Daheimbleiben mit … „Follow The Money“

betr.: die Serie „Follow The Money – Die Spur des Geldes“ auf arte, in der Mediathek und zum kostenlosen Download

Der Erfolg der Streamingdienste wäre nicht denkbar ohne ein Phänomen, das einen mediengeschichtlichen Wimpernschlag zuvor geschehen ist. Es war vor allem der amerikanische Bezahlsender HBO, der den Menschen vor der guten alten Glotze mit ihrem „linearen Fernsehen“ das Gefühl gab, etwas zu versäumen: Serien, die besser sind als früher. Auch wenn immer von der Wichtigkeit des Fußballs die Rede ist, lebt das Exklusiv-Angebot der heutigen Anbieter in besonderem Maße von diesem Versprechen und von der Utopie, dass es möglich ist, Qualität am Fließband zu produzieren (an mehreren Fließbändern gleichzeitig), die sich im Regelfall mit der der „Sopranos“ (1999-2007) messen kann. Das ist selbstverständlich Unsinn, denn eine Geschichte wird ja nicht dadurch besser, dass man sie „episch“ erzählt. Im Grunde weiß dass auch jeder. Aber wer monatlich für ein Abo zahlt, der möchte wohl einfach glauben, es müsse wahr sein.

Es ist wieder einmal eine dänische Serie, die dieser Verheißung sehr nahe kommt. Sie ist als DR-Produktion auf maximal drei Staffeln angelegt und wird wie üblich von arte präsentiert. So begeistert war ich zuletzt bei „Die Erbschaft“ – wenn auch nur in der ersten Staffel.
„Follow The Money – Die Spur des Geldes“ („Bedrag“) ist als Thrillerserie um eine Einheit von Drogenfahndern eine Spur konventioneller, lernt aber von den beiden besten Vorbildern, die sich in diesem Zusammenhang denken lassen. Sie kombiniert die Parallelmontage aus den Lebenswelten der Bullen und der Drogengangster, ohne dass wir uns bequem auf eine Seite schlagen können – so gut wie es zuletzt in „The Wire“ (2002-08) gelang – mit der frustrierten Kleinbürgerfigur, die Gefallen am Verbrechen findet, weil sie dafür fachlich prädestiniert ist und zum ersten Mal im Leben so etwas wie Anerkennung erfährt. Aber die Bankangestellte Anna ist nicht einfach eine weibliche Version des krebskranken Chemielehrers aus „Breaking Bad“ (2008-13), sie ist nur eine von drei Hauptfiguren neben dem Ermittler Alf und dessen Gegenpart Nicky und tritt erst in der zweiten Folge in Erscheinung.
Die Autoren von „Follow The Money“ haben das Prinzip der Vorbilder verstanden und gehen kreativ damit um, ohne abzuschreiben, sich auf Anspielungen herauszureden oder auf das schlechte Gedächtnis des Publikums zu vertrauen. Zugegeben, hin und wieder wird es ein wenig haarsträubend – wie z.B. in einer Szene in Folge 7, bei der ein Aquarium eine Rolle spielt …

Die erste Staffel von „Follow The Money“ steht dieser Tage bei Mediathek View kostenlos zum Download bereit.

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Die Outtakes von Ralf König (184): Stehaufmännchen (xviii)

So sahen Erec und Flop ursprünglich aus: eher Bären und mit Unterbiss. Der Text nähert sich der Endfassung bereits an, doch vor der Formulierung solcher Sätze wie „Was geht?“ dürfte Ralf sehr mit sich gerungen haben …

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Geschichte des Komiker-Handwerks (3)

II. Die Komik der Sozialreportage

Die bereits im Vorwort erwähnte Kultur der direkten Publikumsansprache mit aufmüpfigem Unterton wurde schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gepflegt und gewissermaßen für die Comedy-Bühne der Zukunft eingerichtet.
In Europa war Charles Dickens (1812-1870) als gefeierter Interpret seiner eigenen Arbeiten unterwegs. Er riss das lesende wie das zuhörende Publikum mit, seine Performances waren stets ausverkauft, und ihre Wirkung beruhte gleichermaßen auf den Themen (es war die Zeit der Industrialisierung mit all ihren schrecklichen Verwerfungen), der Qualität seiner Texte, seinem Humor und seiner Vortragskunst (er hatte eigentlich Schauspieler werden wollen, scheiterte aber früh bei einem Vorsprechen). Nebenbei soll er auch den Cliffhanger erfunden haben – seine Arbeiten erschienen zunächst als Fortsetzungen.

