Nehm Se’n Alten!

betr.: Altersdiskriminierung in der Corona-Krise

Die Corona-Krise zeitigt ihre erste Lockerungswelle, doch eine Botschaft der frühen Lockdown-Tage wurde noch nicht wieder einkassiert. Sie betrifft die Film-Industrie (bzw. das fiktionale Fernsehspiel). Da Menschen von sechzig Jahren an zur Risikogruppe von Covid-19 zählen, werden deren Rollen aus aktuellen und anstehenden Drehbüchern herausgeschrieben. Das finanzielle Risiko im ohnehin teuren Filmgeschäft sei zu hoch heißt es aus der Branche.
Die Absurdität eines solchen Ansinnens in gesellschaftlicher wie erzählerischer Hinsicht will ich hier gar nicht ausbreiten – die möge sich jeder selbst in einem unaufgeregten Moment auf der Zunge zergehen lassen.
Was mir außerdem dazu einfällt, ist die Scheinheiligkeit der Argumentation.

Seit einigen Jahren ärgere ich mich über den digital-künstlich wirkenden Look von beinahe allem, was ich an zeitgenössischen Produkten auf dem Bildschirm sehe (ins Kino gehe ich – u.a. deswegen- kaum noch). Nicht nur die kitschige Farbdramaturgie verursacht mir Hirnsausen (dafür sind sogenannte „Farbkorrektoren“ zuständig, die jedes Einzelbild akribisch hochkitschen, bis auch ein Krimi aus München aussieht wie Bollywood).
Auch die offensichtliche Raumlosigkeit des Gezeigten vertreibt mir jeden Glauben an die Handlung. Früher wurden Fabelwesen oder Schüsse aus Laserkanonen mit der jeweiligen Tricktechnik herbeigemogelt, und das hatte (unabhängig vom Erfolg der Illusion) fast immer Charme. Heute ist jedes Wohnzimmer, jede Amtsstube, jeder Hinterhof digital manipuliert. Aus Prinzip. Kaum ein Möbel oder Accessoire sieht aus, als befände es sich wirklich im selben Raum wie die Menschen drumherum.
Amerikanische Blockbuster-Stars kokettieren gern damit, wie schwer und herausfordend es sei, vor einer Greenscreen zu agieren, allein und ohne Anspielpartner. Offiziell wird das von ihnen verlangt, weil die Illusion von Weltraum / Action / Historie es nötig mache. In Wahrheit wird es so gemacht, weil man es kann und weil es die anderen auch machen.
Was spräche also dagegen, die älteren Mitspieler ebenfalls getrennt von Stühlen, Panoramafenstern und Weltraummonstern aufzunehmen?

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Das große Quiz für Filmfreunde

Wann sind Frauen richtig ungemütlich? – „Wenn Frauen hassen“

Wer läuft denn um diese Uhrzeit noch durch draußen rum? – „Der Schrecken schleicht durch die Nacht“

Welches Schuhwerk trägt der Kapitalverbrecher auf dem Weg zur Arbeit? – „Der Mörder kommt auf leisen Socken“

Wann sind die Gondolieri besonders bunt gekleidet? – „Wenn die Gondeln Trauer tragen“

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Durcheinander im All

Heute ist „Planet der Affen“-Tag bei Kabel 1. Und weil es hier um Zeitreisen geht, ist es Ehrensache, die fünf klassischen „Planet der Affen“-Filme nicht einfach schnöde in der richtigen Reihenfolge auszustrahlen. Aber sie einfach nur rückwärts anzuordnen, zeugt nicht eben von programmplanerischem Wagemut. Leute, das ist echt super-lineares Fernsehen!

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Die wiedergefundene Textstelle: Der Funny Bones Comedian

In „Funny Bones“ (1995, Regie: Peter Chelsom) spielt Jerry Lewis eine von nur vier dramatischen Rollen seiner Karriere. Selbst ein berühmter Komiker (wie sehen ihn vornehmlich privat), ist er der Vater eines komödiantisch unbegabten Sohnes.
Auf einem Strandspaziergang arbeitet er dieses Problem mit ihm auf und denkt auch ganz grundsätzlich über die Natur des Komikers nach:

