/15267/.

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Ein Wiedersehen mit den „Unbestechlichen“ („All The President’s Men“)

Gestern sah ich mal wieder „All The President’s Men“, in dem Robert Redford und Dustin Hoffman die beiden Enthüllungsjournalisten der „Washington Post“ spielen, die den Watergate-Skandal ans Licht bringen. Der Film ist selbst für die Verhältnisse der mittleren 70er Jahre sehr langsam erzählt und irritiert unsere Sehgewohnheiten weiterhin dadurch, dass er genau die Dinge abbildet, die sonst nur im funktionellen Teil des Dialogs geschildert werden. – Statt Sätzen wie „Ich habe gerade mit ihr telefoniert, und sie hat sich eine Viertelstunde lang widersprochen …“ erleben wir das Telefonat tatsächlich in all seinen quälenden Einzelheiten, und seine Länge wird durchgehalten oder zumindest fühlbar gemacht. Andererseits gibt es so gut wie keine Action, stattdessen viel Recherche und Büroarbeit. Solche Zumutungen bereitet uns der Film mit Absicht (und Erfolg). Er beschreibt die ermüdenden Seiten einer großen Operation. Der Triumph der Helden wird nur in Form von Telex-Meldungen gewürdigt.  
Aber dann gibt es diese rasanten, ungeschnittenen Kamerafahrten quer durch den berühmten Newsroom, die deshalb so ungeheuer wohltuend sind (für mich heute! Das damalige Publikum kann sie noch nicht so empfunden haben …), weil sie wirklich gleichzeitig anwesende Darsteller in einer physischen Dekoration zeigen, in der sich tatsächlich bewegt wird. In aktuellen Filmen – unabhängig von Genre und Ursprungsland – ärgert und ermüdet mich diese permanente Ortlosigkeit, die ständige Gewissheit, mit den Schauspielern vor einer Greenscreen herumzustehen. (Offensichtlich ist es auch von Schauspiel-Giganten wie Anthony Hopkins, Judi Dench oder Ian McKellen zuviel verlangt, den später konzipierten Raum mitzuspielen.)
„Die Unbestechlichen“ hat gut funktioniert, auch für meine jüngeren Mitzuseher.

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Referenzliteratur

zum Einführungskurs in die Geschichte der Comedy an der Schauspielschule Zerboni, München

Diese Liste versteht sich als Ergänzung zu den Comedy-Ratgebern, Biographien und Schnellkursen, die inzwischen erhältlich sind bzw. sich allgemein durchgesetzt haben. Um die meisten dieser Titel muss man sich antiquarisch bemühen.

„Geschichte der literarischen Vortragskunst“, Bd. 2, J B Metzler
Hier geht es zwar um das weite im Titel bezeichnete Feld, aber zeitgenössische Formate wie „Poetry Slam“ werden mit der gleichen Sorgfalt beleuchtet wie die vielen literarischen Vorläufer, die sich im Stand-Up niedergeschlagen haben Weiterlesen

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Er rechnet mit sich

Der Schauspieler Georg Uecker vermittelt gern das Bild eines Machers und Zupackenden. Ein längeres Zeitungsinterview begann er mit dem Hinweis, er sei der Typ, der immer alle vier Herdplatten gleichzeitig brennen ließe. Um keine Missverständnisse zu riskieren, betonte er am Ende des Gesprächs, auch in Zukunft werde er immer alle Viere brennen lassen: “Ich rechne mit mir!”
Der Mann muss Nerven wie Drahtseile haben, denn sowas ist doch sehr gefährlich. Vor allem, da er ja als Schauspieler sicher viel unterwegs ist.
Alfred Biolek trat immer viel gelassener auf. Zum Glück, da er ja bekanntlich sogar einen sechsflammigen Herd besitzt …

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Fliegende Holländerinnen und Holländer

Wir alle kennen diese alten Ehepaare, die man häufig auf Reisen antrifft. Die Dame quasselt ununterbrochen – kleinteilige, hastig improvisierte Sujets, die nur dazu dienen, Stille zu vermeiden – der Herr leidet stumm, reagiert so wenig wie möglich und hofft auf das, was danach kommen mag.
Ich habe als bisher Unverheirateter gute Aussichten, nicht in diese Lage zu geraten, wenn ich das betreffende Alter erreiche. Das ist in zweifacher Hinsicht beruhigend. Erstens habe ich fürchterlich gern meine Ruhe, wenn gerade nichts ist, was ich unbedingt erfahren sollte. Und zweitens bringe ich auch für die aktive Position die besten Voraussetzungen mit: ich habe Interessen, die mein Mann vermutlich nicht hätte, sehe ständig was, was du nicht siehst, reise fürchterlich ungern (und wäre von daher weniger angenehm in der Bahn). Und außerdem fällt mir immer etwas ein, worüber ich mir Sorgen machen könnte. Solange niemand da ist, der sich das alles anhören würde, kann ich es ganz gut beiseiteschieben.

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Ungeschriebene Gesetze …

… des medialen Erzählens (3/3): Hörspiel

Fortsetzung vom 3.2.2021

3. Es einfach mal anders machen

Aus dem Bemühen heraus, nicht konventionell zu sein, wird gegen die Regel, die Off-Stimme mit maximal einer Person zu besetzen, immer wieder verstoßen.

Die GeorgesSimenon-Bearbeitung „Die Glocken von Bicètre“ (NDR 2020) erzählt von der Wiederherstellung eines Schlaganfall-Patienten, der zu Beginn ins Krankenhaus eingeliefert wird und den wir begleiten, bis er es wieder verlassen darf – es ist noch mal gutgegangen, seine Genesung ist wahrscheinlich.
Die Inszenierung (Bearbeitung: Susanne Hoffmann) irritiert uns mit drei Erzählerstimmen. Zum einen hören wir die Gedanken des Patienten, dann spricht zu uns noch ein Erzähler in der Dritten Person, schließlich noch ein zweiter, der dem ersten stimmlich sehr ähnelt und von dem wir nie begreifen, warum er dem anderen die Arbeit nicht allein überlässt. Diese Drei wechseln einander unablässig ab und sind im Sinne einer trendigen Auffassung von Timing und Erzähltempo so hart wie möglich zusammengeschnitten. Im Grunde sind beide „allwissenden“ Erzähler überflüssig, da wir mit dem Ich-Erzähler bereits gut und einleuchtend versorgt sind.
Diesen „Kunstgriff“, muss der geneigte Zuhörer 80 Minuten lang immer wieder ausblenden (sprich: korrigieren).

Noch wilder treiben es „Flora und Ulysses“ in der 2015 vorgelegten Funk-Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs von Kate DiCamillo (2000). Weiterlesen

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