Das amerikanische Gegenstück zu diesem Phänomen ist der sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablierende Lecture Circuit, in dem sich viele Humoristen, die Literary Comedians, zusammenfanden. Ähnlich den Kollegen der Minstrel Show arbeiteten auch sie mit sozialem Understatement: im Schutze einer etwas linkischen Kunstfigur boten sie meisterhafte sprachliche Tricks und Verballhornungen, schiefe Bilder, Anti-Sprichwörter, Tall Tales (Übertreibungsgeschichten) und immer wieder Karikaturen des ländlichen Südstaaten-Menschen.

Die beiden wichtigsten Vertreter waren bereits keine Pioniere mehr sondern Erneuerer dieser Schule. Mark Twain (1835-1910) gilt allgemein als der beste von ihnen. (Machen wir uns nichts vor: diese wohlverdiente Einordnung wurde ihm nicht zuletzt dank des anhaltenden Erfolges seiner Literatur zuteil.) Ihm voran ging Charles Farrar Browne (1834-1867), der unter dem Pseudonym Artemus Ward Karriere machte. 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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Duo-, Schein- und Gruppenselbständige zuerst!

betr.: das soziale Netz in Zeiten von Corona

Da ich als Betroffener den Ausdruck noch nicht kannte, gehe ich von einer frischen Wortschöpfung aus der Politik aus – in der großen Tradition von „Problembär“, „Amigo“ oder „Leitkultur“. Ich bin – brutalstmöglich formuliert – ein Solo-Selbständiger.
Ich gehöre also nicht zu denen, denen sofort geholfen wurde (also schon gestern), hoffe aber, dass man mich nun im zweiten Aufwasch nicht vergisst, wenn unsere Regierung Geld ausgibt, um die drohende existenzielle Not im Volk zu begrenzen.

Durch die vielen freiberuflichen Absagen, die mich zur Zeit aktiv und passiv heimsuchen, habe ich etwas freie Zeit dazugewonnen. Ich frage mich also: wie wären ich und meinesgleichen tituliert worden, wenn die Werbebranche den Ausdruck geprägt hätte – verantwortlich für unkaputtbare Begriffe wie „Bakterienkalk“, „Putzstreifen“, „TAED-System“ oder „Jod-S-11-Körnchen“?
Ich halte Sie auf dem Laufenden.

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Die wiedergefundene Textstelle: „Überfahrt“ (17)

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Philosophischer Suspense

betr.: der Roman „Maschinen wie ich“ von Ian McEwan

„Maschinen wie ich“ wird dem selbstgestellten philosophischen Anspruch auf unbeschwerte Weise gerecht, ist wendungsreich und hat zur uralten Frage, ob Maschinen eines Tages zu Gefühlen fähig sein könnten, tatsächlich ein paar frische Variationen auf Lager. Diese drei Elemente werden in so schwereloser Balance gehalten, dass  eine weitere Entscheidung umso ärgerlicher ist. McEwan traut sich nicht, den Zeitpunkt der Geschichte in die (unmittelbare) Zukunft zu verlegen oder einfach offen zu lassen (wie es erfahrene SF-Autoren schon hinreichend vorexerziert haben). Die Handlung spielt – warum, das weiß der Himmel – in der Zeit des Falkland-Krieges, also in den frühen 80er Jahren, die dann einen veränderten Fortgang nehmen. Die regelmäßigen Hinweise darauf bremsen die Handlung regelmäßig aus. Leider hat der Autor zu diesem Aspekt aber gar nichts zu sagen. Er kombiniert Tony Blair (den er ein wenig umtauft und historisch vorverlegt) mit Zügen Boris Johnsons und schenkt Jimmy Carter eine zweite Amtszeit. Das Traurigste an dieser dramaturgischen Formalität ist, dass McEwan seine Virtuosität hier regelmäßig verlässt. Er stülpt den Figuren die Mentalität der frühen 2000er, ihre gesellschaftspoltische Verfasstheit und unseren heutigen technischen Standard (Internet, Laptops, Handies …) über und entschädigt uns am Rande mit Witzchen wie einem aktuellen Beatles-Album oder dem Hinweis, dass John F. Kennedy das Attentat überlebt hat. Der Autor macht sich nicht einmal die Mühe, den Namen „EU“ auf „EWG“ rückzudatieren. Das wirkt im Vergleich zum zwischenmenschlichen Pianissimo des restlichen Textes so schlampig, als habe ein Dritter darin herumgeschmiert.
Wer die betreffenden Passagen überfliegt, den erwartet ein außerordentliches Vergnügen.