Wir waren verdammt komisch! Wir mussten keine komischen Geschichten erzählen, wir waren komisch, für das Fach geboren!
Ich wurde faul, hab Autoren engagiert, anstatt rauszuholen, was in mir steckt.
Aber das Allerschlimmste ist, immer und immer wieder mit ansehen zu müssen, wie mein eigener Sohn jämmerlich versagt.
Was habe ich dir nicht alles bezahlt? Die besten Lehrer, Star-Autoren … und alles war bei dir umsonst, Tommy! Herrgott nochmal, als ob du zu intelligent wärst, um komisch zu sein! Dieses ewige Analysieren, ich kenne das!
Tommy, es gibt zwei Typen von Komikern: den geborenen Komiker und den gelernten Komiker
(„the funny bones comedian and the non funny bones comedian“)!
Sie sind beide komisch. Einer ist einfach komisch, der andere erzählt komisch. Und Tommy – es ist Zeit, dass du’s erfährst, das tut mir am meisten weh: du bist weder noch. Du bist nicht komisch!
So ist es.
Egal, was du tust, Junge, die Leute werden nie in Begeisterung ausbrechen.

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (25)

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Geschichte des Komiker-Handwerks (20)

Fortsetzung vom 13.5.2020

Aufstieg der Stand-Up-Comedy zur eigenständigen Kunstform

Ende der 30er Jahre war mit der Burlesque Show eine weitere Facette des Unterhaltungs-Angebotes der USA untergegangen.* Ursprünglich ein literarisches Format, war sie zuletzt zur Strip-Show verkommen und verboten worden.** Für die Comedians verschwand damit ein weiterer Training Ground und eine wichtige Spielstätte. So wichen sie auf Hotelbars und Nachtclubs aus, die weniger glückliche Mehrheit landete in drittklassigen Musikkneipen oder in Striplokalen.
Doch an der Live-Kultur, die sich in den 40er und 50er etablieren sollte, hatte die Stand-Up-Comedy einen wichtigen Anteil, und hier sollte sie sich endgültig  zu einer eigenständigen amerikanischen Kunstform entwickeln. Die Rede ist von der Nachtclubszene in Entertainment-Hochburgen wie New York, Las Vegas, San Francisco und Los Angeles. Und natürlich vom Borscht Belt.

Gemeinsam mit den Nachtclubs kam die Stand-Up-Comedy in Mode, und in den Künstlervierteln – etwa dem New Yorker Greenwich Village – entwickelte sich eine eigene Szene. Diese gedieh in kleinen Cafés und Nachtclubs, deren Intimität den Dialog zwischen Performer und Publikum beförderte: den sogenannten Chichi Rooms oder Chichis. Sie boten Live-Musik (Jazz und Folk) und Poetry und hießen z.B „Mr. Kelley‘s“ (Chicago) oder „Blue Angel“ (New York). Einige Namen ließen bereits erkennen, dass auch Comedy zum Angebot gehörte: „hungry i“ (i für „intellectual“), das „Cafe Wha?“ oder „The Bitter End“. Das angelockte Publikum lässt sich unter dem Begriff Bohème zusammenfassen: Intellektuelle, Künstler, Beatniks und natürlich Studenten.
In den 50er Jahren waren diese Chichis das Hauptforum der „New Wave Stand-Up Comedians“ und sind die direkten Vorläufer der reinen Comedy Clubs.
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* Nach dem Verschwinden des Vaudeville Anfang der 30er Jahre. Siehe hierzu https://blog.montyarnold.de/2020/04/21/15818/
** Um die Jahrtausendwende gab es nach langer Pause eine Wiederauferstehung der Burlesque (ohne Comedians), die auch im Kino ihr Echo fand. Die klassische Form wird in einem Hauptwerk des Musicals gefeiert. Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/02/18/broadways-like-that-45-der-frauenversteher-jule-styne-ii/

Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“
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Bevor ich geboren wurde

