Der Komiker als Filmheld (10): „Funny Bones“

In dieser Reihe werden Filme vorgestellt, deren Helden Komiker sind. Nach einer kurzen Inhaltsangabe werden die Filme hauptsächlich danach beurteilt, wie kundig und glaubhaft sie diesen Beruf abbilden. (Meistens entspricht dieser Aspekt aber auch der Gesamtnote.) Biopics werden an anderer Stelle behandelt.

10. „Funny Bones“, USA 1995

„Funny Bones“ zeigt einen erfolglosen Stand-Up Comedian auf Abwegen. In der Eröffnungssequenz erleben wir das Absaufen vor einem wohlwollenden, aber unerheiterten Auditorium aus der Perspektive des Künstlers. Das ist packend und ohne Schnickschnack in Szene gesetzt. Wir erkennen, wie wichtig auch die äußeren Umstände sind, z.B. wer unmittelbar zuvor aufgetreten ist.
Nach dieser Schmach flüchtet der Held sowohl geographisch als auch künstlerisch: er sieht sich unter den Gauklern in Blackpool um, wo sein berühmter Vater die ersten Schritte tat. Ab jetzt geht es nicht mehr vorrangig um Stand-Up, aber noch immer um die Letzten Dinge der Comedy wie Timing, Dialog mit dem Publikum, Grausamkeit als wesentlichen Bestandteil des Witzes, Wahrhaftigkeit und Handwerk. Kurz vor dem Finale wird uns sogar eine wichtige Grundregel von einem der ganz Großen erklärt.*
Es ist ein großartiger Film für alle, die vor ein Publikum treten möchten – egal womit.

Näheres dazu unter https://blog.montyarnold.de/2018/10/17/funny-bones/
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* Der findet sich auch unter https://blog.montyarnold.de/2020/05/20/der-funny-bones-comedian/

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Was ist Animation?

In der alten Feuilletonbeilage einer angesehenen Zeitung fand ich diesen Hinweis:

In einem Punkt irrte der Verfasser. Die klangliche Ähnlichkeit beruht sehr wohl auf der inhaltlichen. Hier wie dort bedeutet Animation, etwas eigentlich Mausetotes in Bewegung zu versetzen und damit dem Betrachter (einvernehmlich) vorzugaukeln, es sei tatsächlich lebendig. Animatoren tun das inzwischen mithilfe des Computers. Animateure müssen nach wie vor mit vollem persönlichem Körpereinsatz zu Werke gehen.

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Abwesende Begeisterte

betr.: 51. Jahrestag der (noch nicht so genannten) ersten Folge von „Monty Python’s Flying Circus“ auf BBC One / TV-Humor unter Corona-Bedingungen.

Die ersten Live-Übertragungen mit streng gelichtetem Publikum haben sich auf den Bildschirm zurückgeschlichen, auch Galas werden wieder bei gleichzeitiger Anwesenheit gefeiert. Monatelang mussten traditionell beklatsche Formate in leeren Studios stattfinden. Den Talkshows tat und tut das sehr gut (ich hoffe, man bleibt einfach dabei!). Doch die Kabarett- und Comedyformate gerieten derart ins Schleudern, Stammeln und Muffeln, dass man hin und wieder das Gefühl hatte, die KollegInnen bei irgendetwas erwischt zu haben.

Trösten können sich alle diesseits und jenseits der Mattscheibe Versammelten mit einem Hinweis aus der Autobiographie von John Cleese. Selbst die heute als Klassiker geltenden Formate, die er im Fernsehen mitgestaltete, wurden vor rund dreihundert Zuschauern gespielt, denn „es gab das ungeschriebene Gesetz, dass weniger als zweihundert nicht angemessen lachen würden“.
Cleese weiß natürlich auch von Situationen zu berichten, in denen sich ein volles Haus ums Verrecken nicht amüsieren wollte, zum Beispiel der dritte Live-Auftritt der Pythons 1973 in Bristol. Es war so schrecklich, dass sich Cleese an eine alte Anekdote erinnerte.

Ein Schauspieler, der am Morgen seine Einkäufe erledigt, bleibt vor einem Fischhändler stehen. Er betrachtet die Fische, die in Reih und Glied mit offenen Mäulern und toten Augen präsentiert werden und ruft plötzlich aus: „O mein Gott, ich hab heute Matinee!“

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

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Orchestrated Right – Die besten Arrangements, die ich kenne (8)

„The Incredible Shrinking Man“
Musik: Foster Carling und Earl E. Lawrence
Arrangement: Dick Jacobs