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Filmverstümmelung in der Vertikalen

betr.: „Berliner Ballade“* auf DVD

Mit großer Freude erwarb ich die langersehnte DVD des großartigen Kabarett-Musicals „Berliner Ballade“, die soeben bei Filmjuwelen herausgekommen ist. Das eigens produzierte Bonusmaterial ist sehenswert. Unter dem etwas irreführenden Titel „Ganz Berlin lacht sich kaputt – Wie die ‚Berliner Ballade‘ entstand“ findet sich eine Doku über den Regisseur des Films R. A. Stemmle, in die das titelgebende Making Of an passender Stelle eingebettet ist. Auch dem Autor der kabarettistischen Bühnenvorlage, dem verdienten Günter Neumann, wird erfreulicher Raum gegeben.

Ein unbeabsichtigter Moment der Wahrheit: Screenshot aus dem Bonusmaterial des besprochenen Artikels. (Filmjuwelen / Fiction Factory 2020)

Leider ist die Freude keineswegs ungetrübt, was das Hauptprogramm betrifft.
Schon bei der Lektüre der Credits auf der Cover-Rückseite hatte ich Grund zur Sorge: das Format ist mit 16zu9 angegeben, was bei einem Film von 1948 keinen Sinn ergibt.
In der Tat wurde das ursprüngliche 4zu3-Bild auf 16zu9 umgerechnet (was auf einer DVD einen erheblichen Qualitätsverlust bedeutet, da ein knappes Viertel der Auflösung für die schwarzen Balken rechts und links verschwendet wird).**  Außerdem wurden bei dieser Gelegenheit oben und unten Teile des Bildes abgeschnitten. Angesichts dessen ist die Restaurierung des Materials, der sich in einem weiteren Bonus-Beitrag ausgiebig gerühmt wird, nicht nur wieder aufgehoben, das Bild ist jetzt in einem schlechteren Zustand  als bei der letzten Ausstrahlung auf arte vor schätzungsweise 20 Jahren.
Diese Manipulation ist nicht nur eine Respektlosigkeit an sich, sie geht auch zulasten der Originalschauplätze, die im Making Of hilfreicherweise erläutert und zugeordnet werden.

Was soll der Blödsinn? Diese Frage ist ernst gemeint und lässt sich in einem weniger flapsigen Tonfall nicht formulieren.
_____________
* Mehr zu diesem Film unter https://blog.montyarnold.de/2017/06/19/die-schoensten-filme-die-ich-kenne-30-berliner-ballade/
** Es gibt Klassiker, die es in diesem Zusammenhang noch schlimmer getroffen hat. Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/09/13/enthauptungen-2/

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Geschichte des Komiker-Handwerks (2)

I. Dirty Hands, Dirty Face

Die Minstrel Show zählt zu den Urformen sowohl des Musicals* als auch der Comedy. Obwohl der Begriff aus der Alten Welt stammt (Minstrel = Bänkelsänger), bezeichnet er eine rein US-amerikanische Form der Unterhaltung. Ab 1840 treten nachlässig als Schwarze geschminkte Weiße in komischen, musikalischen Szenen auf. Wirkliche schwarze Darsteller hätten – selbst im niederen Tingeltangel – von einem weißen Publikum keinen Applaus bekommen. Das änderte sich auch mit dem Ende des Bürgerkrieges nicht, als es ihnen immerhin offiziell erlaubt war, öffentlich aufzutreten.
Vordergründig machte man sich in solchen Spielszenen über vermeintlich „negroide Eigenheiten“ lustig: geringe soziale Stellung, Schlichtheit, schlechte Grammatik. Das Zentrum bildet der verbale Schlagabtausch zweier Endmen, zweier Archetypen namens Tambo und Bones, denen ein Zeremonienmeister, der bessertuende Interlocutor, gegenübergestellt wird.
Ironischerweise enthält der modus operandi der Minstrel Show eine Reihe ganz und gar nicht rassistischer Aspekte. Weiterlesen