Bevor ich geboren wurde, sagte der Liebe Gott zu mir: „Es gibt etwas, dass ich lieber vorher mit dir besprechen möchte. Es geht um deine Beine.“
„Wieso?“ fragte ich. „Was ist denn damit?“
„Nun“, sagte der der Liebe Gott, „wir haben heute nur noch zwei Paar zur Auswahl. Und beide sind … also … sie sind ein wenig krumm.“
„Krumm?“ fragte ich. „Ich habe sie noch gar nicht benutzt, und sie sind krumm?“
„Immerhin“, fuhr er fort, ohne auf meine Beschwerde einzugehen, „kann ich dir eine Auswahl anbieten.“
„Na, sag schon!“
„Ich habe noch einen Satz X- und einen Satz O-Beine. Du darfst dir aussuchen, was dir lieber ist. Die O-Beine sind aber ein bisschen kürzer.“
„Also, das finde ich aber wirklich …“
„Und als Entschädigung bekommst du noch ein Talent dazu. Irgendwas Musisches, Kreatives. Ich muss mal sehen, was wir noch haben.
„Na gut“, maulte ich.
Ich überlegte.
„O-Beine sind gar nicht mal unsexy“, dachte ich, nachdem ich versucht hatte, mir das Ergebnis bildlich vorzustellen.
„Lass dir Zeit“, sagte der Liebe Gott. „Überleg‘s dir in aller Ruhe!“
Ich stellte mir nun die X-Beine vor, und es sah nicht annähernd so annehmbar aus.
„Okay“, sagte ich. „Ich nehme die O-Beine! Aber ich finde es nicht in Ordnung!“
„Eine gute Wahl“, sagte der Liebe Gott, aber ich glaube, er war einfach froh, dass wir uns einig waren.

Heute denke ich, ich hätte mich anders entscheiden sollen. Nicht nur, dass ich dann ein paar Zentimeter größer wäre, ich hatte inzwischen Gelegenheit, meinen Entschluss zu überprüfen.
Ich habe das Gefühl, mein Gang könnte etwas lässiger sein. Ich bin nicht sicher, dass es an den O-Beinen liegt, aber ich habe so einen Verdacht.
Außerdem habe ich inzwischen ein paar alte Filme mit X-beinigen Filmstars gesehen, zum Beispiel John Wayne oder Charlton Heston. Und bei denen sieht es ziemlich cool aus.
O-Beine kenne ich eigentlich nur aus Sahnetorten-Filmen.
Nun habe ich den Salat!
Ich kann nichts dafür, denn als ich mich festgelegt habe, kannte ich noch keine Filme. Ich war ja noch nicht geboren.
Trotzdem ärgerlich!

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Tierhaargespräche

geführt von Monty Arnold

Weitere Lockerung der Corona-Regeln: die Schulen öffnen wieder!
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Die Outtakes von Ralf König (186): Stehaufmännchen (xx)

Dies ist eine Fortsetzung des Handtücher-Dialogs (Seite 16). Das Erdplatten-Thema wurde verlegt. „Der Text ist eigentlich ganz okay“ …

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Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (13): „Der Zimmerspringbrunnen“

betr.: 65. Geburtstag von Jens Sparschuh

„Der Zimmerspringbrunnen“ – nach dem gleichnamigen „Heimatroman“ von Jens Sparschuh (1995) – Produktion: BR 1997, 60 min., Credits unter http://hoerspiele.dra.de/vollinfo.php?dukey=1393990&SID

„Ich hoffe, Sie haben das jetzt nicht nur zufällig richtig gemacht!“

In seinem „Heimatroman“ „Der Zimmerspringbrunnen“ brachte Jens Sparschuh Mitte der 90er ein Kunststück fertig, das ich auch nach knapp 30 Jahren Wendeliteratur, Wendecomedy, Wendefilm, – theater und -kabarett eigentlich nicht für möglich halte: er behandelt Ost und West schlicht wie zwei deutsche Himmelsrichtungen, wie zwei Landstriche mit ihren Macken und Mentalitäten und  schenkt sich jeden ideologischen Hintersinn. Der Erdenschwere von 40 Jahren deutscher Teilung und des anschließenden Ossi-vs.-Wessi-Knatsches endlich enthoben, kann man sich über die Dinge amüsieren, die wir alle schon immer gemeinsam hatten – und dabei sind das nicht einmal besonders erfreuliche.

Das Hörspiel erzählt die Geschichte von Hinrich Lobek, einem abgewickelten DDR-Wohnungsverwalter, der sich im Westen auf einen Vertreterposten bewirbt. Mit Anfang 50 und nach drei Jahren Arbeitslosigkeit verspricht er sich nichts davon, eigentlich möchte er nur der etwas bedrückenden Zweisamkeit entrinnen. Doch er bekommt den Job und erweist sich zu seiner eigenen Überraschung als Verkaufsgenie. Seine verinnerlichte „sozialistische Ordnung“ ist die perfekte psychologische Strategie, um Kleinbürgern Zimmerspringbrunnen anzudrehen …

Sketche, die jeder Nonsens-Sendung Ehre gemacht hätten („Mir fällt die Decke auf den Kopf“, „Mein Hund und ich“, „Das Vertreterseminar“ …), fügen sich zu einer blitzgescheiten Komödie zusammen.

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