Als der Film „The Incredible Shrinking Man“ Ende der 50er Jahre in die Kinos kam, waren Soundtrack-Schallplatten noch nicht selbstverständlich – jedenfalls nicht bei klein budgetierten SF-Gruselfilmen, deren Musik wirklich reines Undersoring war und keinen potenziellen Hit mitbrachte. Immerhin hatte der Vorspann mit dem Trompeter Ray Anthony einen recht prominenten Solisten.
Auf einschlägigen Soundtrack-Samplern fand man in den letzten Jahren entweder die sehr kurze Tonspurkopie des Originals oder die Version von Dick Jacobs, nicht etwa eine Schallplattenfassung.
Jacobs tut nichts eigentlich Aufregendes: er vertauscht die Temperamente, spielt das dramatische Thema bedeckt und beiläufig und bläst umgekehrt die kurzen Piano-Zwischenspiele zu einem schrillen Bläsersatz auf. Diese Schreiposaunen waren ein vertrauter Effekt aus den Mutations-Horrorfilmen der Zeit; üblicherweise pflegten sie das Herannahen von Bedrohungen zu begleiten: die Riesenpinne, den Fischmenschen, das Alien, die Gesteinsmonster.

Diese Cover-Version stellt das brillante Original* „Theme from The Incredible Shrinking Man“ auf den Kopf – und gleichsam wieder auf die Füße.
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* Schlecht für Schallplattenfreunde, gut für uns alle: die ominöse „Originalversion“ mit Ray Anthony ist Normalsterblichen nirgendwo sonst als auf Youtube zugänglich: https://www.google.com/search?q=Ray+Anthony+The+Incedible+shrinking+Man&rlz=1C1CHBD_deDE764DE764&oq=Ray+Anthony+The+Incedible+shrinking+Man&aqs=chrome..69i57.11277j0j15&sourceid=chrome&ie=UTF-8

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (42)

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Das Capote-Vidal-Zerwürfnis

betr.: 96. Geburtstag von Truman Capote (gestern)

Die beiden erst befreundeten, dann lange übel zerstrittenen Schriftsteller Gore Vidal und Truman Capote* miteinander zu vergleichen, ist so naheliegend wie aussichtslos. Es ist vergleichbar mit der unsterblichen Beatles-Stones-Assoziation. Capote ist die Beatles, Vidal ist die Stones.
Capote war ein verschrobenes Wunderkind aus bescheidenen und wunderlichen, ländlichen Verhältnissen, das – einmal in New York angekommen – zum Darling der kulturellen High Snobsiety wurde, wozu sein schriftstellerisches Genie ebenso beitrug wie seine skurrile Erscheinung (ein zunächst elfenhaftes, zierliches Wesen mit Fistelstimme, das zuletzt zu einem verquollenen, drogensüchtigen Wrack heruntersank, welches seine verbalen Spitzen gegen die eigenen Freunde und Bewunderer richtete und sich damit weitgehend isolierte). Vidal (ebenfalls schwul), lebenslanger Dandy, wurde in die höchsten Kreise hineingeboren (Großvater Senator, Vater Luftwaffenpilot und Fluglehrer in West Point, verschwägert mit den Kennedys …) kokettierte mit künstlerischen und politischen Ambitionen und war zeitlebens ein Lästermaul – was ihm aber niemals verübelt, sondern stets als Esprit angerechnet wurde.

Die Polarität der beiden bringt Vidal trefflich-selbstentlarvend mit der Äußerung auf den Punkt, sein verhasster Kollege möge zwar die avancierteren Bücher schreiben, dafür kriege er aber sein Leben nicht auf die Reihe und vor allem die Männer nichts in Bett, die er haben wolle. Selbstentlarvend deshalb, weil er (wofür beide nichts konnten) schlichtweg der attraktivere Mann war und weil er das Wort „avancierteren“ wählt, wo „besseren“ die Sache akkurater beschrieben hätte.
Vidals Arbeiten waren stets nur Zeitvertreib. Sie strotzen vor der Eitelkeit ihres Verfassers und seiner Weigerung, irgendjemanden oder irgendetwas neben sich (oder überhaupt) gelten zu lassen. Sie sind mit seinem Ableben (also ohne ihren aktuellen Boulevard-Bezugspunkt) allenfalls als Zeitdokumente interessant, während Capotes Erzählungen nicht aufhören, poetisch, packend und relevant zu sein.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.de/2016/07/31/die-goetter-neben-ihm/

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Orchestrated Right – Die besten Arrangements, die ich kenne (7)

„You Only Live Twice“
Musik und Arrangement: John Barry, Text: Leslie Bricusse

Ein Bond-Spezialist hat die Musik für das fünfte 007-Abenteuer “You Only Live Twice” als John Barrys einfühlsamsten Soundtrack bezeichnet. Das war 1981, doch es stimmt noch immer – ungeachtet beispielsweise der zu recht preisgekrönten Mittelalter- und Afrika-Abenteuer, die der Komponist vorher und seither geschaffen hat.
Der komplett in Japan spielende Film erlaubt John Barry ein einheitliches und ungestörtes Eintauchen in ein fernöstliches Phantasieland, das im Titelsong umfassend heraufbeschworen wird. Kein Bond-Song hat mich schon beim Anhören der ersten Töne so unrettbar eingewickelt.