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Ayn Rand über Corona

Das einzige Geschäft, das in diesem Winter florierte, war die Unterhaltungsindustrie. Die Menschen kratzten die letzten Cents aus ihren schwindenden Nahrungsmittel- und Heizungsbudgets zusammen und drängten sich hungrig in die Kinos, um für einige Stunden dem Leben eines Tieres zu entkommen, das dazu erniedrigt war, sich um nichts anderes zu sorgen als um die Deckung seiner grundlegendsten Bedürfnisse.

Ich konnte diese Textstelle aus Ayn Rands „Atlas wirft die Welt ab“ heute morgen nicht lesen, ohne an die Zumutung zu denken, die gewisse Berliner Fußballfreunde bei dem Gedanken empfinden, möglicherweise nicht ins Stadion zu dürfen (wie die armen Schweine in anderen Regionen), um sich nicht mit dem „neuartigen Virus“ zu infizieren.
Schon diese kleine Textpassage macht deutlich, dass es hier das spätere Stadium einer Katastrophe geht, doch die darin aufgezeigte Wichtigkeit von Zerstreuung bzw. „Entertainment“ – ich als leidenschaftlicher Fußball-Nicht-Interessierter fasse das mal alles zusammen – ist erwähnenswert. Sie ist wichtig. Die Menschen im Text dürfen nicht ins Kino, und auch davon wird uns ja zur Zeit abgeraten …

Im Gegensatz zu damals – der Roman kam 1957 heraus – verfügen wir heute glücklicherweise über allerlei Methoden der Zerstreuung, die sich auch zu Hause durchführen lassen. Außerdem bestehen die Alternativen von damals fort.
Wie sagte doch ein Betroffener, der in einer TV-Sendung zur drohenden Absage der Leipziger Buchmesse befragt wurde: „Das Beste, was man in einer solchen Lage tun kann, ist doch, zu Hause zu bleiben und ein Buch zu lesen.“

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Augen zu, Ohren auf: „Das Russland-Haus“

betr.: 91. Geburtstag von Jerry Goldsmith (†)

Schlechte Filme mit guten Soundtracks (6)

Zugegeben: ich habe eine Schwäche für langsam erzählte Geschichten, auf denen ein gewisser Mehltau aus Monotonie und Tristesse liegt. (Für mich ist das Eskapismus!) Ich liebe psychologische Kammerspiele, und auch mit Agentenkrimis hatte ich schon viel Freude. Eine Starbesetzung nehme ich gerne nebenbei mit.
Die le-Carré-Verfilmung „The Russia House“ (1990) erfüllt alle diese Voraussetzungen, und deshalb wollte ich ihn unbedingt mögen. Mit einigen Jahren Abstand habe ich es in drei Sitzungen versucht, und dabei werde ich es belassen. Dieser Film lässt mich sofort nachvollziehen, warum so viele Menschen lieber schnelle, bunte, fröhliche Filme mögen und von Geschichten aus dem Kalten Krieg gerade die Nase voll haben. Er ist eine Zumutung! Dabei hatten die beiden männlichen Stars des Films ein paar Jahre zuvor in einer sehr vergnüglichen James-Bond-Klamotte zusammen gespielt, und danach lobte Sean Connery seinen Kollegen Klaus Maria Brandauer als einen der fünf besten Schauspieler der Gegenwart.

Für den bienenfleißigen, langlebigen Filmkomponisten Jerry Goldsmith war dies nur ein Job von vielen, aber seine Musik verströmt all das Flair, das der Film – obwohl der Soundtrack darin zu hören ist – ums Verrecken nicht entwickeln will. Der Komponist bezeichnete „The Russia House“ als seine liebste Arbeit.

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