Barry, der von Anfang an dazugehörte, etablierte sich intern erst mit dieser Arbeit als festes Mitglied des Bond Teams und dessen musikalischer Leiter – bei einem Film, in dem der Hauptdarsteller längst keine Lust mehr auf seine Glanzrolle hat.
Das Arrangement stammt wohl von John Barry – dafür spricht bereits, wie kunstvoll das Intro sowohl in das Underscoring wie auch in die Begleitung von Nancy Sinatras Gesang hineingewoben ist. Gleichwohl weist das Kleingedruckte der Discographie in einer Barry-Biographie als Arrangeur und Dirigenten des Titelsongs einen gewissen Billy Strange aus. (Wenn es jemand genau weiß, freue ich mich über Zuschriften.)

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Zeitlose Gefühlswelten

betr.: 4. Jahrestag der deutschen Uraufführung von „Frantz“

In einer deutschen Kleinstadt trauert Anna um ihren Verlobten Frantz Hoffmeister, der im eben zuendegegangenen Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen ist. Sie verweigert sich den Avancen eines deutschnationalen Verehrers und igelt sich in ihren Erinnerungen ein. Täglich besucht sie das Grab ihres Liebsten, um Blumen niederzulegen. Eines Tages beobachtet sie dort einen geheimnisvollen jungen Mann. Der Fremde, ein Franzose namens Adrien, trauert kaum weniger intensiv um Frantz als sie. Als er dessen Eltern besucht, wird er als „Erbfeind“ vor die Tür gesetzt. Doch für Anna, die als zärtlich angenommene Schwiegertochter im Hause lebt, wird er in den nächsten Tagen zur Weiterlesen

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Als Fake überzeugend

Wenn in Bühnenmusicals genau der eine Song fehlt, auf den alle warten – etwa der Super-Oldie „Pretty Woman“ in „Pretty Woman“ oder „My Heart Will Go On“ in „Titanic – Das Musical“ -, dann hat das immer einen Grund. Natürlich könnte man ihn den Menschen erklären (es geht jedesmal um Geld), aber es tut niemand. Der Veranstalter hofft, das Publikum bemerke die Leerstelle nicht oder ginge wegen der überwältigenden Qualität der gesamten Darbietung darüber hinweg. Diese Missachtung der kollektiven Zuschauererwartung ist – allen ungesagten Ausreden zum Trotz – herablassend.
Der heftigste (wenn auch nicht prominenteste) derartige Fall war im Jahre 1988 die Bühnenfassung des Musikfilms „Fame“ von Alan Parker. Der Refrain des gleichnamigen Titelsongs wurde im Laufe der Show einmal kurz angespielt, als müsste man sich einer Pflicht entledigen. Der Rest des Repertoires aus dem Film fehlte völlig. Auch Handlung und Personal wurden neu erfunden, nur das Thema blieb: die Ausbildung eines Jahrgangs zu Musical-Darstellern.

Ich sah diese Show damals im Hamburger Schauspielhaus und fühlte mich wegen der faden neuen Musik richtiggehend verladen. Der zu Beginn präsentierte Song „I Want To Make Magic“, in dem einer der jungen Künstler seine Motivation beschreibt, eine Bühnenkarriere anzustreben, ist ein gutes Beispiel für das inhaltliche Dilemma (immerzu nur Behauptungen), ging aber immerhin ins Ohr.
Auf deutsch hörte und sah ich ihn bei einer Abschlussprüfung an einer Musical-Schule einige Jahre später wieder, und erst jetzt funktionierte er für mich.
Naturgemäß wurde „Ich will sie verzaubern“ diesmal nicht an ein Publikum adressiert – das alle Bezauberung verdient, nachdem es in eine Eintrittskarte investiert hat. Der junge Kollege machte ganz buchstäblich einen Knicks vor der Prüfungskommission und umgarnte ganz offensiv jene, für sein berufliches Fortkommen notwendig sind. Mir ist bewusst, dass niemand ein Publikum entzücken wird, dem dies nicht zuvor mit gewissen Entscheidungsträgern gelungen ist, die ihm den Zugang zu seinem Auditorium erst ermöglichen. Trotzdem grauste mir vor der berechnenden Scheinheiligkeit, die nun aus diesem Song sprach. Ein Song, der mich in diesem Zusammenhang tatsächlich überzeugte.

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